Winzer schenkt einem Besucher am Weingut ein Glas Weißwein ein

Erlebnis-Weingut statt Online-Shop: Online-Weinproben, Rebstockpatenschaften & Kräuterführungen bei kleinen Winzern

Es ist ein Dienstagabend im November. In rund 90 Wohnzimmern zwischen Leipzig und Lörrach stehen die gleichen Flaschen auf dem Tisch, dazu zwei Sorten Käse, handgemachte Schokolade und weinfeines Knäckebrot. Auf den Bildschirmen lacht Eva Vollmer in die Kamera, hebt ihr Glas und erzählt die Geschichte hinter dem Wein, den gerade dutzende Menschen gleichzeitig im Mund haben. Willkommen beim Winzertainment.

So sieht moderne Weinvermarktung bei kleinen Winzern aus. Während Discounter und große Online-Shops um den günstigsten Preis ringen, schlagen Familienweingüter einen anderen Weg ein. Sie verkaufen kein Produkt, sondern ein Erlebnis: Online-Weinproben, Rebstockpatenschaften, Kräuterführungen und sogar einen Kinderwingert. Wir zeigen dir, was kleine Winzer heute auf die Beine stellen und wie du selbst Teil davon wirst.

Warum kleine Winzer aufs Erlebnis setzen

Die nackten Zahlen klingen erst einmal ernüchternd. 2024 verzeichneten deutsche Weingüter laut der Absatzanalyse des Deutschen Weininstituts einen Absatzrückgang von 6,6 Prozent. Die Zahl der Winzerbetriebe sinkt seit Jahren. Wer in diesem Umfeld allein über den Preis verkauft, gerät schnell ins Hintertreffen.

Und doch gibt es einen Lichtblick, und der heißt Nähe. Die Direktvermarktung, also der Verkauf direkt ab Hof, ist mit einem Umsatzanteil von 46 Prozent der mit Abstand wichtigste Vertriebsweg deutscher Weingüter. Sie kam 2024 mit einem Umsatzminus von nur 0,7 Prozent fast unbeschadet durch ein schwieriges Jahr, während die Gastronomie zweistellig einbrach. Menschen, die ihren Winzer persönlich kennen, bleiben treu.

Der Grund dafür hat sogar einen Namen: Erlebnisökonomie. Schon 1999 beschrieben die Ökonomen Pine und Gilmore, dass Kunden für ein echtes Erlebnis bereitwillig mehr zahlen als für ein bloßes Produkt. Genau das machen sich Winzer zunutze. Der sogenannte Weintourismus, also Freizeit und Urlaub rund um den Wein, gilt in Deutschland als stark wachsender Markt. Tatsächlich haben laut einer ProWein-Verbraucherumfrage bereits 57 Prozent der Befragten ein Weingut besucht und 78 Prozent an einer Weinprobe teilgenommen, bei den über 50-Jährigen sogar 86 Prozent.

Christoph Lösch vom Weingut Klosterhof bringt es im Interview auf den Punkt: „Die kommen nicht wegen des Weins, sondern wegen des Erlebnisses. Und so habe ich mir meine Weinkundschaft aufgebaut.“

Winzerin lacht bei einer Online-Weinprobe in ihre Laptop-Kamera, Weißwein im Glas

Die Online-Weinprobe: das Weingut aufs Sofa holen

Manchmal liegt das Lieblingsweingut 500 Kilometer entfernt. Macht nichts. Die Online-Weinprobe bringt den Winzer per Videocall direkt in dein Wohnzimmer.

Das Prinzip ist fast überall gleich. Du buchst einen Termin, bekommst ein Probierpaket nach Hause geliefert und klickst zur verabredeten Zeit auf einen Link. Dann verkostet ihr gemeinsam, der Winzer erzählt die Geschichten hinter den Weinen, und ihr stellt Fragen. Große Anbieter wie Pieroth setzen solche Tastings schon ab knapp 30 Euro pro Gruppe an. Der eigentliche Charme der kleinen Winzer liegt aber woanders, nämlich in der Persönlichkeit.

Eva Vollmer aus Mainz-Ebersheim hat daraus eine eigene Kunstform gemacht. Ihr Klassiker „Wein, Schoki, Käse“ kostet 99 Euro. Eine Woche vorher kommt ein Paket mit Wein, zwei Käsesorten, vier handgemachten Schokoladen und eigens entwickeltem Knäckebrot. Dann treffen sich rund 90 Haushalte per Zoom, manche von ihnen schon zum achten Mal.

„Dieses Winzertainment – mein Kunstwort aus Winzer und Entertainment – ist ein Kernstück der ganzen Sache: die Show, die Geschichten, die Spontanität und der Genuss in einen Sack gepackt“, erzählt sie im Interview mit Weingut Story. Dass das Format kein reines Corona-Phänomen war, zeigt das Weingut Stenner. Malenka und Niklas Stenner erfanden ihren Betrieb mitten in der Pandemie neu und gewannen über Online-Proben Kunden, die sie sonst nie erreicht hätten.

Online-Weinprobe oder Weinprobe zu Hause?

Eine Online-Weinprobe ist nicht dasselbe wie eine selbst organisierte Weinprobe zu Hause. Bei der einen führt der Winzer durch den Abend, bei der anderen bist du selbst der Gastgeber. Wer lieber in der eigenen Runde verkostet, findet in unserem Leitfaden alles von der richtigen Glaswahl bis zur Reihenfolge der Weine. Das Weingut Bernhard verbindet sogar beide Welten: Dort bekommst du das Paket samt Verkostungsvideos und probierst, wann es dir passt, nicht wann der Winzer Zeit hat.

Rebstockpatenschaft: dein eigener Stock, dein eigener Wein

Was, wenn du nicht nur den fertigen Wein trinken, sondern ein ganzes Weinjahr miterleben willst? Dann ist eine Rebstockpatenschaft genau das Richtige.

Die Idee dahinter ist schnell erklärt. Du übernimmst für eine begrenzte Zeit die Patenschaft für eine echte Weinrebe, üblich sind Laufzeiten von ein bis fünf Jahren. Damit unterstützt du nicht nur das Handwerk eines kleinen Betriebs, du hilfst auch mit, dass brachliegende Parzellen wieder bewirtschaftet werden. Eine typische Patenschaft umfasst meist diese vier Bausteine:

  • eine Urkunde und ein Patenschild mit deinem Namen an „deiner“ Rebe
  • mehrere Flaschen Wein bereits beim Antritt der Patenschaft
  • „deinen“ Paten-Wein aus dem nächsten Jahrgang nach der Lese
  • das Recht, deine Rebe jederzeit zu besuchen

Beim Weingut Stenner geht die Sache noch ein Stück weiter. Wer hier Pate wird, bekommt jedes Jahr zwei Flaschen, wird über das Wachstum der Rebe informiert und persönlich zur Weinlese eingeladen.

„Dann darf man wirklich seine eigenen Trauben schneiden, bekommt eine Weinprobe, Kellerführung und Mittagessen – exklusiv nur für die Paten“, beschreibt Malenka Stenner das Erlebnis. Besonders für Menschen, die sonst wenig mit Wein zu tun haben, sei das ein idealer Einstieg, und nebenbei ein außergewöhnliches Geschenk.

Wenn der Weinberg zum Klassenzimmer wird: Kräuterführung und DIY-Wanderung

Christoph Lösch vom Weingut Klosterhof in Worms hatte ein Problem: Wie macht man auf sich aufmerksam, wenn die Luft unter den Spitzenweingütern dünn ist? Seine Antwort wuchs ausgerechnet auf einer alten Kegelbahn.

Lösch absolvierte nebenberuflich eine Ausbildung zum Kräuterführer und verwandelte ein 400 Quadratmeter großes Grundstück, auf dem sein Urgroßvater einst kegelte, in ein Kräuterparadies. Heute nimmt er seine Gäste mit hinaus in die Weinberge, erklärt die wilden Pflanzen zwischen den Reben und serviert anschließend ein Fünfgangmenü mit wilden Kräutern, dazu eine Fünfer-Weinprobe.

Das Erstaunliche daran: Vor der Pandemie kamen rund 120 Gäste pro Woche, angereist aus Kiel, Hannover, München und Stuttgart. Vermarktet werden solche Events oft über Erlebnisplattformen wie Jochen Schweizer oder MyDays. Viele Gäste bekommen den Gutschein geschenkt und reisen eigens dafür an. So baut sich ein Winzer eine treue Kundschaft auf, die mit dem Erlebnis beginnt und mit der Weinbestellung weitergeht.

Einen ganz anderen, digitalen Weg geht das Weingut Bernhard im Nordwesten Rheinhessens. Bei der „Do-It-Yourself-Weinwanderung“ holst du die Flaschen am Hof ab, bekommst über die App Komoot eine Route durch die Weinberge und findest an den Rebpfählen QR-Codes. Zu jedem Wein gibt es eine Geschichte, ein Quiz und spannende Hintergründe, ganz ohne festen Termin und ganz im eigenen Tempo.

Kräutergarten an einem Weingut, im Hintergrund ein gedeckter Tisch mit Weingläsern

Der Kinderwingert: Weinkultur für die nächste Generation

Erlebnis muss nicht beim erwachsenen Genießer aufhören. Bei Becker das Weingut in Mainz-Ebersheim dürfen schon die Kleinsten mit anpacken.

Alexandra Becker, ausgebildete Kulturweinbotschafterin, rief vor fast 20 Jahren den Kinderwingert ins Leben. Kinder aus Familien ohne Weinbau-Hintergrund übernehmen die Patenschaft für vier Rebstöcke einer pilzwiderstandsfähigen Regent-Anlage. Fünfmal im Jahr treffen sie sich, machen vom Rebschnitt bis zur Lese alles in Handarbeit und keltern am Ende ihren eigenen Saft, den sie mit nach Hause nehmen dürfen.

„Wein ist schließlich auch ein Kulturgut, das zur DNA Europas gehört“, sagt Becker. Ihr geht es darum, Kindern zu zeigen, was in einer Weinregion eigentlich direkt vor der Haustür passiert.

Dahinter steckt mehr als ein nettes Familienangebot. Das Deutsche Weininstitut forderte zuletzt, deutlich aktiver auf jüngere Zielgruppen zuzugehen. Die Generation Z kaufe bewusster, achte auf Qualität und Nachhaltigkeit und reagiere kaum auf klassische Werbung, dafür umso mehr auf authentisches Storytelling und echte Erlebnisse. Wer Kinder heute für die Rebe begeistert, gewinnt vielleicht die Stammkunden von morgen.

Picknick zwischen den Reben und offener Gutsausschank

Nicht jedes Erlebnis braucht ein gebuchtes Ticket. Manchmal reicht ein lauer Sommerabend und ein Stück Wiese zwischen den Reben.

Eva Vollmer hat auf einem ganzen Hektar eine typisch rheinhessische Weinwiese mit Weinberg angelegt, auf der man im Sommer picknicken kann. Das Weingut Bernhard öffnet jeden zweiten Freitag im Monat zum „Naturfreitag“, einem offenen Gutsausschank, bei dem man isst, die Weine probiert und gleich mitnimmt. Beim Weingut Stenner wiederum kommst du einfach in die Vinothek und nutzt den größten Vorteil des Direktkaufs.

Malenka Stenner formuliert es so: „Das ist der Pluspunkt, wenn man zum Winzer geht: Man kann immer vorher probieren.“ Genau dieser Moment, das Glas in der Hand und der Winzer daneben, ist durch keinen Online-Shop der Welt zu ersetzen.

Warum aus einem Klick ein Stammkunde wird

Der eigentliche Zauber dieser Angebote zeigt sich erst mit der Zeit. Ein Erlebnis schafft eine Bindung, die kein Sonderangebot der Welt kaufen kann.

Eva Vollmer beschreibt das mit einem schönen Bild. Jemand lernt das Weingut über eine Online-Weinprobe kennen, sitzt vielleicht in Leipzig, und über Jahre hinweg wandern Weinpakete hin und her, bis man sich endlich persönlich trifft.

„Es ist wie eine Pilgerfahrt“, erzählt Eva Vollmer. „Sich dann live zu treffen, ist für beide Seiten gigantisch.“

Diese Nähe zahlt sich auch wirtschaftlich aus. Eine Untersuchung der Hochschule Geisenheim zur Erwartungshaltung von Weintouristen zeigte, dass Kunden direkt beim Winzer eine deutlich höhere Zahlungsbereitschaft haben als an der Discounterkasse, nämlich fünf bis sieben Euro pro Liter statt gut zwei Euro. Wer den Menschen hinter der Flasche kennt, zählt eben nicht jeden Cent.

So findest und buchst du dein Weinerlebnis

Lust bekommen? Der Einstieg ist leichter, als du denkst. Die meisten Winzer listen ihre Termine direkt auf der eigenen Website, oft unter „Events“ oder „Erlebnisse“. Bei sehr kleinen Familienbetrieben lohnt sich eine kurze Anmeldung per Mail oder Telefon, weil dort nicht jeden Tag die Türen offen stehen. Wer ein Geschenk sucht, wird zusätzlich auf Erlebnisplattformen fündig. Und über das Jahr verteilt gilt: Online-Proben haben im Winter Hochsaison, Picknicks und Wanderungen im Sommer.

ErlebnisDas erwartet dichIdeal fürSaison
Online-WeinprobeModerierte Verkostung per Videocall, Paket inklusiveweit entfernte Lieblingsweingüter, Firmenabendeganzjährig, v. a. Winter
Rebstockpatenschafteigene Rebe, Flaschen, Einladung zur LeseGeschenke, Wein-EinsteigerStart ganzjährig, Lese im Herbst
Kräuter- oder Weinbergsführunggeführte Tour plus Menü und WeinprobeGenießer, Paare, GruppenFrühjahr bis Herbst
DIY-Weinwanderungselbstgeführte Route mit QR-Codes und QuizAktive, Familien, spontane TageFrühjahr bis Herbst
Kinderwingertein Weinjahr für Kinder, vom Schnitt bis zum SaftFamilien aus der Regionsaisonal, mehrere Termine
Picknick & Gutsausschanklockerer Genuss vor Ort, ohne festes Programmalle, die spontan vorbeischauenmeist Sommer

Eine Übersicht handverlesener Winzer, die genau solche Erlebnisse anbieten, findest du in unserer Winzer-Übersicht. Dort entdeckst du kleine Betriebe aus Rheinhessen und darüber hinaus, die ihre Türen für Besucher öffnen.

Junge Leute beim Picknick mit Weißwein zwischen den Rebzeilen im Weinberg

Fazit: Mehr als Wein im Glas

Der Online-Shop bleibt praktisch, keine Frage. Doch er ist austauschbar. Was kleine Winzer wirklich stark macht, ist das, was kein Großhändler kopieren kann: das persönliche Erlebnis. Die Online-Weinprobe mit Schokolade, die eigene Rebe im Weinberg, die Kräuterführung über die alte Kegelbahn oder der erste eigene Traubensaft aus Kinderhand.

Für dich als Genießer heißt das: Du bekommst nicht nur guten Wein, sondern eine Geschichte dazu und oft eine echte Beziehung zum Erzeuger. Für die Winzer ist es die vielleicht beste Antwort auf einen schwierigen Markt. Probier es einfach aus. Buch eine Online-Probe, verschenk eine Rebstockpatenschaft oder fahr am Wochenende raus aufs Land und schau einem Familienbetrieb über die Schulter.

Denn am Ende gilt für das Weingut dasselbe wie für den Wein selbst: Am schönsten ist beides, wenn man es mit allen Sinnen erlebt.

FAQ: Häufig gestellte Fragen zum Erlebnis-Weingut

Bei einer Rebstockpatenschaft übernimmst du für eine festgelegte Zeit, meist ein bis fünf Jahre, die Patenschaft für eine echte Weinrebe. Üblich sind eine Urkunde, ein Patenschild an deiner Rebe, mehrere Flaschen Wein und oft eine Einladung zur Weinlese. Beim Weingut Stenner gehören sogar Kellerführung und ein gemeinsames Mittagessen dazu.

Du buchst einen Termin und bekommst ein Probierpaket nach Hause geliefert. Zur verabredeten Zeit triffst du den Winzer per Videocall, ihr verkostet die Weine gemeinsam und er erzählt die Geschichten dahinter. Alles, was du brauchst, sind ein Laptop oder Handy und ein paar Gläser.

Das hängt stark vom Format ab. Kommerzielle Online-Weinproben starten bei rund 30 Euro pro Gruppe, hochwertige Pakete mit Schokolade und Käse liegen eher bei 99 Euro. Führungen mit Menü und Rebstockpatenschaften bewegen sich je nach Umfang darüber. Ein kurzer Anruf beim Weingut schafft schnell Klarheit.

Sehr gut sogar. Rebstockpatenschaften, Online-Weinproben und Führungen lassen sich fast immer als Gutschein verschenken. Über Erlebnisplattformen wie Jochen Schweizer oder MyDays findest du Hunderte solcher Angebote, viele Winzer verkaufen Gutscheine aber auch direkt über ihre Website.

Ja. Viele Familienweingüter sind auf Gäste mit Kindern eingestellt, und manche bieten eigene Formate an. Becker das Weingut betreibt zum Beispiel einen Kinderwingert, bei dem Kinder ein ganzes Jahr lang vier Rebstöcke betreuen und am Ende ihren eigenen Traubensaft keltern.

Bei einer Weinprobe zu Hause bist du selbst der Gastgeber und stellst Weine, Gläser und Ablauf zusammen. Beim Erlebnis-Weingut übernimmt der Winzer die Regie, ob per Videocall, im Weinberg oder im Kräutergarten. Beides lässt sich übrigens wunderbar kombinieren.

Passende Weine von Winzern aus unseren Interviews

Diese Weine stammen von Weingütern aus unseren Interviews – bestellt wird direkt beim Winzer.

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