Bacchus: Der aromatische Wein für Einsteiger
Du kennst diesen einen Menschen in jeder Runde, der beim ersten Schluck Riesling das Gesicht verzieht: zu sauer, zu spitz, zu anstrengend. Genau für diesen Moment gibt es einen Weißwein, der wirkt, als hätte ihn jemand extra gebaut, um Frieden zu stiften. Er duftet nach zarten Blüten, schwarzer Johannisbeere und einem Hauch Muskat, schmeckt weich, fruchtig und rund, und lässt die ganze Frage nach der Säure einfach verschwinden.
Dieser Wein heißt Bacchus, benannt nach dem römischen Gott des Weines. Und er hat eine überraschende Doppelrolle. In Deutschland gilt die Rebsorte als unkomplizierter Einsteigerwein, den kaum jemand auf dem Zettel hat. In England dagegen wird ausgerechnet diese deutsche Züchtung als heimlicher Star gefeiert. Zeit, dass wir uns den aromatischen Zwitter einmal in Ruhe ansehen, denn hinter dem einfachen Genuss steckt eine erstaunlich spannende Geschichte.
Was ist Bacchus? Ein Kind mit drei Eltern
Bacchus ist eine deutsche Weißweinsorte, und zwar eine ziemlich junge. Anders als Riesling oder Silvaner, die seit Jahrhunderten hierzulande wachsen, ist Bacchus eine Neuzüchtung, die im Labor entstanden ist. Genauer gesagt am Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof im pfälzischen Siebeldingen, das heute zum Julius-Kühn-Institut gehört, dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen.
Die Züchter Peter Morio und Bernhard Husfeld kreuzten die Sorte bereits im Jahr 1933. Das Besondere ist ihr Stammbaum: Bacchus stammt aus der Kreuzung (Silvaner × Riesling) × Müller-Thurgau und vereint damit gleich drei ikonische deutsche Rebsorten in sich. Man könnte sagen, Bacchus ist ein Kind mit drei berühmten Eltern. Dass die Angaben der Züchter zur Abstammung stimmen, wurde übrigens erst 2012 per DNA-Analyse bestätigt, fast 80 Jahre nach der Kreuzung.
Bis aus der Idee ein zugelassener Wein wurde, verging erstaunlich viel Zeit. Erst 1972 erhielt Bacchus in Deutschland den Sortenschutz und den Eintrag in die Sortenliste, fast vier Jahrzehnte nach der ersten Kreuzung. Den klangvollen Namen bekam die Rebe nach Bacchus, dem römischen Gott des Weines, den die Griechen als Dionysos verehrten. Ein großer Name für eine Sorte, deren Aufgabe zunächst ganz nüchtern war: viel Ertrag und hohe Reife, auch dort, wo empfindlichere Reben scheitern.

Wie schmeckt Bacchus wirklich?
Das Herzstück des Bacchus ist sein Duft. Im Glas zeigt er ein blumiges, aromatisches Bukett mit einem feinen Muskatton, dazu Noten von schwarzer Johannisbeere (Cassis), Orange und Blüten. Reife Weine tragen mitunter sogar eine dezente Kümmelnote. Die Farbe ist meist hellgelb, der Körper leicht bis mittelkräftig. Kurz: Es passiert viel in der Nase, ohne dass der Wein anstrengend würde.
Der zweite entscheidende Zug ist die niedrige Säure. Fachlich gilt Bacchus als betont mild und säurearm. Genau das macht ihn so zugänglich: Wo ein junger Riesling mit knackiger Säure erst einmal die Zunge weckt, schmeichelt Bacchus weich und rund. Für Einsteiger, die sich an trockenen Weißwein herantasten wollen, ist das oft die Brücke, die den Zugang leicht macht.
Die Faustregel für den Alltag: Wenn dir Riesling oft zu sauer ist, ist Bacchus dein Wein. Viel Aroma, wenig Säure, null Anstrengung. Am besten trocken ausgebaut und jung getrunken, dann spielt er seine fruchtige Frische am schönsten aus.
Ein kleiner Haken steckt aber in der Frucht. Sein volles Aroma entfaltet Bacchus nur, wenn das Lesegut wirklich vollreif ist. Unreif geerntet wirkt er schnell dünn und nichtssagend. Ausgereift und trocken vinifiziert wird er dagegen vollmundig, extraktreich und angenehm intensiv. Der aromatische Reichtum ist also da, er will nur im Weinberg richtig abgeholt werden.

Warum heißt Bacchus „Frühe Scheurebe“?
Bacchus trägt einen hartnäckigen Spitznamen: Frühe Scheurebe. Der kommt nicht von ungefähr, denn der blumige Muskatton erinnert tatsächlich stark an die Scheurebe, jene aromatische Diva mit ihrem intensiven Cassis-Duft. Doch der Name führt in die Irre: Beide Sorten sind genetisch verschieden und keineswegs identisch. Bacchus reift nur früher und fällt dabei milder aus, während die Scheurebe deutlich säurebetonter und in der Frucht noch intensiver wirkt.
Bacchus gehört zu den sogenannten Bukettrebsorten, zu denen auch Scheurebe und Traminer zählen. Und er hat eine ganze Verwandtschaft, die aus derselben Züchter-Ära stammt. Seine Schwestersorte Optima entstand aus der exakt gleichen Kreuzung, blieb aber eine Nische. Der aromatische Morio-Muskat geht auf denselben Züchter Peter Morio zurück, und der Müller-Thurgau ist sogar direkt einer seiner Elternteile. Die Ironie dabei: Ausgerechnet mit diesem Müller-Thurgau wird Bacchus später oft im Keller wieder zusammengeführt.
Der frühe Vogel im Weinberg
Warum haben Winzer Bacchus überhaupt so gern gepflanzt? Die Antwort liegt im Weinberg. Bacchus ist frühreifend und erreicht hohe Mostgewichte auch in Lagen, in denen der spätreife Riesling nicht zuverlässig ausreift. Wo andere Reben zittern, ob die Trauben rechtzeitig fertig werden, liefert Bacchus früh im Herbst schon volle Zuckerwerte. In den 1970er und 80er Jahren, als hohe Öchslegrade für gehobene Prädikate und für süße Massenweine gefragt waren, war das Gold wert.
Doch genau diese Stärke ist zugleich die Achillesferse der Sorte. Weil der Zucker schneller steigt, als die Säure gehalten werden kann, entscheidet bei Bacchus der Lesezeitpunkt über alles. Wird zu spät geerntet, kippt der Wein leicht ins Plumpe und Breite. Weil es den Weinen von Natur aus an Säure fehlen kann, wird Bacchus im Keller häufig mit dem eher neutralen Müller-Thurgau verschnitten, dem er im Gegenzug Frucht und Bukett schenkt. Kurios ist auch, dass die Sorte eine eigene, nach ihr benannte Störung kennt: die „Bacchuskrankheit“. Trotz des Namens ist das keine echte Krankheit, sondern eine physiologische Erscheinung mit ungeklärter Ursache, bei der einzelne Beeren schrumpfen und vertrocknen. Das ähnelt einem Sonnenbrand, ist aber nicht dasselbe, denn betroffen sind auch schattige Traubenteile.
Wer es genau wissen will, findet die weinbaulichen Details bei der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau.
Aufstieg und Fall einer Modesorte
Bacchus ist ein Paradebeispiel dafür, wie sehr der Zeitgeist über eine Rebsorte bestimmt. In den 1970er und 80er Jahren erlebte die Sorte einen regelrechten Boom. Ihren Höhepunkt erreichte sie 1985, als Bacchus 3,6 Prozent der gesamten deutschen Rebfläche einnahm. Ihre üppige Frucht und ihre Süße machten sie zu einem festen Bestandteil der damals massenhaft getrunkenen Liebfrauenmilch, jenem lieblichen Wein, der den Ruf des deutschen Weins in aller Welt zugleich verbreitete und ramponierte.
Dann drehte sich der Geschmack. Mit dem Trend zu trockenen, frischen und säurebetonten Weinen ab den 1990er Jahren geriet der milde Bacchus aus der Mode. Die Zahlen erzählen einen klaren Abstieg: 1999 standen noch 3.126 Hektar im Boden, 2006 waren es 2.113 Hektar, und 2023 sind es nur noch rund 1.539 Hektar, gerade einmal etwa 1,5 Prozent der deutschen Rebfläche. Seit dem Boom der 80er hat sich die Bacchus-Fläche also mehr als halbiert. Eine Sorte, die einst boomte und dann fast so schnell wieder verschwand.
Franken, das Bacchus-Land
Das größte Bacchus-Anbaugebiet Deutschlands ist heute mit Abstand Franken. Rund 739 Hektar (Stand 2022) stehen dort, ein guter Teil der bundesweiten Fläche. Damit ist Bacchus in Franken sogar die drittwichtigste Rebsorte mit etwa zwölf Prozent Flächenanteil, nur übertroffen vom fränkischen Klassiker Silvaner (rund ein Viertel der Fläche) und vom Müller-Thurgau. Interessant ist die Verschiebung: Noch 2007 war Rheinhessen mit etwa 828 Hektar das größte Bacchus-Gebiet, Franken überholte erst später, weil der Rückgang in Rheinhessen deutlich steiler ausfiel. Neben Franken und Rheinhessen wachsen nennenswerte Bestände heute noch an der Nahe und in der Pfalz.
Dass die Sorte auch anderswo ihre Liebhaber hat, zeigt ein Blick zu einem unserer Interview-Winzer. Im rheinhessischen Lonsheim führen Edwin und Andrea Uhl ihr Weinhaus Uhl im Nebenerwerb. Neben den klassischen Sorten pflegen sie bewusst ein paar Besonderheiten. „Dann haben wir noch Exoten wie Bacchus, Kerner und Ortega“, erzählte uns Edwin Uhl im Gespräch. Genau solche kleinen Winzer halten seltener gewordene Rebsorten am Leben, oft aus purer Freude am Ausprobieren.
Englands heimlicher Star
Jetzt kommt die überraschende Wendung. Während Bacchus in Deutschland an Boden verliert, feiert dieselbe Rebsorte in England eine zweite Karriere. Dort gehört Bacchus inzwischen zu den wichtigsten weißen Sorten und gilt vielen als „englische Antwort auf Sauvignon Blanc“, als eine Art Aushängeschild des jungen englischen Weinbaus.
Der Grund ist das kühlere Klima. Die kürzere Vegetationsperiode und die geringeren Erträge sorgen für mehr Säure und für rankige, kräuterwürzige Aromen von Holunderblüte, Brennnessel und Stachelbeere, die tatsächlich an Sauvignon Blanc erinnern. Der säurearme deutsche Alltagswein bekommt auf der Insel plötzlich Spannung und Frische. Wie ernst es die Engländer meinen, zeigte sich 2017, als ein englischer Bacchus bei den renommierten Decanter World Wine Awards zum besten sortenreinen Weißwein der Welt gekürt wurde. Ein und dieselbe Rebe, zwei völlig verschiedene Leben.
So trinkst du Bacchus am besten
Bacchus ist ein unkomplizierter Genuss, und genau so solltest du ihn behandeln. Serviere ihn gut gekühlt bei etwa 6 bis 8 Grad, dann wirken seine Frucht und die feine Frische am schönsten. Er ist ein Wein für den Moment, kein Kandidat für den Keller: Trinke ihn jung, in seinen ersten ein bis drei Jahren, wenn die Aromatik noch frisch und lebendig ist. Heute wird Bacchus meist trocken ausgebaut, es gibt ihn aber auch halbtrocken, lieblich, als Sekt und sogar als spritzigen Federweißer, denn als frühreife Sorte liefert er schon im Spätsommer den ersten Most.
Beim Essen ist Bacchus ein dankbarer Begleiter, weil seine milde Art kaum aneckt. Besonders gut harmoniert er mit:
- Spargel in allen Varianten, vom klassischen Gericht mit Sauce hollandaise bis zum lauwarmen Salat
- Fisch und Meeresfrüchten wie Forelle, Kabeljau oder Garnelen
- frischem Ziegenkäse und leichten Sommersalaten
- asiatischer Küche, gerade wenn sie leicht scharf gewürzt ist, denn die Frucht federt die Schärfe ab
Und wenn gar nichts auf dem Teller liegt? Auch dann macht Bacchus eine gute Figur, ganz solo als fruchtiger Aperitif auf der Terrasse an einem lauen Abend. Genau das ist seine Paraderolle.

Wie erkenne ich einen guten Bacchus im Regal?
Ein paar Anhaltspunkte helfen bei der Auswahl. Achte auf den Jahrgang und greife zu jungen Weinen, idealerweise dem aktuellen oder dem letzten Jahrgang, denn Bacchus lebt von seiner frischen Frucht. Ein trockener Ausbau ist heute meist die spannendste Wahl, weil er das Aroma klar herausstellt, ohne dass die niedrige Säure den Wein süßlich-breit wirken lässt.
Wer den charakteristischen Muskat- und Cassis-Ton wirklich erleben will, ist bei einem Winzer aus Franken oder Rheinhessen gut aufgehoben, der die Sorte ernst nimmt und sie sortenrein ausbaut. Die folgende Tabelle ordnet Bacchus zwischen seinen beiden nächsten aromatischen Nachbarn ein, damit du die Unterschiede im Kopf hast.
| Rebsorte | Säure | Typisches Aroma | Charakter |
|---|---|---|---|
| Bacchus | niedrig, mild | Muskat, Cassis, Orange, Blüten | weich, fruchtig, unkompliziert |
| Scheurebe | mittel bis kräftig | Cassis, Pfirsich, exotisch | aromatisch, spannungsreich |
| Müller-Thurgau | niedrig bis mittel | Muskat, grüner Apfel, Blüten | leicht, süffig, zurückhaltend |
Fazit: Der unterschätzte Charmeur
Bacchus ist einer dieser Weine, die es nie in die erste Reihe geschafft haben und gerade deshalb eine Entdeckung sind. Er verlangt dir nichts ab, kein geschultes Gaumengedächtnis, keine Geduld beim Reifen, keine feierliche Andacht. Er will einfach getrunken werden, am besten gekühlt, jung und in guter Gesellschaft. Für alle, die trockenen Weißwein bisher als zu sauer empfunden haben, ist er die freundlichste Einladung, die das deutsche Weißweinsortiment zu bieten hat.
Zugleich steckt in dieser scheinbar einfachen Sorte eine erstaunliche Geschichte: eine Laborkreuzung von 1933 mit dem Namen eines antiken Gottes, die in Deutschland aus der Mode fiel und in England zum gefeierten Star wurde. Wer Bacchus heute im Glas hat, trinkt also nicht nur einen milden Sommerwein, sondern ein kleines Stück deutscher Weingeschichte, das gerade eine überraschende Renaissance erlebt.
FAQ: Häufig gestellte Fragen zu Bacchus
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