St. Laurent: Die gerettete Burgundersorte mit Sauerkirsch-Aroma
Zehnter August, Südpfalz, halb sieben am Abend. Die Hitze des Tages liegt noch zwischen den Rebzeilen. In einem Weinberg bei Birkweiler passiert etwas, das man mit bloßem Auge kaum sieht: Die ersten Beeren einer Traube wechseln die Farbe, von Grün zu einem tiefen Blauschwarz. Der Tag ist im Kirchenkalender dem heiligen Laurentius gewidmet. Und die Sorte, die pünktlich zu seinem Festtag reif zu werden beginnt, trägt seinen Namen: St. Laurent.
So erzählt es zumindest die Legende. Sie ist zu schön, um sie nicht zu erzählen. Sicher ist etwas anderes: St. Laurent ist ein Kind des Spätburgunders, schmeckt nach Sauerkirsche und Holunder, gilt im Weinberg als Diva und wäre in Deutschland um ein Haar für immer verschwunden. Dass die Sorte heute wieder auf gut 540 Hektar wächst, verdankt sie einer Rettung in letzter Minute in der Pfalz. Zeit für ein Porträt.
Woher St. Laurent kommt
Die Herkunft der Sorte ist nicht restlos geklärt, die Spuren führen aber ziemlich eindeutig ins Elsass. Der Rebenzüchter Christian Oberlin vermutete ihren Ursprung dort, wo sie schon um 1850 bekannt war. Auch die Sortendatenbank des Julius Kühn-Instituts führt Frankreich als Herkunftsland. Die erste genauere Beschreibung stammt aus dem Jahr 1855 vom Steirer Franz Xaver Trummer, der die Rebe als „Blauer St. Laurent“ und ausdrücklich als französische Traubenart bezeichnete. Nach Deutschland brachte sie um die Mitte des 19. Jahrhunderts der Apotheker und Weinbaupionier Johann Philipp Bronner aus Wiesloch, sein Sohn Carl nannte sie später das „non plus ultra“ aller Traubensorten. Ab 1862 stand sie im Pflanzplan der Weinbauschule Klosterneuburg bei Wien, von wo aus sie Österreich eroberte.
Und der Name? Die gängige Erklärung verweist auf den Laurentiustag am 10. August, um den herum sich die Beeren zu verfärben beginnen. So steht es beim Deutschen Weininstitut wie bei Österreich Wein. Die alten Synonyme Laurenzitraube und Lorenztraube passen dazu. Die deutsche Wikipedia merkt allerdings an, dass diese Geschichte „auf keinem nachvollziehbaren Fundament“ fußt: Die Lorenztraube war ursprünglich ein anderer Name für den Frühburgunder, der tatsächlich um den Namenstag des Heiligen reif wird. Die französische Schreibweise setzte sich am Ende durch, weil Frankreich als Ursprungsland galt. In Deutschland heißt die Sorte offiziell St. Laurent, in Österreich ebenso, in der Literatur findest du auch Sankt Laurent und Saint Laurent.
Ein Kind des Spätburgunders: Was die DNA verrät
Lange wurde St. Laurent als Spielart des Spätburgunders geführt, das Synonym „Pinot St. Laurent“ erinnert daran. Im Jahr 2000 brachte eine Untersuchung der Klosterneuburger Forscher um Ferdinand Regner Klarheit. Mit mehr als 30 genetischen Markern verglichen sie die Burgunderfamilie und kamen zu dem Schluss, dass St. Laurent ein Sämling des Pinot mit unbekanntem Kreuzungspartner sein muss. Der Vitis International Variety Catalogue des Julius Kühn-Instituts führt die Abstammung heute als „Pinot Noir × ?“, markergestützt bestätigt.
Die Sorte ist also kein Klon und keine Züchtung, sondern ein natürlicher Zufall: Irgendwann keimte im Elsass ein Kern aus einer Spätburgunderbeere, deren Blüte von einer anderen Rebe bestäubt worden war. Wer der zweite Elternteil ist, weiß bis heute niemand; in der englischsprachigen Fachliteratur wird Savagnin als Kandidat genannt, belegt ist das nicht. Sicher ist nur, dass St. Laurent von seiner Mutter die Eleganz geerbt hat und von irgendwoher deutlich mehr Farbe und Gerbstoff.
Fast verschwunden: die Rettung in der Südpfalz
In Deutschland stand St. Laurent lange im gemischten Satz zwischen anderen Sorten, aber seit den 1950er Jahren galt sie als nahezu ausgestorben; die verbliebene Fläche soll gerade noch 27 Hektar betragen haben. In den 1960er Jahren, so überliefern es Pfälzer Quellen, wäre der vermutlich letzte in Deutschland noch vorhandene Rebstock in der Rebschule von Rhodt unter Rietburg beinahe ausgehackt worden. Die staatliche Rebveredlungsanstalt Rhodt führte ihn stattdessen einer Erhaltungszüchtung zu. Nach einigen Jahren hatten die Rebschulen wieder Pflanzmaterial. Das Deutsche Weininstitut schreibt, es sei „einem Pfälzer Winzer“ zu verdanken, dass die Sorte erhalten blieb. Seinen Namen nennt keine Quelle. Wir erfinden hier keinen.
Offiziell zugelassen ist St. Laurent in Deutschland erst seit 1987, während Spätburgunder, Portugieser oder Riesling seit Beginn der Sortenliste 1956 darin stehen. Danach ging es steil bergauf: Von 68 Hektar im Jahr 1995 wuchs die Fläche auf rund 660 Hektar um 2010 und liegt nach der Rebflächenerhebung 2025 des Statistischen Bundesamts bei 541 Hektar. Fast alles davon teilen sich zwei Anbaugebiete: die Pfalz mit 255 Hektar und Rheinhessen mit 246 Hektar (Stand 2023). Mit einem halben Prozent der deutschen Rebfläche bleibt St. Laurent eine Nische, aber eine mit Geschichte.
Kurz gesagt: St. Laurent ist ein natürlicher Sämling des Spätburgunders aus dem Elsass, kam Mitte des 19. Jahrhunderts nach Deutschland, war in den 1960er Jahren bis auf einen Rebstock in Rhodt verschwunden und ist seit 1987 wieder zugelassen. Heute wächst sie auf 541 Hektar, fast nur in der Pfalz und in Rheinhessen.
Wie St. Laurent schmeckt
Im Glas ist die Verwandtschaft zum Spätburgunder spürbar, aber St. Laurent trägt die dunkleren Kleider. Die Farbe ist tiefrot bis violett, das Bukett erinnert an Sauerkirsche und Weichsel, an Wildkirsche, Holunderbeere und schwarze Johannisbeere, im Abgang oft an Bitterschokolade. Österreich Wein spricht von „dunklen, kräftigen und fruchtigen Rotweinen mit Sauerkirscharomen“, die Bayerische Landesanstalt für Weinbau beschreibt Farbe und Gerbstoff als kräftiger als beim Spätburgunder. Genau darin liegt der Reiz: die Feinheit eines Burgunders mit einem Schuss Wildheit.
KI-generiertJung kann St. Laurent herb und säurebetont wirken, mit ein paar Jahren Flaschenreife wird er samtig und vollmundig. Das Tannin ist präsenter als beim Spätburgunder, aber weicher als beim Lemberger, weshalb die Sorte den Ausbau im Barrique gut verträgt und ordentlich Lagerpotenzial mitbringt. Im Vergleich mit den beiden anderen großen deutschen Rotweinsorten aus Pfalz und Württemberg sieht das so aus:
| Merkmal | St. Laurent | Spätburgunder | Lemberger |
|---|---|---|---|
| Aromen | Sauerkirsche, Holunder, Cassis, Bitterschokolade | Erdbeere, Kirsche, Brombeere, Holunder, Pfeffer | Waldbeeren, Kirsche, würzig |
| Farbe | tiefrot bis violett | hell- bis mittelrot | dunkelrot |
| Tannin | kräftiger als Spätburgunder, samtig mit Reife | zart bis mittel | markant, kräftig |
| Säure | mittel | mittel | charakteristisch kräftig |
| Reife im Weinberg | 10 bis 14 Tage vor Spätburgunder | mittelspät | spät |
| Rebfläche Deutschland 2024 | 553 Hektar | 11.437 Hektar | 1.888 Hektar |
Der Vergleich zeigt, wo St. Laurent hingehört: zwischen die Eleganz des Spätburgunders und die Kraft des Lembergers. Wer deutschen Rotwein mag, aber Burgunder manchmal zu zart und Lemberger zu wuchtig findet, hat hier seine Sorte gefunden.
Wo St. Laurent wächst
In Deutschland ist St. Laurent eine Sorte der Pfalz und Rheinhessens, in der Pfalz mit einem Schwerpunkt rund um Birkweiler in der Südpfalz. Nach der Statistik des Weininstituts ist sie mit 553 Hektar (2024) die neuntgrößte Rotweinsorte des Landes, noch vor Cabernet Sauvignon. Weil viele Winzer sie als Ergänzung ihres gehobenen Rotweinsortiments sehen, kommt sie selten als einfacher Literwein in die Flasche, sondern meist als ambitionierter Wein, oft aus dem Holzfass.
Ihre zweite Heimat ist Österreich. Dort steht St. Laurent nach Angaben von Österreich Wein auf knapp 588 Hektar, vor allem am Neusiedlersee im Burgenland und in der Thermenregion südlich von Wien. Rund um Tattendorf, Teesdorf und Trumau, im sogenannten Steinfeld, hat sich die Sorte auf schotterreichen Kalkböden ein eigenes Profil erarbeitet: Seit 2023 ist sie eine der zwei Riedenwein-Sorten der Thermenregion DAC. Die Gemeinde Tattendorf hat ihr sogar einen Weinwanderweg gewidmet. In Tschechien, wo die Sorte als Svatovavřinecké lange die wichtigste rote Rebe war, ist die Fläche von rund 1.700 Hektar im Jahr 2006 auf 690 Hektar geschrumpft.

Im Weinberg: Warum viele Winzer die Sorte lange gemieden haben
Österreich Wein formuliert es diplomatisch: Die Sorte „gilt im Weingarten als schwierig und war daher nicht immer beliebt“. Das beginnt im Frühjahr. St. Laurent treibt früh aus, die jungen Triebe erwischt jeder Maifrost; nach einem Spätfrost regeneriert die Rebe zudem nur schwach. Deshalb steht sie meist in mittleren, geschützten Lagen und nicht in den Frostmulden. Es geht weiter mit der Blüte: Auf schweren, kalten Böden und bei kühlem Blütewetter verrieselt sie leicht, die Erträge fallen dann klein und unregelmäßig aus. Und es endet im Herbst, wenn die dichten, kompakten Trauben nach Regen zum Platzen und Faulen neigen, weil die Feuchtigkeit aus dem Inneren der Traube kaum entweicht.
KI-generiertDie Sorte verlangt also warme, leichte, kalkhaltige Böden und gute Lagen. Sie belohnt das mit einer Reife, die zehn bis vierzehn Tage vor dem Spätburgunder liegt. Das Bundessortenamt beschreibt die Trauben als dicht bis sehr dicht mit blauschwarzen Beeren, den Ertrag als mittel bis hoch, die Holzreife als gut, was die Reben winterfest macht. Für Winzer heißt das: Wer St. Laurent anbaut, braucht die richtige Parzelle, Geduld bei der Blüte und im Herbst ein waches Auge. Kein Wunder, dass sie in den Jahrzehnten, in denen Dornfelder und Portugieser den Massengeschmack bedienten, kaum jemand pflanzen wollte.
Dass sie trotzdem in vielen kleinen Betrieben steht, zeigt das Beispiel des Weinhauses Uhl in Rheinhessen. Edwin Uhl zählt im Interview sein Rotweinsortiment auf: „Wir haben vier Rotweinsorten: Portugieser, Dornfelder, Saint Laurent und Regent.“ Vier Sorten auf sieben Hektar, eine davon ist die einstige Rarität. So sieht die stille Renaissance dieser Rebe aus: nicht als Modewelle, sondern als Sorte, die Familienbetriebe neben ihren Klassikern pflegen.
Zweigelt und die anderen Kinder
Als Elternteil hat St. Laurent Weingeschichte geschrieben. 1922 kreuzte Fritz Zweigelt, später Direktor der Weinbauschule Klosterneuburg, St. Laurent mit Blaufränkisch. Heraus kam der Zweigelt, heute mit rund 5.900 Hektar die meistangebaute Rotweinsorte Österreichs, also zehnmal so verbreitet wie seine Mutter. Der Sohn hat die Mutter überholt, wie das in Weinfamilien öfter vorkommt. In Tschechien entstand 1960 aus derselben Elternkombination die Sorte André, benannt nach dem Landwirt Christian Karl André.
Und noch ein Zweig führt in die Zukunft: Der Züchter Vilém Kraus kreuzte 1964 in Geisenheim die frostharte Sorte Zarya Severa mit St. Laurent. Aus dieser Sämlingslinie ging Rondo hervor. Über sie floss St. Laurent in pilzwiderstandsfähige Neuzüchtungen wie Bronner, Prior und Souvignier gris ein. Die einst fast ausgestorbene Sorte steckt damit in etlichen Reben, die heute als Antwort auf den Klimawandel gepflanzt werden.
Zu welchem Essen und bei welcher Temperatur
Das Weininstitut empfiehlt St. Laurent je nach Fruchtigkeit und Dichte zu leichteren oder kräftigeren Gerichten wie Wild und reifem Käse, in Österreich gilt er als Partner für mürbes Rindfleisch und dunkles Geflügel. Aus eigener Erfahrung ergänzen wir Pilzgerichte: Pfifferlinge in Rahm, ein Steinpilzrisotto oder Pasta mit Waldpilzen greifen die erdige Seite des Weins auf, während die Sauerkirschfrucht die Sahne ausbalanciert. Auch Ente mit dunkler Sauce oder ein Lammbraten mit Rosmarin funktionieren, weil der Wein Frucht und Gerbstoff in gleichem Maß mitbringt.
KI-generiertServiert wird St. Laurent wie ein reifer, gehaltvoller Rotwein bei 16 bis 18 Grad, im Barrique ausgebaute Exemplare vertragen auch 18 Grad. Junge Weine profitieren von einer Stunde in der Karaffe, dann rücken die herben Kanten in den Hintergrund und die Kirschfrucht nach vorn. Und wer eine Flasche mit fünf oder mehr Jahren im Keller hat, sollte sie nicht aus Pflichtgefühl öffnen, sondern aus Vorfreude: Gereifter St. Laurent gehört zu den samtigsten Rotweinen, die Deutschland zu bieten hat.
Fazit: Eine Sorte, die es fast nicht mehr gab
St. Laurent ist keine Sorte für den schnellen Ruhm. Sie stellt Ansprüche an Lage und Winzer, sie braucht Zeit in der Flasche. Sie wächst auf einem halben Prozent der deutschen Rebfläche. Aber genau darin liegt ihr Wert: Wer eine Flasche aus der Pfalz oder aus Rheinhessen öffnet, trinkt ein Stück Weingeschichte, das in den 1960er Jahren an einem einzigen Rebstock in Rhodt hing.
Für Genießer ist sie die Brücke zwischen den Welten: Burgunderfeinheit mit dunkler Frucht, Struktur ohne Wucht, Sauerkirsche statt Marmelade. Wer den Spätburgunder liebt, findet in ihr den wilderen Bruder. Wer Lemberger schätzt, die zartere Schwester.
Eine gerettete Sorte schmeckt anders, wenn man ihre Geschichte kennt. Probier es aus.
FAQ: Häufig gestellte Fragen zu St. Laurent
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