Weißburgunder: Der stille Allrounder unter den Burgundern (und was ihn vom Chardonnay trennt)
Burgund, Mitte des 19. Jahrhunderts. In den Weinbergen der Côte d’Or stehen zwei weiße Reben Stock an Stock. Niemand hält sie auseinander: Beide gelten schlicht als weißer Burgunder, werden zusammen gelesen und zusammen gekeltert. Erst als Rebenkundler die Blätter und Beeren genauer ansehen, wird klar, dass es sich um zwei verschiedene Sorten handelt. Die eine heißt seither Chardonnay und erobert die Welt. Die andere bleibt der Weißburgunder, der leise Verwandte, der vor allem in Deutschland, Österreich und Südtirol eine Heimat findet.
Heute steht Weißburgunder in Deutschland auf 6.351 Hektar, mehr als in jedem anderen Land der Welt. Kaum eine Sorte ist so unkompliziert zu trinken und wird trotzdem so oft unterschätzt oder gleich mit dem Chardonnay in einen Topf geworfen.
Woher kommt der Weißburgunder? Eine Laune der Natur mit langer Geschichte
Der Weißburgunder hat keinen Züchter und kein Geburtsjahr. Er ist eine Farbmutation des Spätburgunders: Die Pinot-Rebe ist genetisch erstaunlich unruhig, immer wieder trägt ein einzelner Trieb plötzlich helle statt blaue Beeren. Vermehrt ein Winzer genau diesen Trieb weiter, entsteht eine neue Spielart derselben Sorte. So kamen der Grauburgunder mit seinen rötlich-grauen und der Weißburgunder mit seinen gelbgrünen Beeren in die Welt. Die Pinot-Familie selbst ist uralt, ihre Wurzeln liegen vermutlich zwischen Genfer See und Rhônetal. Den Weißburgunder kennt man laut Deutschem Weininstitut seit dem 14. Jahrhundert.
Lange hieß es, der Weißburgunder sei in zwei Schritten entstanden: erst vom Spätburgunder zum Grauburgunder, dann weiter zum Weißburgunder. Eine Genstudie aus dem Jahr 2012 hat diese Reihenfolge gekippt. Beide hellen Burgunder sind demnach unabhängig voneinander aus dem Spätburgunder hervorgegangen, als zwei getrennte Launen derselben Rebe. Der Weißburgunder ist also keine Mutation zweiter Stufe, sondern eine direkte Abwandlung des Spätburgunders, genau wie der Grauburgunder.
Der Überlieferung nach sollen die Zisterzienser den Pinot blanc im Mittelalter in den Rheingau gebracht haben. Ausgerechnet dort spielt er heute kaum noch eine Rolle: Gut zwei Prozent der Rheingauer Rebfläche sind mit Weißburgunder bestockt. Seine großen Bühnen liegen woanders, dazu gleich mehr.
Warum niemand Weißburgunder und Chardonnay auseinanderhielt
Im Burgund wuchsen Weißburgunder und Chardonnay bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gemeinsam im selben Weinberg. Die Rebstöcke sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Der Wein hieß ohnehin einfach weißer Burgunder. Erst der Ampelograph Victor Pulliat erkannte um 1868 zwei verschiedene Sorten; 1872 wurde der Name Chardonnay auf der Weinbauausstellung in Lyon festgelegt. Das sichere Unterscheidungsmerkmal beschrieb Pierre Galet sogar erst 1958: Beim Chardonnay ist die Stielbucht des Blattes „nackt“, die Blattadern laufen dort ohne Blattgewebe aus. Beim Weißburgunder ist sie V-förmig und belappt.
Der Rest der Welt brauchte noch länger. Italien schickte erst 1978 Forscher los, um die beiden Sorten in den Weinbergen zu trennen. Österreich führte Chardonnay und Weißburgunder in seiner Rebflächenstatistik bis 2009 in einer gemeinsamen Zahl. Und in Baden pflanzte Familie Huber in Malterdingen 1959 Reben, die sie für Weißburgunder hielt; heute gelten sie, soweit bekannt, als die ältesten Chardonnay-Stöcke Deutschlands. Ralph Kirchner aus Freinsheim in der Pfalz bringt die Familienverhältnisse in unserem Interview auf den Punkt: „Jeder kennt Weißburgunder, Grauburgunder und Spätburgunder. Weitläufig verwandt damit sind auch Chardonnay und Auxerrois. Der Chardonnay ist ein Weltkind, das überall wächst.“
Wie schmeckt Weißburgunder?
Ein junger Weißburgunder ist blass- bis hellgelb im Glas und hält sich im Duft zurück. Das Deutsche Weininstitut beschreibt sein Aroma als dezent, mit Anklängen an grüne Nüsse, Apfel, Birne, Quitte, Aprikose, Zitrusfrüchte oder frische Ananas. Dazu kommen ein mäßiger Körper und eine angenehm erfrischende Säure. Klingt unspektakulär? Genau das ist seine Stärke: Weißburgunder drängt sich nicht vor, er begleitet.
Mit dem Alter verändert er sich. Gereifte Weißburgunder entwickeln Noten von frischem Brot und Nüssen, holzgereifte Varianten werden cremig, ohne so buttrig zu werden wie mancher Chardonnay. Im Vergleich zum Grauburgunder, seinem breiten, cremigen Bruder, wirkt der Weißburgunder leichter, spritziger und frischer.
Johannes Ohlig aus dem Rheingau, eigentlich durch und durch Riesling-Winzer, sagt in unserem Interview: „Mein zweiter Liebling ist deshalb der Weißburgunder, ein leichter, fruchtiger Wein mit deutlich milderer Säure.“ Er baut ihn bewusst feinherb aus und erklärt auch, was das bei ihm bedeutet: „feinherb heißt bei uns nicht süß, sondern eine dienliche Restsüße, die die Frucht schön präsentiert und dem Wein etwas mehr Länge gibt.“ Ein Wein, „mit dem man einfach Spaß hat“, wie er sagt.
KI-generiertWie viel Säure hat Weißburgunder?
Weißburgunder gilt als mild. Im Vergleich zum Riesling stimmt das auch. Säurearm ist er deshalb nicht. Das Deutsche Weininstitut ordnet ihm in seinem Seminarhandbuch eine „mittlere bis kräftige Säureausprägung“ zu, das Bundessortenamt bewertet die Mostsäure als „mittel“, beim Chardonnay dagegen als „hoch“. Wer ausdrücklich Wein mit wenig Säure sucht, ist beim Müller-Thurgau oder Grauburgunder noch etwas besser aufgehoben.
Wie die Sorten zueinander stehen, zeigen die Reifemessungen des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum Rheinhessen. Am 9. September 2024 lagen die Trauben so:
| Rebsorte | Gesamtsäure im Most (g/l) | Mostgewicht (°Oechsle) |
|---|---|---|
| Müller-Thurgau | 7,7 | 71 |
| Grauburgunder | 9,1 | 86 |
| Weißburgunder | 9,9 | 79 |
| Riesling | 13,6 | 66 |
Bis zur Lese baut sich davon noch einiges ab, die Rangfolge bleibt aber: deutlich milder als Riesling, etwas kräftiger als Grauburgunder und Müller-Thurgau. Dazu kommt eine Eigenheit der Sorte: In wärmeren Anbaugebieten verliert der Weißburgunder seine Säure schnell, weshalb er dort vielerorts vom Chardonnay verdrängt wurde. In Deutschland mit seinen kühleren Nächten behält er genau die Frische, die ihn so trinkfreudig macht.
Weißburgunder trocken: Warum fast alle guten Flaschen durchgegoren sind
Wer „Weißburgunder trocken“ sucht, sucht den Normalfall. Gut jeder zweite deutsche Qualitätswein ist inzwischen trocken (2024: 52 Prozent), in Baden sind es zwei Drittel, in der Pfalz 60 Prozent. Der Weißburgunder ist dabei fast immer auf der trockenen Seite zu finden: Seine dezente Art kommt ohne Zuckerpolster aus, edelsüße Varianten gibt es laut DWI nur in begrenzter Anzahl.
Trocken ist dabei ein geschützter Begriff: höchstens 4 Gramm Restzucker pro Liter, oder bis zu 9 Gramm, wenn die Gesamtsäure höchstens 2 Gramm darunter liegt. Ein Weißburgunder mit 8 Gramm Zucker und 6,5 Gramm Säure darf sich also trocken nennen und schmeckt dank der Säure auch so. Halbtrocken reicht bis 12 beziehungsweise 18 Gramm, „feinherb“ ist rechtlich gar nicht definiert.
Wie ein trockener Weißburgunder Einsteiger abholt, zeigt das Weingut Schuhmacher von der Nahe. Auf die Frage nach drei Weinen, die man probiert haben muss, fällt im Interview der 2024er Weißburgunder trocken: „den würde ich vor allem als Einstieg empfehlen“.
Stahltank, großes Holz oder Barrique?
Die meisten Weißburgunder werden im Stahltank ausgebaut, kühl vergoren und früh gefüllt: frisch, klar, apfelig. Für die kräftigeren Weine greifen viele Winzer zum großen Holzfass oder zum Tonneau, in dem der Wein Luft bekommt, ohne viel Holzaroma aufzunehmen. Barriques kommen laut DWI vor allem im Spätlese- und Auslesebereich zum Einsatz. Bei den Spitzenweinen, die der Weinjournalist Jens Priewe beschreibt, tauchen großes Holzfass, biologischer Säureabbau und langes Hefelager immer wieder auf, neues Barrique nur sparsam.
Das war nicht immer so. Um die Jahrtausendwende behandelten viele deutsche Winzer den Weißburgunder wie einen Chardonnay-Ersatz und gaben ihm dieselbe Portion neues Holz wie einem weißen Burgunder von der Côte de Beaune. Heraus kamen, wie die britische Weinkritikerin Jancis Robinson rückblickend schreibt, ziemlich fette, holzlastige Weißburgunder. Inzwischen dosieren die meisten das Holz vorsichtiger, sodass die Sorte wieder nach sich selbst schmecken darf.
Wie ernst die Sorte inzwischen genommen wird, zeigt der VDP: Weißburgunder darf in Baden, Franken, der Pfalz, Württemberg sowie in Sachsen und Saale-Unstrut als Großes Gewächs aus den besten Lagen abgefüllt werden, mit höchstens 50 Hektolitern pro Hektar, selektiver Handlese und trockenem Ausbau. Chardonnay hat dieses Privileg nur in Baden und in Sachsen/Saale-Unstrut.
Und als Sekt?
Weißburgunder ist außerdem ein klassischer Sektgrundwein. Das DWI zählt ihn neben Riesling, Spätburgunder und Grauburgunder zu den typischen Sorten für Winzersekt; im Elsass bildet er zusammen mit dem Auxerrois die Basis des Crémant d’Alsace. Der Grund ist simpel: Für Sekt braucht es Trauben mit moderatem Mostgewicht und stabiler Säure, genau das liefert die Sorte bei früher Lese. Das Weingut Stenner aus Rheinhessen füllt seinen Blanc de Blanc in zwei Varianten, wie das Interview verrät: „Beim 2020er sind es 100 % Chardonnay, beim 2022er eine Burgunder-Cuvée: Grauburgunder, Weißburgunder und Chardonnay, je zu einem Drittel.“ Die Burgunder-Version beschreibt Stenner als etwas fruchtiger.
Wo wächst Weißburgunder? Deutschland ist das größte Anbauland der Welt
Kein Land hat mehr Weißburgunder im Boden als Deutschland. 6.351 Hektar waren es 2025, das sind 6,2 Prozent der deutschen Rebfläche und Platz 4 unter den weißen Rebsorten hinter Riesling, Müller-Thurgau und Grauburgunder. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, wie steil die Kurve war: 1999 standen erst 2.402 Hektar, seit 1970 hat sich der Anteil an der Rebfläche von 0,9 auf gut 6 Prozent fast versiebenfacht. Nur eine Winzigkeit fehlt zur nächsten Schlagzeile: Der Dornfelder liegt 2025 mit 6.353 Hektar exakt zwei Hektar vor dem Weißburgunder.
Drei Gebiete teilen sich den Löwenanteil und liegen fast gleichauf: Rheinhessen mit 1.670 Hektar, Baden mit 1.655 Hektar und die Pfalz mit 1.506 Hektar (Stand 2024). Unter den drei großen Gebieten hat Baden mit 10,7 Prozent den höchsten Anteil an der eigenen Rebfläche; am Kaiserstuhl, Deutschlands wärmster Weinregion, steht die Sorte sogar auf 13,5 Prozent der Fläche. Das passt zu dem, was das DWI über ihre Ansprüche schreibt: Der Weißburgunder braucht tiefgründige, warme Lagen und gedeiht dort, wo es für den Riesling schon zu heiß ist.
| Anbaugebiet | Weißburgunder-Fläche 2024 | Anteil an der Rebfläche des Gebiets |
|---|---|---|
| Rheinhessen | 1.670 ha | 6,0 % |
| Baden | 1.655 ha | 10,7 % |
| Pfalz | 1.506 ha | 6,3 % |
| Mosel | 374 ha | 4,4 % |
| Nahe | 331 ha | 7,8 % |
| Saale-Unstrut | 115 ha | 13,4 % |
| Sachsen | 58 ha | 11,0 % |
Auffällig sind die kleinen Gebiete im Osten: In Saale-Unstrut ist der Weißburgunder mit 13,4 Prozent die zweitwichtigste Sorte überhaupt, in Sachsen kommt er auf 11 Prozent (Quelle: DWI-Statistik 2025/26). Im Weinberg ist er dabei kein Selbstläufer. Seine Trauben sind dicht und kompakt, bei nassem Herbst droht Fäulnis. Er reift mittelspät: nach dem Müller-Thurgau, etwa mit dem Grauburgunder und vor dem Riesling. Wer ihn gut behandelt, wird mit regelmäßigen Erträgen und hohen Mostgewichten belohnt.

Weißburgunder in Österreich, Südtirol und Frankreich
Auch die Nachbarn lieben die Sorte, nennen sie aber anders. In Österreich heißt sie Weißburgunder oder Klevner und steht auf 1.848 Hektar (2024); den höchsten Flächenanteil hat sie in der Steiermark, wo sie 13,5 Prozent der Rebfläche einnimmt. Vorsicht auf steirischen Weinkarten: „Morillon“ ist dort kein Weißburgunder, sondern Chardonnay. In Südtirol wächst der Pinot Bianco auf 613 Hektar bis in 800 Meter Höhe und gilt neben Gewürztraminer und Sauvignon als weiße Leitsorte der Region. In Frankreich spielt der echte Pinot Blanc mit rund 1.300 Hektar nur noch eine Nebenrolle, vor allem im Elsass. Was dort als „Pinot Blanc“ im Glas ist, ist häufig Auxerrois, ein Vollgeschwister des Chardonnay. Weltweit kam der Weißburgunder bei der letzten Gesamterhebung auf rund 15.000 Hektar (2010), der Chardonnay auf rund 210.000 (2015).
Weißburgunder oder Chardonnay? Der Vergleich
Zurück zur Verwechslung aus dem Burgund. Dass sich beide so ähnlich sehen, hat einen genetischen Grund, nur einen anderen, als viele denken. Der Chardonnay ist keine Mutation des Pinot, sondern sein Kind. 1999 wies ein Team um Carole Meredith von der University of California in Davis per DNA-Analyse nach, dass Chardonnay aus einer natürlichen Kreuzung von Pinot und Gouais blanc hervorging, nachzulesen in der Fachzeitschrift Science. Gouais blanc, bei uns Heunisch genannt, war die Massenrebe der mittelalterlichen Bauern, verrufen im Ansehen, aber ein Glücksfall in der Vererbung: Aus derselben Verbindung stammen auch Gamay, Aligoté, Auxerrois und Melon.
Der Weißburgunder dagegen ist genetisch praktisch der Pinot selbst, nur mit abgeschalteten Farbgenen. Im Stammbaum steht er also auf der Elternebene des Chardonnay, nicht daneben. Wer beide in einem Wein vereint, mischt sozusagen Elternteil und Kind. Genau das passiert im Rheingau beim Weingut Kaufmann. „Der Uno ist eine Cuvée aus Weißburgunder und Chardonnay“, heißt es in unserem Interview mit Eva Raps und Urban Kaufmann. Ursprünglich sollte auch Grauburgunder hinein, doch: „In der Cuvée-Probe hat der Grauburgunder den Wein aber eher heruntergezogen, also haben wir ihn weggelassen.“ Vier Monate reift die Cuvée im kleinen Eichenholzfass.
Im Keller trennen sich die Wege. Chardonnay ist eine eher neutrale Traube, die zur Projektionsfläche des Winzers wird: Gärung und Reife im Barrique, biologischer Säureabbau und das Aufrühren der Hefe (Bâtonnage) machen aus ihm den cremigen, buttrigen Weltstar mit Vanille und Brioche im Duft. Ohne Holz, etwa im Chablis-Stil, zeigt er grünen Apfel, Zitrus und Feuerstein. Der Weißburgunder verträgt diese Behandlung zwar, verliert dabei aber leicht seine feine Art. Dazu kommt der Alkohol: Chardonnay bringt gern 13 Volumenprozent und mehr mit, der Weißburgunder gibt sich meist schlanker.
Auch im Weinberg ticken sie verschieden. Der Chardonnay treibt früh bis mittelfrüh aus und ist deshalb spätfrostgefährdet, hat dafür lockerere Trauben, gilt als weniger fäulnisanfällig und reift etwas früher. Der Weißburgunder hängt dichter, ist anfälliger für Fäulnis und braucht die besseren Böden. In Deutschland ist der Chardonnay ohnehin der Neuling: Erst Anfang der 1990er-Jahre wurde er hier zugelassen (das Deutsche Weininstitut nennt 1991, die Sortenliste des Bundessortenamts führt ihn seit 1994). Seitdem ging es steil bergauf, von 271 Hektar im Jahr 1995 auf 3.152 Hektar 2025, vor allem in Rheinhessen und der Pfalz. Der Weißburgunder hat noch immer doppelt so viel Fläche, wächst aber langsamer.
| Merkmal | Weißburgunder | Chardonnay |
|---|---|---|
| Abstammung | Farbmutation des Spätburgunders | Kreuzung Pinot × Heunisch (Gouais blanc) |
| Herkunft | Burgund, seit dem 14. Jahrhundert bekannt | Burgund, erste Nennung 1685 bis 1690 |
| In Deutschland | seit Jahrhunderten im Anbau | zugelassen seit 1991 (DWI), Sortenliste seit 1994 |
| Rebfläche Deutschland 2025 | 6.351 ha (6,2 %) | 3.152 ha (3,1 %) |
| Rebfläche weltweit | rund 15.000 ha (2010) | rund 210.000 ha (2015) |
| Säure | mittel | hoch |
| Typische Aromen | Apfel, Birne, Quitte, grüne Nuss | Zitrus, Melone, Pfirsich; mit Holz Butter, Vanille, Brioche |
| Typischer Ausbau | Stahltank oder großes Holz | Barrique, Säureabbau, Hefelager |
| Passt zu | Spargel, Fisch, Geflügel, Ziegenkäse | Lachs, Geflügel in Sahnesauce, Risotto |



Woran erkennst du den Unterschied im Glas?
Eine ehrliche Antwort vorweg: nicht immer. Ein holzgereifter Weißburgunder aus Baden und ein zurückhaltender Chardonnay aus der Pfalz können sich blind sehr nahekommen. Für die meisten Flaschen funktioniert aber diese Faustregel: Riecht es nach Butter, Vanille und Brioche, ist es fast immer Chardonnay. Riecht es nach Apfel, Birne und grüner Nuss und bleibt der Wein schlank und leise, tippe auf Weißburgunder. Auch die Farbe hilft: Chardonnay leuchtet meist goldgelber, Weißburgunder bleibt blass. Und im Zweifel gilt: Wer beide jahrzehntelang im selben Weinberg nicht auseinanderhalten konnte, darf sich beim Blindtest auch mal irren.
Kurz gesagt: Weißburgunder ist der ruhige Essensbegleiter mit Apfel und Nuss, Chardonnay der wandlungsfähige Solist, der im Holz zur Diva wird. Beide stammen aus dem Burgund, beide sind trocken am besten und vertragen sich sogar in einer Cuvée.
Was passt zu Weißburgunder? Vom Spargel bis zum Ziegenkäse
Wenn im April die ersten Stangen auf den Markt kommen, hat der Weißburgunder seine große Saison. Spargel gilt als wählerischer Partner: Seine leichte Bitternote verträgt sich schlecht mit Tannin, viel Holz und aggressiver Säure. Ein Wein mit moderater Säure, dezenter Frucht und feinem Schmelz passt dagegen wie angegossen. Genau das beschreibt den Weißburgunder. Zu weißem Spargel mit Butter darf es ein schlanker Stahltank-Wein sein; kommt eine Sauce hollandaise dazu, verträgt das Gericht einen kräftigeren Weißburgunder, etwa eine Spätlese, wie sie das DWI in seinem Seminarhandbuch empfiehlt. Johannes Ohlig nennt seinen feinherben Weißburgunder nicht umsonst einen idealen Spargelwein.
KI-generiertDer Rest des Jahres ist nicht weniger dankbar. Das DWI empfiehlt Weißburgunder zu Meeresfrüchten, Fisch, Kalb- und Schweinefleisch sowie Geflügel, ganz konkret zu Muscheln in leichter Sauce, zu Forelle, Saibling oder Dorade aus der Folie und sogar zu einem Thai-Curry, wenn der Wein etwas cremiger ausgebaut ist. Beim Käse passen milde Sorten: junger Hartkäse, Ziegen- und Schafskäse. Und ohne alles? Als gut gekühlter Sommerwein auf Balkon oder Terrasse ist ein junger Weißburgunder kaum zu schlagen.
Bei welcher Temperatur?
Junge, leichte Weißburgunder aus dem Stahltank schmecken laut DWI bei 9 bis 11 Grad am besten, reife und kräftige Weine, etwa eine Spätlese oder ein holzgereifter Wein, bei 11 bis 13 Grad. Da sich der Wein im Glas schnell erwärmt, darf die Flasche ruhig ein bis zwei Grad kühler aus dem Kühlschrank kommen. Nur zu kalt sollte er nicht sein: Kälte betont die Säure und versteckt die feinen Nuss- und Apfelnoten.
Fazit: Der Wein, den du unterschätzt, bis du ihn verstehst
Der Weißburgunder hat nie die Bühne gesucht. Er wurde jahrhundertelang mit dem Chardonnay verwechselt, um die Jahrtausendwende wie ein Chardonnay ausgebaut und wird bis heute gern als Grauburgunder für Fortgeschrittene abgetan. Dabei ist er längst aus dem Schatten getreten: auf mehr als 6.300 Hektar in Deutschland, als Großes Gewächs in sechs Anbaugebieten und als Sektgrundwein, der Crémant und Winzersekt ihr Rückgrat gibt.
Seine Stärke ist seine Zurückhaltung. Wo der Chardonnay nach Aufmerksamkeit ruft, begleitet der Weißburgunder: den Spargel im Mai, den Fisch im Sommer, den Käse im Herbst. Und wer einmal einen gereiften Weißburgunder aus großem Holz probiert hat, mit seinen Noten von Brot und Nuss, weiß, dass „leise“ nicht „einfach“ heißt.
Der Chardonnay ist das Weltkind. Der Weißburgunder ist der Wein, der zu Hause am besten schmeckt: bei uns.
FAQ: Häufig gestellte Fragen zum Weißburgunder
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