Bernhard
Naturwein, Wolfsgeist und jede Menge Herzblut:
Kreativ verwurzelt in Wolfsheim
Martina Bernhard-Fazzi führt das Weingut Bernhard gemeinsam mit ihrem Vater in dritter Generation. Auf 25 Hektar im Nordwesten Rheinhessens verbindet sie Kreativität mit naturnahem Weinbau, von biodynamisch bewirtschafteten Weinbergen über Naturweine bis hin zur Weinlinie Sisters in Wine, die für Gleichberechtigung und Solidarität steht.

Den Leuten ein Stück Heimat, die ich so sehr liebe, in die Flasche packen und in die Welt hinaustransportieren – und zu wissen, dass du ihnen damit einen Glücksmoment schenkst.
Martina Bernhard-Fazzi
Von der Kreativität zur Rebe
Martina, wie bist du eigentlich zum Weinbau gekommen?
Bei mir war der Weg tatsächlich sehr kurz. Meine Eltern hatten ein Weingut, mittlerweile darf ich es mitführen. Ich war schon immer gerne draußen in der Natur, da fühle ich mich bis heute am allerwohlsten. Gleichzeitig bin ich ein sehr kreativer Mensch und habe als Teenager erst überlegt, Modedesignerin oder Grafikdesignerin zu werden. Da hat mir aber immer der Bezug zur Natur gefehlt.
Ich muss ehrlich sagen: Bei meinen Eltern und Großeltern habe ich die Kreativität im Weinbau zunächst gar nicht so gesehen. Deshalb hatte ich den Beruf erst gar nicht auf dem Schirm, bis ich irgendwann gemerkt habe, dass Winzerin ein wunderbar kreativer Beruf ist. Kreativ sein, ein eigenes Produkt herstellen, Marketing machen und sich dabei austoben können – und trotzdem viel in der Natur arbeiten. Da konnte ich meine beiden Leidenschaften perfekt verbinden.
Nach der Realschule habe ich eine Ausbildung zur Winzerin gemacht und anschließend noch zwei Jahre Fachschule drangehängt, um Weinbautechnikerin zu werden. Den theoretischen Grundstock braucht man, aber es ist ein Beruf, der dir jedes Jahr etwas Neues abverlangt. Die Natur ist nie gleich. Erfahrung ist das A und O – und die sammelst du nur in der Praxis, wenn du wirklich am Rebstock oder im Weinkeller stehst.
Drei Generationen, ein Familienbetrieb
Wer betreibt das Weingut heute und wie viele Hektar bewirtschaftet ihr?
Mein Papa und ich, wir machen das Weingut zusammen. Meine Mama ist auch dabei, sie ist die gute Seele im Weingut. Meine Großeltern sind mittlerweile Rentner.
Wir bewirtschaften 25 Hektar. Wir sind erst seit 1995 reiner Weinbaubetrieb, davor waren wir ein klassischer Gemischtbetrieb. Mein Papa hat dann auf reinen Weinbau umgestellt. Seit 2017 darf ich mitführen; ich bin die dritte Generation.
25 Hektar zu zweit, benötigt ihr da nicht ein Team hinter euch?
Wir hatten zwischendrin immer mal wieder Leute, die uns unterstützt haben. Aber wir mussten irgendwann ehrlich zu uns sein: Wir sind nicht unbedingt die geborenen Chefs. Wir arbeiten sehr gerne selbst. Wenn du viele Mitarbeiter hast, bist du irgendwann mehr am Organisieren als am Arbeiten und das hat für uns nicht gepasst.
Also haben wir die Konsequenz gezogen und machen das wieder nur wir: Mama, Papa und ich, plus Saisonarbeiter. Das passt für uns und wir sind damit richtig glücklich.

Jeder Wein ist ein Einzelstück der Natur
Wie würdest du die Philosophie eures Weinguts beschreiben?
Jeder unserer Weine ist ein Einzelstück der Natur – das ist unser Slogan und darum geht es auch. Wir kommen aus Wolfsheim, ganz im Nordwesten von Rheinhessen. Früher hat man gesagt: „Die Golanhöhen (ist ein ironischer lokaler Spitzname für die Höhenlage rund um den Wißberg bei Wolfsheim), da wird der Riesling nicht reif, da schmeckt der Wein nicht.“ Das war früher tatsächlich so. Mittlerweile sind wir froh über diese Höhenlage und die Kühle, weil sie im Zuge des Klimawandels ein echter Vorteil ist. Ich will uns nicht als Gewinner bezeichnen, denn es gibt keine Gewinner im Klimawandel. Aber es hilft uns.
Wir stehen auf kalkhaltigem Boden, nahe an Grenzregionen, mit einem windigen, kühlen Klima. Das ist gar nicht so typisch rheinhessisch, sondern ein Gemisch aus verschiedenen Einflüssen. Genau dieses Terroir, das noch nicht viele in hochwertige Weine vinifiziert haben, wollen wir an die Menschen tragen. Der Vorteil von Rheinhessen ist, dass es so viele verschiedene kleine Regionen gibt und wie unterschiedlich alles ist.
Die Herzlichkeit, die man aus dem Rheingebiet kennt, wollen wir in die Flasche packen. Den Leuten ein Stück Heimat, die ich so sehr liebe, in die Flasche packen und in die Welt hinaustransportieren. Wein trinken die Leute, weil sie sich etwas gönnen wollen, weil es ein Genussmoment ist. Zu wissen, dass du ihnen diesen Glücksmoment schenkst – das ist einfach schön.

Weinempfehlungen: Vom Naturwein bis zum Statement-Rosé
Wenn du nur drei Weine empfehlen dürftest, welche wären das?
1.) Sankt Kathrin Silvaner
Ich fange ganz oben an: der Sankt Kathrin Silvaner. Wir lieben Silvaner, weil er den Boden und das Klima transportiert wie keine zweite Rebsorte. Das ist unser Paradewein. Alles, was zu verrückt ist für die restlichen Weine, darf ich beim St. Katharinen Silvaner ausleben: Maischegärung, Holzfasslager, weinbergseigene Hefen. Es ist ein Naturwein, der im Keller nichts mehr bekommen hat außer ein bisschen Schwefel zur Füllung – und trotzdem klassisch elegant geblieben ist.
Das ist der Weinberg, den ich als Erstes bekommen habe und in dem ich alles ausprobieren durfte. Die erste selektive Handlese, die erste Maischegärung. Auch mit dem ökologischen und biodynamischen Weinbau haben wir in diesem Lagenwein-Weinberg viel experimentiert.
2.) Wolfsheimer Grauer Burgunder
Unser Wolfsheimer Grauburgunder. Ich liebe diesen Wein, weil er nicht dieses weichgespülte Pinot Grigio ist, sondern so, wie man einen Grauburgunder früher gemacht hat. Du hast tolle nussige Aromen, Maracuja, Aprikose. Der war im Holzfass, mit weinbergseigenen Hefen vergoren.
Das ist ein Wein, den du auf den Tisch stellen kannst und Leute, die keine Ahnung von Wein haben, sagen: „Der ist einfach lecker.“ Aber Leute, die sich mehr interessieren, können viele verschiedene Aromen rausschmecken. Dieses Spannungsfeld zwischen einem Wein, der Geschichten erzählt und Anfänger trotzdem nicht überfordert – das liebe ich.
3.) Wilde Hilde
Die Wilde Hilde. Das ist ein Rosé aus der Sisters-in-Wine-Linie. Dies ist ein Herzensprojekt von mir. Hilde steht für Hildegard Knef, weil ich „Danke“ sagen wollte: Dass ich heute Winzerin werden darf und sagen kann, was ich will, das kam nicht von allein, dafür mussten viele Frauen kämpfen. Aber es ist auch ein Aufruf, nicht bequem zu werden.
Es ist ein toller, trockener Spätburgunder-Rosé aus dem Holzfass. Bei Rosé, da denken viele an einfachen, restsüßen Sommerwein. Dabei ist Rosé unglaublich vielfältig und kann so viel mehr sein.
Auf manchen Weinen steht Ecovin, auf anderen Bioland – was hat es damit auf sich?
Das sind zwei verschiedene Bio-Verbände. Grundsätzlich sind alle unsere Weine EU-biozertifiziert. Zusätzlich kann man sich von einem Verband zertifizieren lassen, das war für uns lange Ecovin. Wir sind aber vor zwei Jahren zu Bioland gewechselt. Alle Weine bis einschließlich Jahrgang 2023 tragen das Ecovin-Logo, alle ab Jahrgang 2024 das Bioland-Logo. Die Vorgaben sind ähnlich, es war eher eine marketingtechnische Überlegung, weil Bioland bekannter ist. Bioland zertifiziert ja nicht nur Wein, sondern auch Käse, Butter, Milch und vieles mehr.

Sisters in Wine: Solidarität in der Flasche
Was genau steckt hinter der Linie Sisters in Wine?
Es geht um eine vielfältige und gleichberechtigte Gesellschaft. Ähnlich wie beim Umweltschutz sind das große, politische Themen, bei denen sich Menschen manchmal verschließen. Aber Wein trinkt jeder, weil er Spaß daran hat und dann hast du auch einen direkten Zugang zu solchen Themen.
Der Name „Sisters“ kommt daher, dass man als Schwestern zusammenstehen sollte. Als ich die Linie 2020 gegründet habe, war vieles so: „Ach, uns geht es doch gut, warum soll ich mich damit beschäftigen?“ Aber dass Frauen in bildungsfernen Schichten nicht unbedingt gleichberechtigt sind, ähnlich auch Frauen in Vorständen – da hat manchmal die Solidarität gefehlt. Das Mädchen, das in Afghanistan mit neun Jahren verheiratet wird, die braucht uns. Die ist darauf angewiesen, dass wir nicht still sind.
Wir sind erst dann leise, wenn es allen gut geht. Es geht um Feminismus, aber genauso um Sexismus, Rassismus und Klassismus. Die Sisters-in-Wine-Weine werden gerne für Events genommen oder als Geschenk. Es sind zwei Linien mit zwei verschiedenen Messages, die mir beide sehr wichtig sind.

Der Wolf: Mehr als ein Logo
Mir fällt sofort der Wolf ins Auge, sowohl auf dem Logo, als auch auf den Etiketten. Was hat es damit auf sich?
Wir kommen aus Wolfsheim. Der Kerngedanke ist, dass wir stolz auf unsere Heimat sind und das soll auch in der Flasche drinstecken.

Früher hatten wir den Wolf ganz groß und prägnant auf dem Etikett. Das haben wir geändert, weil wir seit 2017 bio machen und überlegen mussten: Wie können wir auf dem Etikett unsere Story widerspiegeln? Den Naturschutz, das Handwerkliche – alles, was uns wichtig ist. Deshalb haben wir neue Symbole eingeführt, in Aquarelltechnik gestaltet, damit das Handwerkliche im Fokus steht.
Wolfsheim heißt übrigens Wolfsheim, weil der Gründer Wolfilos hieß. Hier gab es nie großartig Wölfe. Aber wir haben über das Tier recherchiert, und der Wolf ist eine unglaublich wichtige Stütze im Ökosystem. Er holt die kranken und alten Tiere raus, sorgt dafür, dass es keine Überpopulation gibt, sodass sich die Pflanzenbestände in einem Wald gut regulieren und wachsen können. Und so sehen wir uns als Winzer auch: als Teil des Ökosystems, der für Balance sorgt.
PIWIs, Klimawandel und historische Rebsorten
Beim Thema Klimawandel kommt häufig das Stichwort PIWIs. Plant ihr, PIWIs aufzunehmen?
In der Diskussion wird manchmal der realistische Aspekt vergessen: Einen neuen Weinberg anzulegen kostet pro Hektar 50.000 Euro. Man reißt nicht einfach die Grauburgunder- und Riesling-Weinberge raus und pflanzt PIWIs rein.
Generell sind wir sehr offen für PIWIs – wir arbeiten biodynamisch und ökologisch, da ist das ein großes Thema. Wir versuchen vor allem in unseren Cuvées mit PIWIs zu arbeiten, dort, wo keine Rebsorte auf dem Etikett steht. Im Fachhandel und in der Gastronomie verdienst du das Geld noch mit den klassischen Rebsorten. Aber bei einem Cuvée ist es egal, ob Bacchus oder Cabernet Sauvignon drin ist. Reinsortig haben wir keine PIWIs.
Arbeitet ihr auch mit historischen Rebsorten?
Ja, wir haben den „Bormeo Verd“ als lieblichen Kabinett reinsortig ausgebaut. Das ist eine historische Rebsorte, die es schon im Mittelalter in Deutschland gab. Der Gedanke ist ähnlich wie bei den PIWIs: Im Mittelalter war es deutlich wärmer, und diese Rebsorten, die seit Jahrhunderten hier wachsen, haben sich gut an Wetterextreme angepasst. Die Anlage ist noch sehr jung – ich kann in fünf, sechs Jahren sagen, ob sich das in der Praxis bewahrheitet.
Wein finden und erleben
Wo kann man die Weine vom Weingut Bernhard kaufen?
Im Online-Shop natürlich und bei Geile Weine. Ansonsten vor allem in der Gastronomie und im Fachhandel. Wir arbeiten viel mit Gastronomie, Handel und Direktvertrieb zusammen.
Ihr bietet auch Weinproben und Events an. Wie kann ich mir das vorstellen?
Weil wir so dünn besetzt sind, sind wir auf Voranmeldung angewiesen. Aber dann können die Leute jederzeit gerne vorbeikommen und Weine probieren. Man kann sich auf der Website verschiedene Tastings raussuchen: von der richtigen Weinprobe bis zur kleinen Verkostung.
Jeden zweiten Freitag im Monat haben wir unseren Naturfreitag, quasi den offenen Gutsausschank. Da kann man zu uns kommen, etwas essen, die Weine probieren und mitnehmen.
Und wir haben viele Do-It-Yourself-Events: Die Do-It-Yourself-Weinwanderung zum Beispiel. Da holst du die Weinflaschen bei uns im Weingut Bernhard ab, bekommst über Komoot eine Route durch unsere Weinberge und findest an den Weinbergspfählen QR-Codes. Zu jedem Weinberg bekommst du eine Geschichte zum Wein, den du gerade probierst, dazu ein Quiz und spannende Fragen.
Oder unsere Online-Weinprobe: Du bestellst dir das Paket und bekommst einen Link zu Verkostungsvideos. Auf diese Weise kannst du die Weinprobe machen, wann es dir passt, nicht wann der Winzer Zeit hat. Das ist eine echte Win-Win-Situation.


Sankt Kathrin Silvaner
Naturwein mit Maischegärung und Holzfasslager – klassisch elegant und wild genug, um zu überraschen.

Wolfsheimer Grauer Burgunder
Nussige Aromen, Maracuja und Aprikose aus dem Holzfass – Grauburgunder, wie er früher gemacht wurde.

Wilde Hilde (Rosé)
Trockener Spätburgunder-Rosé aus dem Holzfass – das Statement für Solidarität und guten Geschmack.
Weitere Weingüter
Heimat in der Flasche
Martina Bernhard-Fazzi zeigt, wie sich Kreativität, Naturverbundenheit und klare Haltung in einem Weingut vereinen lassen. Auf 25 Hektar im Nordwesten Rheinhessens entstehen Naturweine mit Charakter, die das besondere Terroir von Wolfsheim in die Welt tragen – vom eleganten St. Katharinen Silvaner über den klassischen Grauburgunder bis zum Statement-Rosé Wilde Hilde.
Wer sich selbst davon überzeugen möchte, schaut am besten zum Naturfreitag in Wolfsheim beim Weingut Bernhard vorbei, bucht eine Do-It-Yourself-Weinwanderung oder bestellt im Online-Shop und lässt sich ein Stück rheinhessische Heimat nach Hause liefern.
Weingut Bernhard GbR
Klostergasse 3
55578 Wolfsheim
Website: https://weingut-bernhard.de
Rebfläche: 25 Hektar
Besonderheit: Bioland-zertifizierter Familienbetrieb mit Naturweinen, biodynamischem Weinbau und der Weinlinie Sisters in Wine.






