Lemberger: Württembergs unterschätzter Rotwein
Stell dir vor, du stehst auf einem Weinfest in Heilbronn. Überall Trollinger, Riesling, die üblichen Verdächtigen. Dann drückt dir jemand ein Glas in die Hand: tiefdunkles Schwarzrot mit violettem Schimmer, Aromen von Brombeere und schwarzer Kirsche, am Gaumen eine samtige Kraft, die so gar nicht nach dem harmlosen deutschen Rotwein schmeckt, den du erwartet hast. „Was ist das?“, fragst du. Die Antwort: ein Lemberger. Württembergs bestgehütetes Geheimnis.
Während der Dornfelder längst zum Publikumsliebling aufgestiegen ist und der Spätburgunder internationales Prestige genießt, führt der Lemberger ein merkwürdiges Doppelleben. In Württemberg ist er eine feste Größe, jenseits des Landesgrenzen kennt ihn kaum jemand. Dabei macht dieselbe Rebsorte unter dem Namen Blaufränkisch in Österreich und Ungarn international Karriere.
Vom Donaulauf an den Neckar: Die Geschichte des Lembergers
Die Wurzeln dieses Weins reichen weit zurück. Die Rebsorte entstand als natürliche Kreuzung aus der Blauen Zimmettraube (auch Sbulzina genannt) und dem Weißen Heunisch, einer der wichtigsten Stammreben des europäischen Weinbaus. Nachweisbar ist sie in Österreich seit dem 18. Jahrhundert, doch ihr Ursprung liegt vermutlich in der Untersteiermark, im heutigen Nordosten Sloweniens.
Den Weg nach Württemberg fand die Rebsorte erstaunlich spät. Am 4. November 1866 lieferte der Rebschulbesitzer Robert Schlumberger aus dem niederösterreichischen Bad Vöslau die ersten Lembergerschnittlinge an württembergische Winzer. Dokumentiert ist das im Rechenschaftsbericht der „Gesellschaft für die Weinverbesserung in Württemberg“, verfasst vom Ausschussmitglied Christian Single. Ein nüchterner Verwaltungsakt, der den Grundstein für eine der wichtigsten Rotweinsorten Süddeutschlands legte.
Doch warum heißt die Sorte ausgerechnet Lemberger? Der Name leitet sich von der Stadt Lemberg in der Untersteiermark ab (heute Šmarje pri Jelšah in Slowenien), von wo aus 1877 Reben als „Lembergerreben“ nach Deutschland exportiert wurden. Das Synonym Limberger verweist dagegen auf den Ort Limberg bei Maissau in Niederösterreich, wo Ende des 19. Jahrhunderts ebenfalls Blaufränkisch-Reben verkauft und nach Deutschland verschickt wurden. Zwei Orte, zwei Namen, eine Rebsorte.
Der Weiße Heunisch, eine der Elternsorten des Lembergers, ist eine der bedeutendsten Stammreben Europas. Er ist an unzähligen Kreuzungen beteiligt. Mehr über alte Rebsorten und ihre Bedeutung erfährst du in unserem Beitrag über historische Rebsorten.

Ein Name, viele Gesichter: Lemberger, Blaufränkisch, Kékfrankos
Kaum eine Rebsorte trägt so viele Namen wie diese. In Deutschland heißt sie Lemberger oder Blauer Limberger (so die offizielle Bezeichnung in der Bundessortenliste). In Österreich kennt man sie als Blaufränkisch, in Ungarn als Kékfrankos, in Norditalien als Franconia. Hinter all diesen Bezeichnungen steckt dieselbe Rebe, doch die Weine können je nach Region und Ausbau erstaunlich unterschiedlich ausfallen.
Besonders charmant ist die ungarische Namensgeschichte. Kékfrankos bedeutet wörtlich „blauer Franc“. Der Legende nach bezahlten Napoleons Soldaten während der französischen Besatzung ihren Lieblingswein in Ungarn mit Francs, der damaligen französischen Währung. Der Wein wurde fortan nach der Münze benannt, mit der er bezahlt wurde.
International betrachtet ist der Wein alles andere als eine Nischensorte. In Ungarn dominiert der Kékfrankos mit rund 8.000 Hektar das Rotweinsortiment. In Österreich ist der Blaufränkisch nach dem Zweigelt die zweitwichtigste Rotweinsorte. Das Mittelburgenland trägt sogar den Beinamen „Blaufränkischland“. In Deutschland dagegen beschränkt sich der Anbau fast vollständig auf ein einziges Bundesland.
| Land | Bezeichnung | Anbaufläche (ca.) | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| Ungarn | Kékfrankos | 8.000 ha | Wichtigste Rotweinsorte |
| Österreich | Blaufränkisch | 2.550 ha | Zweitwichtigste Rotweinsorte |
| Deutschland | Lemberger | 1.917 ha | Fast nur in Württemberg |
Warum Württemberg die Heimat des Lembergers ist
Von den rund 1.917 Hektar Lemberger-Rebfläche in Deutschland (Stand 2023) stehen 1.757 Hektar in Württemberg. Das sind über 90 Prozent der gesamten deutschen Anbaufläche. Mit einem Anteil von 16 Prozent an der württembergischen Rebfläche ist der Lemberger dort nach dem Trollinger die zweitwichtigste Rebsorte. In allen anderen deutschen Anbaugebieten zusammen finden sich gerade einmal rund 160 Hektar.
Das hat gute Gründe. Der Wein stellt höchste Ansprüche an die Lage. Er treibt früh aus (und ist damit spätfrostgefährdet) und reift sehr spät. Er braucht deshalb Standorte, die eine lange Vegetationsdauer bei ausreichend Wärme garantieren: mittlere bis höhere Hanglagen mit südlicher Exposition, geschützt vor kaltem Wind. Die tiefgründigen, fruchtbaren Löß-Lehm-Böden Württembergs bieten ihm genau das.
Das Herzstück des Anbaus liegt im Zabergäu, einer Landschaft nördlich von Heilbronn. Dort sorgen überdurchschnittlich viele Sonnenstunden bei gleichzeitig unterdurchschnittlichen Niederschlägen für besonders typische Lembergerweine. Die Gemeinde Brackenheim ist mit 186 Hektar die größte Lembergergemeinde Deutschlands. Hier macht der Lemberger 23 Prozent der Rebfläche aus und ist damit die wichtigste Sorte vor Ort. Auch die Tradition des Lemberger-Weißherbstes und moussierender Weine aus der Lembergertraube hat in Brackenheim ihren Ursprung.
Vom Mauerblümchen zum Aufsteiger
Die Erfolgsgeschichte des Lembergers in Württemberg verlief lange Zeit im Zeitlupentempo. Nach seiner Ankunft 1866 dauerte es über hundert Jahre, bis die Sorte nennenswerte Flächen eroberte. 1964 standen gerade einmal 350 Hektar in württembergischen Weinbergen, das entsprach bescheidenen 6 Prozent der Rebfläche. In den 1980er Jahren waren es 400 bis 500 Hektar, Mitte der 1990er knapp 1.000 Hektar. Erst in den letzten drei Jahrzehnten hat sich die Anbaufläche nahezu vervierfacht.
Was hat den Wandel ausgelöst? Zum einen die Gesundheitsselektion und verbesserte Kulturtechnik. Die einst gefürchtete Verrieselungsneigung (die Blüten fallen ab, ohne Früchte zu bilden) wurde durch bessere Klone und Anbaumethoden deutlich reduziert. Zum anderen kam der Klimawandel dem spät reifenden Lemberger entgegen: Wärmere Herbste sorgen für zuverlässigere Reife und reifere Phenolstrukturen. Die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt in Weinsberg bezeichnet den Lemberger heute treffend als „Aufsteiger und Paradeschwabe“.
Auch der veränderte Geschmack der Weintrinker spielte eine Rolle. Der Trend zu farb- und phenolreicheren, kräftigeren Rotweinen und zu würzigeren Speisen passte perfekt zum Profil des Lembergers. Im Rahmen der Klassifikation des Verbands deutscher Prädikatsweingüter (VDP) wird württembergischer Lemberger aus Einzellagen sogar als Großes Gewächs eingestuft, die höchste Qualitätsstufe für trockene Weine. Wer mehr über das Klassifikationssystem erfahren möchte, findet in unserem Beitrag über Gutswein, Ortswein und Lagenwein eine ausführliche Erklärung.
Wusstest du, dass der erste Bundespräsident Theodor Heuss den württembergischen Lemberger als seinen persönlichen Haustrunk bezeichnete? Auch Fürst Bismarck soll die Sorte geschätzt haben.
So schmeckt der Lemberger: Aromen und Charakter
Schon beim Eingießen fällt auf: Dieser Wein meint es ernst. Die Farbe ist ein intensives Schwarzrot, oft mit violetten bis bläulichen Reflexen am Glasrand. Kein anderer württembergischer Rotwein bringt eine solche Farbtiefe ins Glas.
In der Nase zeigt der Lemberger ein vielschichtiges Aromabild. Typisch sind Düfte von Brombeere, Süßkirsche und Pflaume, begleitet von Noten schwarzer Johannisbeere und Holunder. Viele Lemberger überraschen mit einer charakteristischen Paprika-Note (grüne oder rote Paprika), die an den Cabernet Sauvignon erinnert. Barrique-ausgebaute Exemplare ergänzen dieses Profil um Nuancen von Vanille, Tabak und Kakao.
Am Gaumen überzeugt der Lemberger mit einer kräftigen, aber nicht aggressiven Tanninstruktur. Die Tannine sind spürbar, wirken aber bei guter Reife samtig und geschmeidig. Dazu kommt eine angenehme Säure, die dem Wein Frische und Lebendigkeit verleiht, ohne spitz zu wirken. Der Nachhall ist lang und nachhaltig. Eine Eigenschaft, die den Lemberger auch für die Flaschenlagerung prädestiniert.
Was den Lemberger von vielen anderen deutschen Rotweinen unterscheidet, ist sein ausgeprägtes Terroir-Bewusstsein. Je nach Standort, Boden und Jahrgang kann derselbe Lemberger ganz unterschiedliche Facetten zeigen. Auf kargeren Böden entstehen eher mineralische, straffe Weine, auf den typischen Löß-Lehm-Böden des Zabergäus dagegen opulente, extraktreiche Gewächse.

Zwei Stile, ein Charakter: Der Ausbau macht den Unterschied
Der Lemberger ist ein Verwandlungskünstler. Je nach Ausbau präsentiert er sich in zwei grundlegend verschiedenen Stilrichtungen, die beide ihre Berechtigung haben.
Der leichte, fruchtige Typ wird im Edelstahltank ausgebaut und betont die primären Fruchtaromen. Diese Weine sind unkompliziert, lebendig und machen schon jung Spaß. In Württemberg trinkt man sie gerne als „Viertele“ zur Vesper oder beim geselligen Beisammensein. Sie erinnern daran, dass nicht jeder Rotwein schwer und komplex sein muss, um Freude zu bereiten.
Der kräftige, im Holz ausgebaute Typ ist eine ganz andere Liga. Auf Basis von Spät- und Auslesequalitäten entstehen extrakt- und tanninreiche Rotweine, die oft 12 bis 18 Monate im großen Holzfass oder im Barrique reifen. Diese Weine besitzen eine enorme Dichte, Aromenvielfalt und Lagerfähigkeit. Ambitionierte Winzer und Weingärtnergenossenschaften schaffen hier Qualitäten, die den Vergleich mit internationalen Spitzenrotweinen nicht scheuen müssen. Kräftige Lemberger profitieren übrigens auch vom Dekantieren, das ihre Aromen noch besser zur Geltung bringt.
Ein württembergisches Original ist der Trollinger-Lemberger (kurz „TL“). Diese Cuvée kombiniert die Fruchtigkeit und Leichtigkeit des Trollingers mit der Tiefe und Struktur des Lembergers. Je nach Sortenanteil wird der Wein als „Trollinger mit Lemberger“ oder „Lemberger mit Trollinger“ vermarktet. Weit über Württemberg hinaus hat sich diese Kombination als herzhafter Alltagswein einen festen Platz erobert.
Wer es ausgefallen mag, findet im Lemberger-Sortiment echte Raritäten. Lembergersekt überrascht mit seiner dunklen Frucht in prickelnder Form. Und als Blanc de Noir, also als Weißwein aus roten Trauben, zeigt die Sorte eine ganz unerwartete Seite: filigran, hell und frisch, nur die zarteste Ahnung von Farbe im Glas.
Food Pairing und Serviertemperatur
Der Lemberger ist ein vielseitiger Essensbegleiter, dessen idealer Partner vom Ausbaustil abhängt. Die Faustregel ist einfach: leichter Lemberger zu leichten Gerichten, kräftiger Lemberger zu kräftigen Gerichten.
Ein junger, fruchtiger Lemberger ist der perfekte Begleiter für eine schwäbische Vesper mit Wurst und Käse, für einen entspannten Grillabend oder für sommerliche Gerichte mit gegrilltem Gemüse. Bei diesen Weinen darfst du ruhig etwas mutiger kühlen: Mit 14 bis 16 °C zeigen sie ihre frische, lebendige Seite.
Der kräftige, barrique-ausgebaute Lemberger verlangt nach gehaltvolleren Partnern. Der Klassiker ist der schwäbische Zwiebelrostbraten, dessen Röstaromen perfekt mit den Holz- und Fruchtnoten des Weins harmonieren. Ebenso gut passt er zu Wildgerichten, kräftig gebratenem Geflügel, Schmorgerichten oder würzigem Hartkäse. Serviere diese Weine bei 16 bis 18 °C. Mehr zur optimalen Rotwein-Temperatur findest du in unserem ausführlichen Ratgeber.
| Stil | Passt zu | Temperatur |
|---|---|---|
| Leicht, fruchtig (Edelstahl) | Vesper, Grillabend, leichte Pasta, gegrilltes Gemüse | 14 – 16 °C |
| Kräftig (Holzfass/Barrique) | Zwiebelrostbraten, Wild, Schmorgerichte, Hartkäse | 16 – 18 °C |
| Trollinger-Lemberger (TL) | Brotzeit, Pizza, gesellige Runden | 14 – 16 °C |

Lemberger und die große Weinwelt
Der württembergische Lemberger und der österreichische Blaufränkisch sind genetisch identisch, doch stilistisch können die Weine sehr unterschiedlich ausfallen. In Österreich, vor allem im Mittelburgenland und am Leithaberg, entstehen oft besonders kraftvolle, dichte Blaufränkisch-Weine mit markanten Tanninen, die in der Jugend regelrecht ungestüm wirken können, aber bei genügender Reife samtige Facetten entwickeln. Deutsche Lemberger sind tendenziell etwas weicher und zugänglicher, mit geschmeidigeren Tanninen.
Geschmacklich erinnert der Lemberger an den Pinot Noir (Spätburgunder), besitzt aber mehr Farbtiefe und eine kräftigere Tanninstruktur. Die Website „Echt Württemberger“ beschreibt es treffend: Der Lemberger verbindet die Finesse des Burgunders mit der Kraft des Cabernet. Genau diese Eigenschaft macht ihn so vielseitig im Ausbau und beim Verschnitt mit anderen Sorten.
Interessant ist auch die Rolle des Lembergers als Kreuzungspartner. In der Rebzuchtanstalt Weinsberg entstanden aus ihm die Sorten Cabernet Dorio (Blaufränkisch × Dornfelder) und Cabernet Mitos (Lemberger × Cabernet Sauvignon). In Österreich ist der Blaufränkisch Elternteil des Zweigelt, der meistangebauten österreichischen Rotweinsorte. Auch Blauburger, Roesler und Rathay tragen seine Gene in sich. Und selbst im Dornfelder steckt über die Heroldrebe (Blauer Portugieser × Lemberger) ein Anteil Lemberger-Erbgut.
| Merkmal | Lemberger (Deutschland) | Blaufränkisch (Österreich) | Dornfelder |
|---|---|---|---|
| Farbtiefe | Sehr hoch | Sehr hoch | Extrem hoch |
| Tannine | Kräftig, samtig | Markant, oft straff | Weich, geschmeidig |
| Typische Aromen | Brombeere, Kirsche, Paprika | Waldbeere, Kirsche, Mineralik | Sauerkirsche, Holunder |
| Säure | Angenehm, moderat | Kräftig, charakteristisch | Mild |
| Lagerpotenzial | Gut bis sehr gut | Sehr gut bis hervorragend | Moderat |
Fazit: Ein Rotwein, der mehr Aufmerksamkeit verdient
Der Lemberger ist einer der spannendsten Rotweine, die Deutschland zu bieten hat. In Württemberg ist er längst angekommen, doch im Rest der Republik und darüber hinaus wartet er noch auf seine große Bühne. Zu Unrecht, denn kaum eine andere deutsche Rebsorte vereint so viel Charakter, Vielseitigkeit und Qualitätspotenzial in sich.
Vom unkomplizierten Viertele bis zum barrique-gereiften Großen Gewächs, vom Trollinger-Lemberger-Verschnitt bis zum filigranen Blanc de Noir: Diese Rebsorte kann alles. Und mit dem Klimawandel, der ihr entgegenkommt, besseren Klonen und einer neuen Generation ambitionierter württembergischer Winzer wird der Lemberger in den kommenden Jahren noch von sich reden machen.
Wer nach einem deutschen Rotwein sucht, der mit internationalen Spitzenweinen mithalten kann, sollte beim Lemberger anfangen. Es lohnt sich.
