Kirchner
Vielfalt als Programm in der Pfalz:
Ralph Kirchner über 16 Rebsorten, einen fast vergessenen Burgunder und die beste Werbung, die es gibt
Eigentlich hätte Ralph Kirchner nach der Ausbildung gerne noch die Welt gesehen. Doch als sein Vater krank wurde, musste er früh Verantwortung im Familienweingut in Freinsheim übernehmen – ins kalte Wasser, wie er selbst sagt. Heute vermarktet er 25 Hektar Rebfläche, baut 16 Rebsorten an und steht seit über 20 Jahren auf dem WeinSommer in Hannover, wo seine Weine inzwischen auch auf den Karten bekannter Gastronomien stehen.

Für uns ist die beste Werbung die Werbung im Glas.
Ralph Kirchner
Ins kalte Wasser: wie Ralph Kirchner zum Wein kam
Herr Kirchner, meine erste Frage ist immer dieselbe: Wie sind Sie persönlich zum Weingut gekommen? Oft liegt der Weinbau zwar in der Familie, aber das heißt ja nicht, dass man ihn auch selbst fortführt. Ich habe schon mit vielen gesprochen, die gesagt haben: Nein, auf Weinbau habe ich gar keine Lust. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Im Endeffekt haben wir ein Familienweingut und meine Eltern haben mir freigestellt, was ich lernen möchte. Sie haben immer gesagt: Lern einfach etwas Gescheites. Sie hatten damals schon erkannt, dass es einfachere Berufe gibt. Aber nach der Schule und den Praktika hat sich für mich der Weg zum Wein ergeben und ich habe die Ausbildung gemacht. Leider wurde dann mein Vater krank, was dazu führte, dass ich schon recht früh ins Weingut eingestiegen bin. Deshalb konnte ich nicht den Luxus genießen, noch einmal ins Ausland zu gehen oder weitere Praktika zu machen. Gewissermaßen bin ich ins kalte Wasser geworfen worden.
Haben Sie Geschwister oder war immer klar, dass Sie das Weingut übernehmen?
Ich habe eine ältere Schwester. Sie hat ebenfalls Wein- und Betriebswirtschaft gelernt, dann aber einen Mann kennengelernt, der zufälligerweise auch ein Weingut hat, und ist dort mit eingestiegen.
In wievielter Generation führen Sie das Weingut? Gab es den Weinbau in Ihrer Familie schon immer?
Wir haben ein Familienwappen von ca. 1800 und da war schon eine Traube mit drauf. Früher war das aber alles eher Selbstversorgung: Die Betriebe hatten nicht nur Weinbau, sondern auch Obstbau, Pferde, Vieh und so weiter. Die Generationen, die Wein abfüllen, sind noch gar nicht so viele, weil das vor hunderten Jahren technisch noch gar nicht möglich war. Ich bin die dritte Generation, die Wein in Flaschen füllt.

Zwei Standbeine, 25 Hektar: das Weingut Kirchner heute
Sie haben das Weingut also früher als geplant übernommen. Was hat sich seitdem verändert oder führen Sie den Betrieb so fort, wie Ihr Vater ihn aufgebaut hat?
Man erfindet das Rad natürlich nicht komplett neu. Das Altbewährte behält man bei und ergänzt das Neue. Meine Eltern hatten früher ausschließlich Privatkundschaft, das war die Zeit damals. Als ich in den Betrieb eingestiegen bin, haben wir die Fläche vergrößert, weil langfristig zwei Familien davon leben mussten. Das lässt sich aber nicht eins zu eins über Privatkunden abbilden, denn das Wachstum im Privatkundenbereich ist eher gering. Ich bin deshalb auf Messen und Veranstaltungen gegangen, auf die ProWein, zu Fachhändlern und Gastronomen. So haben wir uns neben den Privatkunden ein zweites Standbein mit Gastronomie und Fachhandel aufgebaut und darüber konnten wir wachsen.
Wie viele Hektar bewirtschaften Sie aktuell?
Wir haben 22 Hektar Rebfläche selbst und kaufen noch drei Hektar von Kollegen dazu. Somit vermarkten wir 25 Hektar Rebfläche.
Das ist ordentlich. Was zeichnet Ihre Weine aus? Wofür steht das Weingut Kirchner?
In der Pfalz ist die Vielfalt das Programm. In anderen Regionen steht eine Rebsorte im Vordergrund: an der Mosel der Riesling, in Baden die Burgunder. In der Pfalz ist es die Vielfalt. Natürlich liegt unser Fokus auf Riesling, den Burgundern und den Rotweinen, aber wir haben ein sehr breites Spektrum: sehr viele unterschiedliche, wechselnde Böden, die zu verschiedenen Rebsorten passen. Deswegen ist bei uns die Vielfalt das Programm. Wir bauen 16 Rebsorten an und wer bei uns nichts findet, der findet nirgendwo anders etwas.

Drei Weine, die man vom Weingut Kirchner probieren muss
Viele unserer Leser werden das Weingut Kirchner noch nicht kennen. Wenn ich ganz dreist frage: Welche drei Weine muss ich unbedingt probiert haben, um den bestmöglichen Einblick in Ihre Arbeit zu bekommen?
Wenn Winzer untereinander verkosten, wird immer ein Riesling verkostet. Der Riesling ist die Rebsorte, bei der man den Boden und die Handschrift des Winzers am besten erkennt. Deswegen würde ich einen Riesling vorschlagen. Im Rotweinbereich ist es ein Spätburgunder. Mit diesen zwei Rebsorten kann man ableiten, wie der Winzer tickt. Und dann kann man sich noch einen Exoten heraussuchen, auf den man persönlich Lust hat, in meinem Fall ein Auxerrois.
Welche Weine aus Ihrem Sortiment wären das konkret?
1. Riesling Buntsandstein
Beim Riesling ist es der Riesling Buntsandstein, unser Gutswein. Der ist ganz typisch für die Region und darin erkennt man unsere Handschrift sehr gut.
Das Kleinklima macht es aus: Je nachdem, wo der Riesling wächst, hat er seinen eigenen Charakter. In diesem Fall sind es Buntsandstein-Verwitterungsböden. Diese Böden werden wärmer und veratmen dadurch mehr Säure. Deswegen haben wir eigentlich nicht diesen typisch klassischen Riesling, säuregeprägt und mineralisch, sondern einen reiferen, saftigen, filigranen Riesling, der in der breiten Masse sehr gut ankommt.
Viele zucken ja zusammen, wenn sie Riesling hören: Oh, die Säure, da bekomme ich Magenprobleme. Genau das ist bei uns nicht der Fall. Wenn wir den Wein bei einer Weinprobe blind einschenken, sagen viele sogar: Das ist doch ein Burgunder! Wenn wir dann auflösen, dass es ein Riesling vom Buntsandstein ist, sind sie ganz begeistert und auf einmal wieder Riesling-Fans, weil sie so einen angenehmen, saftigen Riesling lange nicht getrunken haben. Und das überzeugt die Leute am Ende im Glas, nicht auf dem Papier.
2. „Kreidkeller“ Spätburgunder
Hinsichtlich Spätburgunder ist der Kallstadter Kreidkeller meine Top-Empfehlung.
Der Name kommt von der Lage selbst. Unter der schweren, dunkelbraunen Auflage liegen dort Sandlöss und Lösskindeln, dazu Schichten mit freiem Kalk und lehmige, oft geröllhaltige Sande. Genau dieser Kalk im Untergrund ist das, was der Spätburgunder mag. Wir gehen im Ertrag auf 30 Hektoliter pro Hektar herunter und lesen in zwei Durchgängen von Hand, damit wirklich nur gesundes Lesegut in den Keller kommt.
Im Keller lassen wir uns dann Zeit: erst 24 Stunden Kaltmazeration, danach zehn Tage Maischegärung und der biologische Säureabbau. Anschließend reift der Wein 18 Monate im Barrique aus französischer Eiche und noch einmal drei Monate auf der Flasche, bevor wir ihn im August abfüllen. Heraus kommt ein Rotwein mit zartwürziger Himbeernote, feinem Rauch und seidigen Tanninen, der klar burgundische Züge zeigt. Am schönsten trinkt man ihn bei 18 Grad zu kräftigen Rind-, Lamm- oder Wildgerichten. An kalten Tagen ist er aber auch pur ein Genuss.
3. Auxerrois
Als dritte Empfehlung möchte ich etwas Exotisches nennen, was nicht jeder hat. Bei uns ist das die Rebsorte Auxerrois aus dem Burgunderbereich, eine kleine Verwandte des Chardonnay.
Auxerrois kommt aus der Burgunderfamilie. Jeder kennt Weißburgunder, Grauburgunder und Spätburgunder. Weitläufig verwandt damit sind auch Chardonnay und Auxerrois. Der Chardonnay ist ein Weltkind, das überall wächst und der Auxerrois ist so der kleine, vergessene Bruder. Er ist ein toller Essensbegleiter, weil er sich vielen Gerichten unterordnet. Der Wein ist einen Tick säureärmer als die anderen Burgunder, sehr cremig und schmelzig, ein echter Allrounder.
Und trotzdem kennt ihn kaum jemand.
Das ist Fluch und Segen zugleich. Viele kennen ihn nicht, man muss Worte darum machen. Aber umgekehrt ist er immer ein Türöffner: Oh, da ist etwas Neues, das probieren wir mal!
Wir haben den Auxerrois selbst schon seit 20 Jahren im Anbau und sind sehr zufrieden. Gerade auf Weinfesten und Messen ist er für uns ein Türöffner: Die Leute probieren den Auxerrois und danach probieren sie auch andere Weine aus unserem Sortiment.

Frühere Lese, neue Rebsorten: „Die Leute trinken, was sie kennen“
Gerade war es in Deutschland wieder sehr warm und von vielen Winzern höre ich: Die Lese wird immer früher. Wie gehen Sie damit um? Setzen Sie auf PIWIs, also pilzwiderstandsfähige neue Rebsorten? Wie blicken Sie in die Zukunft, wenn es immer wärmer wird?
Immer wärmer hat erst einmal nichts mit den Rebsorten an sich zu tun. Man muss sich darauf einstellen und dann tatsächlich früher lesen, weil die Reife früher kommt.
Das Thema PIWI ist eher eine Pflanzenschutz-Thematik und das sehe ich etwas kritischer. Denn die Leute trinken das, was sie kennen. Am Auxerrois sehen wir das ja: Die Leute sind wissbegierig und wollen Neues probieren, aber langfristig setzt sich immer das durch, was man kennt. Einem Kunden in Hamburg oder Hannover, der sonst nichts mit Wein zu tun hat, können Sie nicht 20 neue Rebsorten vorsetzen, von denen er noch nie gehört hat. Das setzt sich langfristig nicht durch.
Eigentlich brauchen wir die Rebsorten, die jeder kennt: Riesling, Burgunder, diverse Rotweine. Wir können nur das anbauen, was wir auch vermarkten können. Es bringt nichts, eine Rebsorte zu haben, die für alles gewappnet ist, sich aber nicht verkaufen lässt, weil sie kein Mensch kennt. So etwas deutschlandweit einzuführen, ist eine Jahrhundertaufgabe. Das sieht man ja am Riesling: Der beste Riesling der Welt kommt aus Deutschland und trotzdem bekommt man ihn nicht so vermarktet, dass er einem aus den Händen gerissen wird.

Kleines Team, ehrliche Worte
Sie erzählten vorhin, dass Sie ins kalte Wasser geworfen wurden, als Ihr Vater krank wurde. Wie sind Sie heute aufgestellt, auch mit Blick auf die Zukunft?
Der Vater ist nach und nach immer mehr ausgeschieden. Ich bilde selbst seit 20 Jahren aus und bei der Ausbildung bleibt mal der eine oder andere hängen. So konnten wir damals jemanden übernehmen, der dann sieben Jahre meine rechte Hand war. Aber wie das so ist: Nach zehn Jahren haben sich unsere Wege getrennt.
Das war schon ein Einschnitt, wir haben uns etwas verkleinert und dann kam Corona. Nach dieser Zeit hat sich der Markt einfach nicht so erholt, wie man sich das erhofft hatte. Wir setzen jetzt weniger Volumen ab, alles ist im Wandel und wir müssen mit den Kosten aufpassen. Deshalb haben wir beim Personal nicht wieder groß aufgestockt, sondern sind beim alten Bestand geblieben und versuchen, der Situation angepasst, das Bestmögliche herauszuholen.
Wie viele Leute arbeiten denn aktuell im Weingut?
Wir haben an diesem Wochenende gerade Weinfest, da ist eben eine Aushilfe gekommen. Insgesamt haben wir drei Festangestellte für den Außenbetrieb und eine Halbtagskraft im Büro.

Von Freinsheim nach Hannover: wo es die Weine vom Weingut Kirchner gibt
Wo bekomme ich Ihre Weine? Direkt bei Ihnen vor Ort im Weingut Kirchner, über den Online-Shop, auf Weinfesten und über die Gastronomie, die Sie vorhin angesprochen haben. Können Sie sagen, in welchen Restaurants Ihre Weine liegen?
Nicht vollständig. Wir haben zwei, drei Großhändler, die deutschlandweit agieren. Manchmal wissen wir selbst nicht, wo unser Wein gerade gelistet ist. Bei manchen wissen wir es, bei manchen nicht.
Das heißt: Wenn ich zufällig in einem Restaurant einen Auxerrois auf der Weinkarte entdecke, stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass er von Ihnen stammt?
In der Gastronomie steht neben der Rebsorte eigentlich immer auch die Herkunft dabei, denn der Erzeuger wird ja genannt. Da steht dann beispielsweise „Auxerrois“, Pfalz und Kirchner.
In Hannover kennt man das Weingut Kirchner besonders gut: Sie stehen seit über 20 Jahren auf dem WeinSommer.
Genau, dadurch hat sich mit der Zeit auch die Gastronomie in Hannover für uns interessiert. Wir haben ganz am Anfang zwei, drei Gastronomen kennengelernt und wie bei den Winzern ist auch in der Gastronomie die Welt klein. Es kommen immer wieder Gastronomen an unseren Stand und trinken ein Glas Wein. Bei einigen sind wir mittlerweile gelistet: in Oscar’s Bar, in der Sternwarte, im Mövenpick am Kröpcke, früher auch im Lister Turm. In Hannover sind wir quasi seit Langem als Lieferant unterwegs.
Sind Sie neben Hannover noch auf anderen Weinfesten unterwegs?
Wir sind noch in Siegburg bei Bonn auf dem Weinfest und in Freinsheim selbst haben wir sechs oder sieben Weinfeste, an diesem Wochenende zum Beispiel gerade das Stadtmauerfest.
Zum Abschluss: Gibt es etwas, das Sie über Ihre Weine unbedingt noch loswerden möchten?
Es ist immer schwierig, lobende Worte über sich selbst zu finden. Am Ende des Tages reicht es, wenn die Leute interessiert sind, selbst probieren und sich selbst überzeugen. Deswegen arbeiten wir auch so gerne mit der Gastronomie zusammen, denn das ist für uns die beste Werbung. Die Gäste probieren unsere Weine, sind angetan und kommen darüber als Privatkunden wieder zu uns. Das ist ein Kreislauf, der gut zu uns passt.
Uns wird oft nachgesagt, dass wir zu den Besten auf dem Weinfest in Hannover gehören und ich denke, das zeigen auch die Auszeichnungen: Wir sind bei Vinum, beim Feinschmecker und in weiteren Weinführern gelistet. Man merkt schon: Qualität setzt sich im Glas durch. Für uns ist die beste Werbung die Werbung im Glas, das funktioniert am einfachsten.
Dann überzeuge ich mich in Hannover sehr gerne selbst davon. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Kirchner und viel Erfolg auf dem Weinfest!



Riesling Buntsandstein
Saftig statt säurebetont: Der Gutswein von Buntsandstein-Verwitterungsböden zeigt die Handschrift des Hauses: mineralisch, mit Pfirsich und Zitrus.

„Kreidkeller“ Spätburgunder
Der Top-Spätburgunder des Hauses aus der Lage Kallstadter Kreidkeller: Himbeere, feiner Rauch, seidige Tannine, 18 Monate im Barrique gereift.

Auxerrois
Der fast vergessene Bruder des Chardonnay: cremig, schmelzig und mild in der Säure. Seit 20 Jahren im Anbau, ein idealer Essensbegleiter.
Weitere Weingüter
Vielfalt im Glas: das Weingut Kirchner
Ralph Kirchner wurde ins kalte Wasser geworfen und hat daraus ein Weingut mit klarer Linie gemacht: 25 Hektar in der Vermarktung, zwei Standbeine aus Privatkunden und Gastronomie, 16 Rebsorten auf wechselnden Böden rund um Freinsheim. Wer das Weingut kennenlernen will, startet mit dem saftigen Riesling Buntsandstein, dem Top-Spätburgunder aus dem „Kallstadter Kreidkeller“ und dem Auxerrois, dem fast vergessenen Bruder des Chardonnay. Probieren kann man die Weine freitags und samstags in der Vinothek in Freinsheim oder am Stand auf dem WeinSommer in Hannover. Wem dies nicht möglich ist, der kann den Wein natürlich auch im Online-Shop bestellen.
Weingut Kirchner
Burgstraße 21
67251 Freinsheim
Website: weingut-kirchner.de
Rebfläche: 22 Hektar (25 Hektar in der Vermarktung)
Besonderheit: In 3. Generation wird Wein in Flaschen gefüllt. 16 Rebsorten, mehrfach ausgezeichnet. Vinothek mit Weinverkauf freitags und samstags, seit über 20 Jahren auf dem WeinSommer in Hannover.








