Winzer werden als Quereinsteiger: Sechs Wege in den Weinberg, die niemand geplant hatte
Ein kleiner roter Traktor, Baujahr irgendwann in den Sechzigern, steht in einer Scheune in Bingen-Sponsheim. Daniel Schuhmacher hat ihn gekauft, weil sein Opa früher genau so einen fuhr. Ein Spaßprojekt zum Restaurieren, mehr nicht. Ein Jahr später hört er, dass ein Winzer im Ort aufhört und seine Weinberge abgibt. Er spricht mit seiner Frau, unterschreibt den Pachtvertrag für knapp zwei Hektar. Aus dem Maschinenbau-Techniker wird ein Winzer, ohne dass er je eine Winzerlehre gemacht hätte.
Solche Geschichten tauchen in unseren Interviews immer wieder auf, nicht bei jedem Weingut, aber öfter, als man denken würde. Der eine hat vier Jahre in einer Bank gearbeitet, die andere das Weingut geerbt, das eigentlich ihr Bruder übernehmen sollte. Zwei Freunde aus Frankfurt haben mit 300 Quadratmetern und ohne jede Ausbildung angefangen, ein Konzernmanager ist 2014 ausgestiegen. Einer hat mit 55 noch einmal komplett neu angefangen. Sechs Lebenswege, die alle in den Weinberg führen, aber keiner davon auf dem Weg, den man erwarten würde. Wer selbst mit dem Gedanken spielt, Winzer zu werden, findet hier keine Anleitung, aber sechs sehr ehrliche Antworten auf die Frage, wie das gehen kann.
Kann man Winzer werden, ohne aus einer Winzerfamilie zu stammen?
Lange Zeit lautete die Antwort: praktisch nicht. Mitte der 1990er-Jahre stammten über 90 Prozent der Winzer-Azubis aus Winzerfamilien. Heute sieht das anders aus. Nach Schätzung des Deutschen Weininstituts kommt inzwischen rund die Hälfte der Auszubildenden ohne familiären Weinbauhintergrund in den Beruf. Der Frauenanteil unter den Azubis lag zwischen 2020 und 2024 bei 30 Prozent, in den Weinbau-Studiengängen sogar bei 46 Prozent.
Gleichzeitig schrumpft die Zahl der Betriebe. Das Statistische Bundesamt zählte 2010 noch 20.290 Betriebe mit Rebfläche, 2023 waren es 14.150. Die Rebfläche selbst blieb mit rund 100.000 Hektar fast gleich, sie verteilt sich nur auf weniger und größere Betriebe. In Rheinland-Pfalz, wo fast zwei Drittel der deutschen Reben stehen, hatte 2020 nur jeder fünfte landwirtschaftliche Familienbetrieb mit einer Betriebsleitung ab 55 Jahren eine geregelte Hofnachfolge.
Das heißt im Klartext: Weinberge werden frei, weil niemand sie weiterführt. Genau in diese Lücke sind einige unserer Interviewpartner hineingewachsen, mal geplant, meist nicht.
Vom Maschinenbau in den Weinberg: Daniel Schuhmacher an der Nahe
Daniel Schuhmacher hat, wie er selbst sagt, „nicht ganz den klassischen Werdegang“. Er lernte einen völlig anderen Beruf, machte anschließend eine Weiterbildung zum Techniker im Maschinenbau. Der Weinbau lag in der Familie allerdings nur im Rückspiegel: Sein Opa hatte in Sponsheim Reben bewirtschaftet, doch nach ihm führte niemand den Betrieb weiter, die Flächen wurden gerodet. Der Name Schuhmacher verschwand von den Etiketten.
Dann kam der Traktor. „Nach meinem Techniker habe ich mir einen kleinen Traktor gekauft, so wie mein Opa ihn früher hatte“, erzählt er. Als im Ort Weinberge frei wurden, ging alles schnell: „Ich habe nicht lange überlegt, mit der Frau gesprochen und 2018 im Sommer den Pachtvertrag für knapp zwei Hektar unterschrieben.“ Eigentlich wollte er nur Trauben erzeugen und an Winzer verkaufen. Doch der erste Winterabend zwischen den Jahren mit Glühwein und Grill änderte alles: „Die Leute haben uns regelrecht überlaufen.“ Seit 2019 füllt er unter eigenem Namen ab.

Das Handwerk hat er sich nebenbei angeeignet: Maschinen an Wochenenden in der Pfalz und an der Mosel gekauft, Freunde aus dem Weinbau um Rat gefragt, den ersten Rebschnitt mit einem Kumpel an der Seite gelernt. Heute bewirtschaftet er 2,5 Hektar, darunter seit 2024 gekaufte Lagen in Rümmelsheim und Burg Layen. Sein Spätburgunder reift in gebrauchten Barrique-Fässern aus dem Burgund. Und trotzdem läuft alles noch im Nebenerwerb. „Mein Ziel ist es, das irgendwann Vollzeit zu machen. Aber das Schwierigste ist, sich einen guten Kundenstamm aufzubauen“, sagt er im Interview. Warum er es trotzdem macht? „Man kann wohl sagen, ich liebe, was ich da mache, sonst würde ich das alles auch nicht machen.“
Vom Banker zum Winzermeister: Christoph Lösch in Worms-Abenheim
Bei Christoph Lösch war der Weinbau immer da. Genau das war das Problem. Seine Familie macht seit 1806 Wein, der Gewölbekeller stammt von 1736. „Ich wollte als Kind nie Winzer werden“, sagt er. „Meine Familie hat eine Weinbautradition seit 1806 und ich fand das als Kind eigentlich immer schrecklich.“ Also machte er eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete vier Jahre in einer Bank.
Dann entschied er sich doch für den Weinbau. Seine Eltern waren, wie er es nennt, „not amused“. Das hatte seinen Grund: „Meine Eltern hielten mich für den Ungeeignetsten, weil ich nicht so praktisch veranlagt war, nie Interesse gezeigt hatte und keinen Traktor fahren konnte. Dann bin ich einfach hingegangen und habe eine Quereinsteiger-Ausbildung gemacht. Heute bin ich Winzermeister.“

Der Banker im Winzer ist geblieben, nur anders als gedacht. Auf 19 Hektar baut er historische Rebsorten wie Blauen Muskateller, Franc Pineau und Pinot Madeleine an, weil er sich in einer Stadt mit Spitzenweingütern einen eigenen Platz suchen musste: „Die Luft unter den Spitzenweingütern ist dünn. Ich wollte mich irgendwie bekannt machen.“ Dazu kam eine Ausbildung zum Kräuterführer, ein 400 Quadratmeter großer Kräutergarten und Kräuterführungen mit Fünfgangmenü. Sein Motto: „Jenseits des Mainstreams, denn wir lieben es bunt.“ Das ganze Gespräch gibt es im Interview mit Christoph Lösch.
Neuanfang mit 55: Achim Dettweiler macht aus einem Weingut zwei
Achim Dettweiler wurde ganz klassisch Winzer: Lehre ab 1983 in der Pfalz und am Kaiserstuhl, Studium in Geisenheim, Stationen in den USA und in Südafrika. „Ich hätte auch Architektur studieren können, aber dann hat mich irgendwie doch der Weinbau fasziniert und ich habe es nie bereut“, sagt er. Über 20 Jahre führte er den Betrieb gemeinsam mit seinem Bruder.
Und dann, 2020, mit 55 Jahren, der Schnitt: „Das haben wir dann komplett getrennt: Wir haben im Prinzip aus einem Weingut zwei gemacht.“ Der Bruder behielt den alten Namen. Achim Dettweiler benannte seinen Betrieb in Wintersheim nach seinem Sohn: Theos Wein und Gut. Gleichzeitig stellte er auf Bio um, seit Jahrgang 2023 ist alles zertifiziert. Seit 2018 pflanzt er ausschließlich pilzwiderstandsfähige Piwi-Rebsorten. Mehr als die Hälfte seiner Weinliste besteht inzwischen aus Sorten wie Calardis Blanc, Sauvignac oder Souvignier Gris.
Warum so spät? „Das hätte ich vielleicht auch schon früher gemacht, aber vorher musste man eben immer alles besprechen und gemeinsam entscheiden. Jetzt sind wir alleine und müssen keine Kompromisse mehr machen.“ Seine Weine beschreibt er entsprechend: „Meine Weine sind ehrlich und authentisch und dürfen auch mal Ecken und Kanten haben.“ Wie er neue Kunden über Ferienhaus und Wohnmobilstellplatz gewinnt, erzählt er im Interview.
Das Erbe, das keine Herzensentscheidung war: Yvonne Finkenauer
Manche Wege in den Weinberg beginnen mit einem Verlust. Yvonne Finkenauer aus Bubenheim war „eigentlich schon flügge“, wie sie sagt, unterwegs in der Welt, mit eigenen Plänen. Das Weingut sollte ihr Bruder übernehmen. „Das war nicht meine Juhu-Herzensentscheidung, muss ich ehrlich sagen. Mein Bruder ist 2008 tödlich verunglückt. Er sollte eigentlich das Weingut übernehmen.“ Vier Wochen nach seinem Tod wurde sie Mutter und zog zurück auf den Hof.

Eine Winzerausbildung hat sie nie gemacht. Ihr Wissen holte sie sich über Seminare und Fortbildungen, gemeinsam mit ihrer besten Freundin. Zehn Jahre lang nagte trotzdem der Zweifel, ob sie nicht doch noch eine Lehre nachholen müsste. Ein befreundeter Winzer nahm ihr den Druck: „Dein großer Vorteil gegenüber gelernten Winzerkollegen ist, dass du Weingefühl hast. Du weißt genau, wie deine Weine sein sollen, die Gutsweine, die Ortsweine, die Lagen. Das Einzige, was du brauchst, ist jemanden, der dir im Keller hilft.“
2018 nennt sie ihr „magisches Jahr“: zehn Jahre ohne den Bruder, zehn Jahre im Betrieb, zehn Jahre Mutter, der 40. Geburtstag und die offizielle Betriebsübernahme. 2022 legte sie ihren Betrieb mit dem ihres Mannes Christian Franz zusammen, heute sind es 40 Hektar. Ihr Fazit im Interview mit Yvonne Finkenauer: „Lieber einmal geweint, aber ehrlich und authentisch. Das macht unser Weingut aus: Wir sind eben ehrlich, authentisch und gefühlvoll.“
Fünf Freunde, ein Hektar Steillage: Weingut 5 im Rheingau
Die vielleicht unwahrscheinlichste Geschichte beginnt in Frankfurt, bei ein paar Flaschen Bordeaux. Fünf Freunde, darunter ein Architekt und ein Fotograf, subskribieren seit Jahren gemeinsam Rotwein. Dann kommt einer mit einer Idee: Ein Freund von einem Freund hat im Rheingau 300 Quadratmeter Weinberg. Wollen wir das nicht zusammen machen? „Wir haben gesagt: Machen wir nebenbei“, erzählt Andi, der Architekt. Keiner der fünf hatte Weinbau gelernt. Drei stiegen wieder aus, weil es zu viel Arbeit wurde. Der Name blieb: Weingut 5.
Wie man sich das alles beibringt? „Gar nicht, jedenfalls nicht auf der Schulbank. Wir machen alles selbst und haben keine Ausbildung. Wir haben durchs Machen gelernt, wie es geht: Learning by Doing.“ Die Kollegen im Rheingau halfen, auch wenn sie das Projekt anfangs belächelten: „Die Frankfurter, die sich Weinberge kaufen und mal Wein machen wollen, das fanden viele eher skurril. Aber man hat uns immer Tipps gegeben.“ Der Anspruch kam über eine einzige Flasche Höllenberg vom Assmannshäuser Weingut August Kesseler, die so gut war, dass die beiden beschlossen: Wenn das hier möglich ist, dann auch für uns.

Aus den 300 Quadratmetern wurde Parzelle für Parzelle gut ein Hektar, zusammengekauft von rund 35 Familien, alles aufgegebene Steillagen, die niemand mehr wollte. Die Pflanzung im Naturschutzgebiet brauchte fast ein Jahr und rund zwanzig Gremien. Zwischen 2009 und 2012 luden die beiden jeden 1. Mai achtzig Freunde aus Frankfurt ein, die an einem Tag 2.000 Quadratmeter bepflanzten. Heute keltern Andi und Thomas zwei Pinot Noirs, der 2022er Berg Kaisersteinfels bekam bei Falstaff 96 Punkte. Reich werden sie damit nicht, das sagen sie selbst. Was es stattdessen braucht, steht im Interview mit Weingut 5: „Man muss mit dem Herzen rangehen, nicht mit dem Kopf. Jeder sagt einem: wirtschaftlich völliger Unfug und ohne es je gelernt zu haben, könnt ihr das sowieso nicht. Aber wenn man nicht dafür brennt, kann man es auch gleich sein lassen.“
Vom Chefbüro in den Weinberg: Robert Wurm in Lorch
Robert Wurm nennt sich selbst „klassischer Quereinsteiger“. Sein Lebenslauf gibt ihm recht. Jahrzehnte in der Industrie, Konsumgüter, dann Automotive, drei Jahre in Korea, fast 40 Jahre Kendō. „Am Ende war ich in der Führung eines DAX-Konzerns, zwei Ebenen unter dem Vorstand. Von dort hätte ich den nächsten Schritt machen können, sollen, wollen, müssen, oder eben das tun, was ich wirklich tun möchte. Ich habe mich für Letzteres entschieden: 2014 bin ich aus der Welt der Industrie ausgestiegen und in die Welt des Weins eingestiegen.“

Er übernahm ein 1841 gegründetes Weingut in Lorch, am äußersten Rand des Rheingaus, acht Hektar Schiefer-Steillagen mit bis zu 60 Prozent Hangneigung, alles Handarbeit. Wer dabei an ein Aussteiger-Idyll denkt, bekommt eine nüchterne Antwort: „Romantik ist eher das, was man im Bild nach außen transportiert. Im täglichen Betrieb hat sie keine Funktion. Das hier ist ein Geschäft, das vollen Einsatz und volles Herzblut erfordert.“ Seine Frau arbeitet weiter in der Industrie, im Weingut ist er „der einzige ständige Mitarbeiter, mit Hirn, Hand, Fuß und Herz“. Warum er trotzdem lieber Riesling macht als Schrauben verkauft, erklärt er im Interview: Wein braucht niemand, man kauft ihn, weil man ihn haben will.
Sechs Wege, ein Muster: Was die Geschichten verbindet

Nimmt man den Begriff eng, sind vier der sechs echte Quereinsteiger: Daniel Schuhmacher aus dem Maschinenbau, Christoph Lösch aus der Bank, Andi und Thomas aus Architekturbüro und Fotostudio, Robert Wurm aus dem Konzern. Die anderen beiden hatten den Weinberg vor der Haustür und mussten trotzdem einen Weg gehen, den sie sich so nicht ausgesucht hatten. Gemeinsam ist allen sechs, dass der Beruf nicht vererbt wurde, sondern gewählt. Und dass die Entscheidung selten am Schreibtisch fiel.
| Wer | Vorher | Auslöser | Heute |
|---|---|---|---|
| Daniel Schuhmacher, Nahe | Maschinenbau-Techniker | Ein alter Traktor und frei werdende Weinberge (2018) | 2,5 Hektar, Nebenerwerb, eigener Flaschenwein |
| Christoph Lösch, Rheinhessen | Kaufmännische Ausbildung, vier Jahre Bank | Entscheidung gegen den Willen der Eltern | Winzermeister, 19 Hektar, historische Rebsorten |
| Achim Dettweiler, Rheinhessen | Winzer im Betrieb mit dem Bruder | Trennung der Betriebe 2020, mit 55 | Theos Wein und Gut, 100 Prozent Bio, über die Hälfte Piwi |
| Yvonne Finkenauer, Rheinhessen | Eigenes Leben außerhalb des Weinguts | Tod des Bruders 2008 | 40 Hektar mit ihrem Mann, ohne Winzerausbildung |
| Andi und Thomas, Weingut 5, Rheingau | Architekt und Fotograf in Frankfurt | 300 Quadratmeter Weinberg von einem Freund eines Freundes | Ein Hektar Steillage, zwei Pinot Noirs, 96 Falstaff-Punkte |
| Robert Wurm, Rheingau | Führung eines DAX-Konzerns | Ausstieg 2014, Übernahme eines Weinguts von 1841 | Acht Hektar Steillage in Lorch, Riesling und Spätburgunder |
Auffällig ist noch etwas: Keiner der sechs hat auf einen Kredit für 20 Hektar und einen neuen Keller gewartet. Daniel Schuhmacher fing mit knapp zwei Hektar Pacht und einem Traktor an. Yvonne Finkenauer holte sich Hilfe im Keller, statt drei Jahre in die Ausbildung zu gehen. Christoph Lösch suchte sich Nischen, die Spitzenweingüter nicht besetzen. Andi und Thomas kauften über Jahre aufgegebene Steillagen zusammen, die sonst niemand mehr wollte. Drei der sechs Betriebe liegen in Rheinhessen, dem größten deutschen Anbaugebiet, in dem die Zahl der Betriebe zwischen 2010 und 2020 besonders stark gesunken ist, zwei im Rheingau, einer an der Nahe.
Winzer werden: Welche Wege gibt es offiziell?
Wer nach den sechs Geschichten selbst Lust bekommen hat: Der Weg ist offener, als viele denken. Weinbau ist Landwirtschaft, kein Handwerk. Es gibt keine Meisterpflicht und keine gesetzlich vorgeschriebene Ausbildung, um ein Weingut zu führen. Pflicht sind eine Betriebsnummer und der Eintrag in die EU-Weinbaukartei bei der Landwirtschaftskammer, dazu die jährlichen Ernte- und Bestandsmeldungen. Wissen braucht man trotzdem. Dafür gibt es drei klassische Wege.
Ausbildung, Externenprüfung oder Studium?
Die duale Winzerausbildung dauert drei Jahre und hat keinen vorgeschriebenen Schulabschluss. Die Vergütung liegt je nach Bundesland zwischen 724 und 1.050 Euro im ersten Jahr. Wer schon länger im Weinbau arbeitet, kann die Abschlussprüfung auch ohne Ausbildungsvertrag ablegen: Nach dem Berufsbildungsgesetz reicht das Anderthalbfache der Ausbildungszeit an Berufspraxis, also viereinhalb Jahre in Vollzeit. Die Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz bietet dafür eigene Vorbereitungslehrgänge für Quereinsteiger an, genau den Weg, den Christoph Lösch gegangen ist.
Der dritte Weg ist das Studium. An der Hochschule Geisenheim dauert der Bachelor Weinbau und Oenologie sechs Semester, Voraussetzung ist ein 26-wöchiges Vorpraktikum. Der Weincampus Neustadt kombiniert in vier Jahren die Winzerausbildung mit dem Bachelor, am Ende stehen zwei Abschlüsse. Im Wintersemester 2024/25 waren in den Weinbau-Bachelorstudiengängen 169 Studierende eingeschrieben.
Die eigentlichen Hürden: Fläche, Zeit, Kunden
Die Ausbildung ist selten das Problem. Schwieriger sind die Weinberge selbst. Neue Rebflächen dürfen in Deutschland nur mit Genehmigung angelegt werden. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung vergibt pro Jahr nur 0,3 Prozent der bestockten Vorjahresfläche, rund 310 Hektar bundesweit. 2025 wurden 294 Hektar beantragt und nur 110 genehmigt. Wer einsteigen will, kommt also fast nur über Kauf oder Pacht bestehender Weinberge an Fläche. Die Pacht für Rebland lag 2023 im Schnitt bei 1.122 Euro pro Hektar und Jahr, gut das Dreifache von Ackerland.
Dazu kommt die Zeit. Eine Neuanlage kostet über 30.000 Euro pro Hektar und liefert erst im dritten Standjahr einen richtigen Ertrag. Wer, wie Daniel Schuhmacher, bestehende Reben pachtet, hat im ersten Herbst bereits Trauben. Und dann beginnt das, was alle sechs übereinstimmend als härtesten Teil beschreiben: Menschen finden, die den Wein kaufen. Ob über Hoffeste, Kräuterführungen, ein Ferienhaus oder Online-Weinproben, jeder der sechs Betriebe hat dafür seinen eigenen Weg gefunden.
Fazit: Winzer wird man nicht durch Geburt
Der Weinbau in Deutschland verliert jedes Jahr Betriebe, doch er verliert kaum Rebfläche. Irgendjemand übernimmt die Weinberge. Immer öfter ist das jemand, der vorher etwas ganz anderes gemacht hat. Die Zahlen des Weininstituts sagen es nüchtern, die sechs Geschichten hier sagen es lebendiger: Der Winzerberuf wird gerade neu besetzt.
Was die sechs außerdem zeigen: Es gibt nicht den einen richtigen Moment. Daniel Schuhmacher fing als Nebenerwerbler an, Achim Dettweiler mit 55 noch einmal von vorn, Yvonne Finkenauer mit einem Kind auf dem Arm und ohne Ausbildung, Andi und Thomas mit 300 Quadratmetern und einer Rückenspritze. Die Winzerlehre, der Techniker, das Studium: alles hilfreich, nichts davon Voraussetzung. Was alle brauchten, war jemand im Ort, der Weinberge abgab, ein paar Kollegen, die halfen, sowie die Bereitschaft, den ersten Winterabend mit Glühwein einfach mal zu veranstalten.
Wenn du das nächste Mal ein Glas von einem kleinen Weingut in der Hand hast, frag den Winzer, wie er dazu gekommen ist. Die Antwort ist fast immer besser als das Etikett.
FAQ: Häufig gestellte Fragen zum Winzer werden als Quereinsteiger
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