Junge Frau probiert in einer hellen Vinothek ein Glas Weißwein, im Hintergrund Regale mit WeinflaschenKI-generiert

Sind Sulfite im Wein schädlich? Was du über „enthält Sulfite“ wissen musst

Samstagnachmittag im Weinregal. Du nimmst die Flasche in die Hand, drehst sie um und da steht es wieder, klein und trotzdem irgendwie mahnend: „Enthält Sulfite“. Für einen Moment stockst du. War da nicht was mit Kopfschmerzen? Irgendwas mit Chemie?

Genau an dieser Stelle greifen viele zur Flasche daneben, auf der „ohne zugesetzte Sulfite“ steht, überlesen das Wort „zugesetzte“ und fühlen sich auf der sicheren Seite. Nur ist das ein Irrtum, gleich in doppelter Hinsicht: Einen Wein ganz ohne Sulfite gibt es nicht, weil die Hefen sie bei jeder Gärung selbst bilden. Und der Hinweis „Enthält Sulfite“ ist kein Warnschild, sondern eine Allergen-Information, die auf fast jeder Flasche der Welt steht, sogar auf der vermeintlich sulfitfreien. Was Sulfite im Wein wirklich tun, wie viel davon im Glas landet und für wen sie tatsächlich ein Thema sind, klären wir hier. Mit Zahlen aus dem Weinrecht, aus der Lebensmittelüberwachung und aus der Forschung, nicht aus dem Bauchgefühl.

Was Sulfite im Wein überhaupt sind

Hinter dem Wort Sulfite steckt ein alter Bekannter der Weinwelt: Schwefeldioxid, chemisch SO2, auf Zutatenlisten als E 220 geführt. Löst sich das Gas im Wein, entstehen die Salze der schwefligen Säure, eben die Sulfite. Für das Etikett und für die Grenzwerte werden beide Begriffe gleich behandelt, alles wird als Schwefeldioxid gerechnet. Winzer sprechen deshalb schlicht vom Schwefeln, egal ob sie Gas aus der Stahlflasche dosieren oder das Pulver Kaliumdisulfit (E 224) einrühren.

Wichtig für alles Weitere ist ein Unterschied, den man am Etikett nicht sieht. Ein Teil des Schwefels liegt im Wein als freies SO2 vor. Nur dieser Anteil schützt den Wein aktiv. Und nur er ist bei zu hoher Dosierung als stechender Geruch wahrnehmbar. Der größere Rest ist gebundenes SO2: Es hat sich an Acetaldehyd und andere Gärungsprodukte geheftet, ist sensorisch neutral und laut Fachliteratur auch gesundheitlich ohne Bedeutung. Der Wert, den das Gesetz begrenzt, ist immer die Summe aus beidem, der Gesamtschwefel.

Und dann ist da noch die Sache mit der Natur. Hefen bilden während der alkoholischen Gärung von ganz allein Sulfite, in der Regel 10 bis 30 Milligramm pro Liter, je nach Hefestamm auch mehr. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) zieht daraus einen klaren Schluss: Einen „schwefelfreien Wein“ gibt es nicht. Es gibt nur Weine, denen kein Schwefel zugesetzt wurde.

Kurz gesagt: Sulfite sind kein Fremdkörper, sondern ein natürlicher Bestandteil jedes Weins. Die Frage ist nie, ob ein Wein Sulfite enthält, sondern wie viel und ob der Winzer welche zugegeben hat.

Warum fast jeder Winzer schwefelt

Die Praxis ist uralt. Schon das älteste deutsche Weinbuch, das Gottfried von Franken gegen Ende des 13. Jahrhunderts verfasste, enthält Anleitungen zum Schwefeln. Im Herbst 1487 erließ Kaiser Friedrich III. eine „Ordnung und Satzung über den Wein“, die das Schwefeln regelte und Verkäufer verpflichtete, ihre Kunden über geschwefelte Fässer zu informieren. Bei Verstößen drohte sie mit dem Ausschütten des Weins. Die Pflichtangabe auf dem Etikett hat also einen Vorläufer, der über 500 Jahre alt ist.

Warum der Aufwand? Weil Schwefeldioxid im Keller drei Jobs auf einmal erledigt. Erstens hält es unerwünschte Mikroorganismen in Schach, etwa Essigsäurebakterien und wilde Hefen, die aus Wein sonst schnell Essig oder ein muffiges Etwas machen. Zweitens bremst es die Oxidation, vor allem indem es sauerstoffübertragende Enzyme lahmlegt. Ohne diesen Schutz wird Weißwein braun, flach und riecht nach Sherry, ein klassischer Weinfehler. Drittens bindet es Acetaldehyd, ein Nebenprodukt der Gärung, das unangenehm nach angeschnittenem Apfel riecht. Genau dafür wird der größte Teil des zugesetzten Schwefels verbraucht.

Die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg (LVWO) nennt die Schwefelung deshalb „auch heute noch eine der wichtigsten oenologischen Maßnahmen“ und stellt nüchtern fest: Einen Ersatzstoff mit derselben universellen Wirkung gibt es bislang nicht. Erschwerend kommt der Klimawandel dazu. Wärmere Jahrgänge bringen weniger Säure und höhere pH-Werte. Je höher der pH-Wert, desto weniger wirksames Schwefeldioxid steht pro Milligramm zur Verfügung. Wer heute schwefelarm arbeiten will, muss deutlich sauberer arbeiten als früher.

Wie viel Sulfit darf in den Wein?

Die EU legt Höchstwerte für den Gesamtschwefel fest, gestaffelt nach Weinart und Restzucker. Die Logik dahinter: Je mehr Zucker ein Wein enthält, desto eher gärt er in der Flasche nach und desto mehr Schutz braucht er. Rotwein darf am wenigsten enthalten, weil seine Gerbstoffe und Farbstoffe selbst als Oxidationsschutz wirken.

WeinartHöchstwert konventionellHöchstwert EU-Bio
Rotwein, unter 5 g/l Restzucker (die meisten trockenen Weine)150 mg/l100 mg/l (unter 2 g/l), 120 mg/l (2 bis 5 g/l)
Weißwein und Rosé, unter 5 g/l Restzucker200 mg/l150 mg/l (unter 2 g/l), 170 mg/l (2 bis 5 g/l)
Rotwein ab 5 g/l Restzucker200 mg/l170 mg/l
Weißwein und Rosé ab 5 g/l Restzucker250 mg/l220 mg/l
Spätlese300 mg/l270 mg/l
Auslese350 mg/l320 mg/l
Beerenauslese, Trockenbeerenauslese, Eiswein400 mg/l370 mg/l
Sekt (Qualitätsschaumwein)185 mg/l155 mg/l

Gesamtschwefeldioxid zum Zeitpunkt des Verkaufs, Quelle: EU-Weinrecht (Verordnung 2019/934) und EU-Öko-Recht, zusammengestellt vom LGL Bayern und vom Öko-Weinbauverband Ecovin. Diese Zahlen sind Obergrenzen, keine Rezepte. Wie viel tatsächlich im Glas landet, misst die Lebensmittelüberwachung regelmäßig nach. Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart fand bei 63 Weinen aus Württemberg, Baden und Italien im Schnitt 87 mg/l Gesamtschwefel, bei Bio- und konventionellen Weinen praktisch gleich. Der höchste Wert, ein Silvaner Kabinett mit 222 mg/l, lag ebenfalls im erlaubten Rahmen. Weißweine enthielten durchweg mehr als Rotweine. Auch die Deutsche Weinakademie betont, dass die meisten Weine „weit von den zulässigen Höchstgrenzen an SO2 entfernt“ sind.

Rechnen wir das auf dein Glas um: Bei 0,1 Litern eines typischen deutschen Weins mit rund 90 mg/l nimmst du etwa 9 Milligramm Sulfit auf. Selbst am gesetzlichen Maximum für trockenen Weißwein wären es 20 Milligramm. Diese Größenordnung solltest du im Hinterkopf behalten, wenn es gleich um die Gesundheit geht.

„Enthält Sulfite“: Was das Etikett wirklich sagt

Seit dem 25. November 2005 muss jeder Wein, der mehr als 10 mg/l Schwefeldioxid enthält, in der EU den Hinweis „Enthält Sulfite“ oder „Enthält Schwefeldioxid“ tragen. Das gilt für Wein, Sekt, Perlwein und sogar für Glühwein. Grundlage ist das Allergenrecht: Sulfite stehen auf derselben Liste wie Milch, Eier, Nüsse und glutenhaltiges Getreide. Der Satz ist also kein Warnhinweis vor einem gefährlichen Stoff, sondern eine Information für die kleine Gruppe von Menschen, die empfindlich reagieren. Weil praktisch jeder Wein über 10 mg/l liegt, steht er auf fast jeder Flasche, auch auf ungeschwefeltem Naturwein.

Seit dem 8. Dezember 2023 ist das Etikett noch etwas gesprächiger geworden. Weine, die seit diesem Datum hergestellt wurden, brauchen ein Zutatenverzeichnis und eine Nährwertangabe. Dort taucht der Schwefel dann zum Beispiel als „Antioxidationsmittel: Sulfite“ oder „Konservierungsstoff: Sulfite“ auf, fett hervorgehoben wie jedes Allergen. Viele Winzer lagern diese Angaben in ein E-Label aus, das du per QR-Code auf dem Etikett aufrufst. Der Allergenhinweis „enthält Sulfite“ muss aber in jedem Fall auf dem gedruckten Etikett bleiben.

Und die Flasche, auf der „ohne zugesetzte Sulfite“ steht? Genau so ist die Angabe zulässig, ebenso „ohne Schwefelzusatz“, wenn der Winzer tatsächlich keinen Schwefel zugegeben hat. Ein „sulfitfrei“ oder „ohne Sulfite“ wäre dagegen irreführend, denn die natürlichen Sulfite aus der Gärung sind trotzdem drin. Lies also genau: Das kleine Wort „zugesetzt“ macht den Unterschied.

Sind Sulfite im Wein schädlich? Was die Wissenschaft sagt

Hier lohnt sich ein Blick auf den eigenen Körper. Beim Abbau von Eiweiß aus der Nahrung bildet er nach Angaben des LGL täglich selbst mehr als 2.000 Milligramm Schwefeldioxid. Ein Enzym namens Sulfitoxidase wandelt diese Menge in harmloses Sulfat um, das mit dem Urin den Körper verlässt. Die rund 10 Milligramm, die ein durchschnittlicher Weintrinker laut LGL pro Tag über Wein und Sekt aufnimmt, fallen daneben kaum ins Gewicht. Zum Vergleich: Geschwefelte Trockenfrüchte dürfen bis zu 2.000 mg pro Kilogramm enthalten, Meerrettichzubereitungen 800 mg, Kartoffelpüree-Pulver 400 mg.

Balkendiagramm der zulässigen Sulfit-Höchstmengen: Tafeltrauben 10 mg/kg, Rotwein trocken 150 mg/l, Weißwein trocken 200 mg/l, Krebstiere 300 mg/kg, Kartoffel-Trockenerzeugnisse 400 mg/kg, edelsüße Weine 400 mg/l, Meerrettich 800 mg/kg, Trockenfrüchte 2.000 mg/kg
Wein ist beim Sulfit nicht der Spitzenreiter: Geschwefelte Trockenfrüchte dürfen das Zehnfache eines trockenen Weißweins enthalten (Höchstmengen laut LGL Bayern).

Trotzdem wäre es unehrlich, das Thema mit einem Schulterzucken abzutun. Jahrzehntelang galt eine akzeptable tägliche Aufnahme (ADI) von 0,7 mg pro Kilogramm Körpergewicht, für eine 70 Kilogramm schwere Person also 49 mg am Tag. Ein Viertelliter Wein am gesetzlichen Höchstwert hätte diesen Wert bereits erreicht. Im November 2022 hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) diesen ADI zurückgezogen. Nicht, weil neue Gefahren aufgetaucht wären, sondern weil die Industrie die seit 2016 geforderten Studien nicht nachgeliefert hatte und die Datenlage für einen festen Grenzwert nicht ausreicht. Stattdessen arbeitet die EFSA jetzt mit einem Sicherheitsabstand zu der Dosis, bei der in Tierstudien erste Effekte auf das Nervensystem messbar waren. Ihr Fazit: Für Menschen, die dauerhaft sehr viele geschwefelte Lebensmittel konsumieren, ist dieser Abstand zu klein. Bei Erwachsenen tragen laut EFSA vor allem Bier und Wein zur Sulfitaufnahme bei. Die EU-Kommission lässt seither prüfen, wie sich niedrigere Höchstmengen auswirken würden.

Was heißt das für dich? Rechnerisch bleibt die EFSA erst dann entspannt, wenn die tägliche Aufnahme unter etwa 0,5 mg pro Kilogramm Körpergewicht liegt, bei 70 Kilogramm also unter rund 33 mg. Das entspricht gut einem Drittelliter eines typischen deutschen Weins mit 90 mg/l, jeden Tag. Ein bis zwei Gläser zum Essen bewegen sich damit klar im unauffälligen Bereich. Wer täglich eine halbe Flasche trinkt und dazu gern Trockenobst knabbert, überschreitet die Marke. In diesem Fall ist der Sulfitgehalt aber ehrlicherweise das kleinere Problem: Der Alkohol selbst ist bei dieser Menge die deutlich größere gesundheitliche Baustelle.

Einordnung statt Panik: Für den moderaten Genuss gibt es keinen Hinweis auf eine Gefahr durch Sulfite. Die offene Frage der EFSA betrifft Vieltrinker und die fehlende Forschung, nicht das Glas zum Abendessen.

Der Kopfweh-Mythos: Sind Sulfite schuld?

Kaum ein Vorwurf hält sich hartnäckiger als der, Sulfite würden Kopfschmerzen machen. Die Fakten sprechen dagegen. Ausgerechnet trockener Rotwein, der am häufigsten verdächtigt wird, darf gesetzlich am wenigsten Schwefel enthalten (150 mg/l), trockener Weißwein mehr (200 mg/l), edelsüße Weine bis zu 400 mg/l. Wären Sulfite der Auslöser, müsste die Beerenauslese am stärksten zuschlagen. Genau das beobachtet niemand. Auch die typischen Beschwerden sulfitempfindlicher Menschen betreffen die Atemwege und die Haut, nicht in erster Linie den Kopf.

Für den echten Rotwein-Kopfschmerz gibt es bessere Erklärungen: Histamin und andere biogene Amine, der Alkohol selbst mit seinem Abbauprodukt Acetaldehyd und die vielversprechende Quercetin-Hypothese der University of California, Davis, aus dem Jahr 2023. Für hier reicht die Kurzfassung: Wer nach dem Glas ein Pochen hinter der Stirn spürt, sollte zuerst auf Menge, Tempo und das Glas Wasser daneben schauen, nicht auf das Wort Sulfite.

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Wer wirklich aufpassen muss: Sulfit-Empfindlichkeit und Asthma

Es gibt Menschen, für die der Hinweis auf dem Etikett wichtig ist. Nach einer Übersichtsarbeit der Allergieforscher Hassan Vally und Neil Misso reagieren 3 bis 10 Prozent der Asthmatiker empfindlich auf Sulfite, bei Menschen ohne Asthma sind solche Reaktionen extrem selten. Die Symptome reichen von Nesselsucht, Hautrötung und Bauchschmerzen bis zu Atemnot, in seltenen Fällen bis zu schweren asthmatischen Anfällen. Eine klassische Allergie mit Antikörpern ist das meist nicht, Mediziner sprechen von einer Pseudoallergie oder Intoleranz. Rechtlich zählen Sulfite trotzdem als Allergen, damit Betroffene sie erkennen können.

Wie stark Wein dabei wirklich eine Rolle spielt, hat Vally 2001 in einer Studie im Fachblatt Thorax getestet. Von 24 Asthmatikern, die fest überzeugt waren, auf Wein zu reagieren, zeigten unter Laborbedingungen nur vier eine messbare Verengung der Atemwege, ausschließlich bei einem Wein mit 300 mg/l Sulfit. Bei 20, 75 und 150 mg/l reagierte keiner von ihnen. Die Autoren folgerten, dass die Rolle der Sulfite beim weinbedingten Asthma vermutlich überschätzt wird. Zur gleichen Einschätzung kommt die Deutsche Weinakademie.

Wenn du zu dieser Gruppe gehörst oder es vermutest, gilt: ärztlich abklären lassen, nicht selbst experimentieren. Praktisch helfen trockene Weine, vor allem trockene Rotweine, weil sie die niedrigsten Werte haben, dazu Weine von Winzern, die ihre Analysenwerte auf Nachfrage nennen. Kleine Familienweingüter tun das in der Regel gern, denn der Schwefelgehalt ist für jeden Wein exakt bekannt.

Bio, Naturwein, Orange Wine: Wein mit weniger Sulfit

Wer weniger Sulfit im Glas will, findet im Regal drei Wegweiser. Der verbindlichste ist das EU-Bio-Siegel. Seit 2012 regelt das EU-Öko-Recht auch die Kellerarbeit. Für Biowein gelten die niedrigeren Höchstwerte aus der Tabelle oben: 100 statt 150 mg/l bei trockenem Rotwein, 150 statt 200 mg/l bei Weiß- und Roséwein. Der Öko-Weinbauverband Ecovin übernimmt diese Staffel in seine Richtlinie, Demeter geht noch etwas weiter und erlaubt trockenem Weißwein nur 140 mg/l.

Ein Missverständnis räumen wir gleich mit ab: Bio-Winzer spritzen im Weinberg Schwefel gegen Mehltau. Manche schließen daraus, Biowein enthalte deshalb mehr Sulfit. Das ist elementarer Schwefel auf dem Blatt, kein Schwefeldioxid im Wein. Eva Raps und Urban Kaufmann vom Demeter-Weingut Kaufmann im Rheingau haben es uns im Telefoninterview so beschrieben: „Die Bio-Mittel wie Kupfer und Schwefel wirken nur auf der Blattoberfläche und werden vom Regen abgewaschen, während konventionelle Mittel von der Pflanze aufgenommen werden und wie eine Medizin von innen schützen.“ Mit der Schwefelung im Keller hat das nichts zu tun.

Der zweite Wegweiser ist Naturwein. Hier gibt es kein Gesetz, nur eine Haltung: Spontangärung, keine Zusatzstoffe, kein oder nur minimaler Schwefel vor der Füllung. Wie streng das gehen kann, zeigt Frankreich: Weine mit dem Label „Vin méthode nature“ dürfen vor und während der Gärung keinen Schwefel bekommen und am Ende höchstens 30 mg/l Gesamtsulfit enthalten. Dass Naturwein dabei nicht wild schmecken muss, beweist Martina Bernhard-Fazzi vom Weingut Bernhard in Rheinhessen mit ihrem Lagen-Silvaner. Im Telefoninterview beschrieb sie ihn so: „Es ist ein Naturwein, der im Keller nichts mehr bekommen hat außer ein bisschen Schwefel zur Füllung“. Und der, wie sie hinzufügt, „trotzdem klassisch elegant geblieben ist“.

Der dritte Wegweiser ist die Farbe Orange. Orange Wine entsteht, wenn weiße Trauben wie Rotwein auf den Schalen vergären. Die dabei gelösten Gerbstoffe schützen den Wein von innen, ähnlich wie beim Rotwein, sodass viele Erzeuger mit sehr wenig oder ganz ohne zugesetzten Schwefel auskommen. Ein Naturgesetz ist das allerdings nicht: Wie viel Sulfit in einer Flasche steckt, entscheidet am Ende immer der Winzer, nicht die Kategorie.

Was Winzer tun, um Schwefel zu sparen

Der wirksamste Weg zu wenig Schwefel beginnt nicht im Keller, sondern im Weinberg. Die LVWO Weinsberg stellt an den Anfang ihrer Empfehlungen ein einziges Stichwort: gesundes Lesegut. Faule oder verletzte Beeren bringen Enzyme, Bakterien und Acetaldehyd mit, die später nur mit viel Schwefel zu bändigen sind. Danach zählen Tempo und Sauberkeit: kühle Verarbeitung, eine zügige Gärung mit zuverlässigen Hefen, die selbst wenig SO2 bilden, vollständiges Durchgären und Tanks, die immer spundvoll gehalten werden, damit keine Luft an den Wein kommt. Bei Rotwein senkt zusätzlich der biologische Säureabbau den Bedarf, weil dabei schwefelbindende Stoffe abgebaut werden.

Winzer prüft im Keller zwischen Edelstahltanks ein Glas jungen Weißwein gegen das LichtKI-generiert
Gesunde Trauben, saubere Tanks und ein wacher Blick auf den Wein: Wer im Keller sorgfältig arbeitet, braucht weniger Schwefel.

Ganz ersetzen lässt sich Schwefel bisher nicht. Zugelassen sind Helfer wie Ascorbinsäure als Oxidationsschutz, Dimethyldicarbonat gegen Hefen oder Lysozym und Chitosan gegen Bakterien, doch keiner davon deckt alle drei Aufgaben zugleich ab. Spannend ist die Forschung an der sogenannten Bioprotektion: Dabei werden gleich nach der Lese ausgewählte Hefen zugesetzt, die den Lebensraum besetzen, bevor Schädlinge ihn erobern können. In der Praxis erreichen sorgfältige Betriebe so Werte, die weit unter den Grenzwerten liegen, ohne dass der Wein an Frische oder Lagerfähigkeit verliert.

Sechs Sulfit-Mythen im Schnellcheck

MythosFakt
„Es gibt Wein ohne Sulfite.“Nein. Hefen bilden bei jeder Gärung Sulfite. Es gibt nur Wein ohne zugesetzte Sulfite.
„Biowein ist schwefelfrei.“Nein. Biowein darf weniger enthalten (100 statt 150 mg/l bei trockenem Rotwein), aber nicht null.
„Rotwein hat mehr Sulfit als Weißwein.“Umgekehrt. Trockener Rotwein hat den niedrigsten Höchstwert. Messungen bestätigen die niedrigeren Gehalte.
„Sulfite machen Kopfschmerzen.“Sehr unwahrscheinlich. Histamin, Alkohol und vermutlich Quercetin sind die besseren Kandidaten.
„Dekantieren entfernt die Sulfite.“Nein. Beim Belüften verflüchtigt sich höchstens ein Teil des freien SO2, der gebundene Anteil bleibt. Auch „Sulfit-Filter“ haben ihre Wirkung bislang nicht belegt.
„Sulfite sind moderne Chemie.“Nein. Das Schwefeln ist seit dem Mittelalter belegt und wurde schon 1487 per Reichsweinordnung geregelt.

Fazit: Ein Etikett, das mehr Respekt verdient als Angst

„Enthält Sulfite“ ist keine Warnung, sondern ein Stück Transparenz mit langer Geschichte. Der Schwefel dahinter hält Wein frisch, sauber und lagerfähig, in Mengen, die bei den allermeisten Weinen weit unter dem Erlaubten liegen und die unser Körper täglich in weit größerer Menge selbst produziert.

Ehrlich bleiben wir trotzdem in zwei Punkten. Für die kleine Gruppe sulfitempfindlicher Asthmatiker ist der Hinweis wichtig. Und die EFSA hat 2022 zu Recht angemahnt, dass die Forschung zu Sulfiten Lücken hat und Vieltrinker im Blick bleiben sollten. Beides spricht nicht gegen das Glas zum Abendessen, sondern für bewussten Genuss.

Wer den nächsten Wein nach Sulfiten aussucht, sucht am falschen Ende. Such dir lieber einen Winzer, der sauber arbeitet. Frag ihn, wie viel Schwefel im Wein steckt. Die Antwort kennt er genau.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn du nach dem Verzehr geschwefelter Lebensmittel Atembeschwerden oder Hautreaktionen bemerkst, wende dich bitte an deine Ärztin oder deinen Arzt.

FAQ: Häufig gestellte Fragen zu Sulfiten im Wein

Nein. Hefen bilden bei jeder alkoholischen Gärung von selbst Sulfite, meist 10 bis 30 mg/l. Es gibt aber Weine, denen kein Schwefel zugesetzt wurde. Sie tragen Hinweise wie „ohne zugesetzte Sulfite“ oder „ohne Schwefelzusatz“ und finden sich vor allem im Naturwein-Bereich. Der Pflichthinweis „enthält Sulfite“ steht trotzdem auf der Flasche, sobald mehr als 10 mg/l drin sind.

Ein typischer deutscher Wein enthält nach Messungen der Lebensmittelüberwachung im Schnitt rund 90 mg/l Gesamtschwefel. In einem Glas mit 0,1 Litern stecken also etwa 9 Milligramm, am gesetzlichen Höchstwert für trockenen Weißwein wären es 20 Milligramm. Zum Vergleich: Der Körper bildet beim Eiweißabbau selbst mehr als 2.000 Milligramm Schwefeldioxid pro Tag.

Weißwein. Trockener Rotwein darf höchstens 150 mg/l enthalten, trockener Weißwein und Rosé 200 mg/l, weil Weißwein ohne schützende Gerbstoffe schneller oxidiert. Süße Weine liegen noch höher, bis zu 400 mg/l bei Eiswein und Trockenbeerenauslese. Wer möglichst wenig Sulfit möchte, greift also eher zu trockenem Rotwein als zu einem süßen Weißwein.

Praktisch nicht. Beim Dekantieren oder Schwenken verflüchtigt sich höchstens ein kleiner Teil des freien Schwefeldioxids, der gebundene Anteil bleibt im Wein. Für Filter und Tropfen, die Sulfite entfernen sollen, fehlen bislang belastbare Belege. Wer empfindlich ist, fährt besser mit Weinen, die von vornherein wenig Schwefel enthalten.

Weil die Kennzeichnungspflicht nicht danach fragt, woher die Sulfite stammen. Ab 10 mg/l ist der Hinweis Pflicht. Diese Menge erreichen schon die natürlichen Sulfite aus der Gärung. Selbst ein komplett ungeschwefelter Naturwein trägt den Satz deshalb meistens auf dem Etikett.

Am EU-Bio-Siegel, denn Biowein hat niedrigere Höchstwerte, an Verbandslogos wie Demeter oder Ecovin, an Hinweisen wie „ohne zugesetzte Sulfite“ und am französischen Label „Vin méthode nature“ mit höchstens 30 mg/l. Am sichersten ist die Nachfrage beim Winzer: Er kennt den Schwefelgehalt jedes Weins auf das Milligramm genau.

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