Weingeschichte Deutschlands

Zeitstrahl: 2.000 Jahre deutsche Weingeschichte auf einen Blick

Römische Legionäre, mittelalterliche Mönche, ein verspäteter Bote und eine Laus, die fast alles zerstörte. Die Geschichte des deutschen Weinbaus liest sich wie ein Abenteuerroman. Über 2.000 Jahre Höhen und Tiefen haben eine Weinkultur geformt, die heute zu den vielfältigsten der Welt gehört.

Dieser interaktive Zeitstrahl führt dich durch 25 Meilensteine, die den deutschen Weinbau geprägt haben. Von den ersten Reben an der Mosel bis zu den pilzwiderstandsfähigen Rebsorten der Zukunft. Scrolle dich durch die Epochen und entdecke, welche Wendungen, Zufälle und Katastrophen den Weg in dein Weinglas geebnet haben.

Du willst die ganze Geschichte im Detail nachlesen? In unserem ausführlichen Artikel Geschichte des deutschen Weinbaus: Von den Römern bis heute erzählen wir dir alle Hintergründe, Zusammenhänge und überraschenden Fakten.

Interaktiver Zeitstrahl: 2.000 Jahre deutscher Weinbau

Antike
~500 v. Chr.

Kelten und der erste Wein

Keltische Fürsten im heutigen Südwestdeutschland importieren Wein aus dem Mittelmeerraum. Archäologische Funde belegen den regen Handel – ob sie selbst Reben anbauten, ist nicht gesichert.

92 n. Chr.

Kaiser Domitian verbietet den Anbau

Um die italische Weinwirtschaft zu schützen, verbietet Kaiser Domitian den Anbau neuer Reben in den nördlichen Provinzen. Fast 200 Jahre lang bremst dieses Edikt den Weinbau nördlich der Alpen.

280 n. Chr.

Kaiser Probus – Geburtsstunde des deutschen Weinbaus

Der „Weinkaiser“ Probus hebt das Anbauverbot auf und lässt Legionäre Weinberge an Rhein und Mosel anlegen. Dies gilt als Beginn des systematischen Weinbaus in Deutschland.

Römische Kelteranlagen in Piesport bezeugen den frühen Weinbau
~371 n. Chr.

Ausonius besingt die Mosel

Der römische Dichter Ausonius beschreibt in seinem Gedicht „Mosella“ die Weinberge an der Mosel – eines der ältesten literarischen Zeugnisse des deutschen Weinbaus.

Mittelalter
~795

Karl der Große regelt den Weinbau

Im „Capitulare de villis“ ordnet Karl der Große Hygiene beim Keltern, Sauberkeit im Keller und den Weinverkauf in Straußwirtschaften an. Der Legende nach erkennt er vom Rheingau aus, wo der Schnee zuerst schmilzt – und lässt dort Reben pflanzen.

Erste systematische Qualitätsregeln für den Weinbau
884

Spätburgunder kommt nach Deutschland

Kaiser Karl III. lässt die ersten Spätburgunder-Reben („Clävner“) in Bodman am Bodensee pflanzen. Heute ist Spätburgunder mit rund 11.000 Hektar Deutschlands wichtigste Rotweinsorte.

8.–9. Jh.

Mönche treiben den Weinbau voran

Mit der Gründung großer Klöster wie Lorsch und Weißenburg beginnt die Ära des Klosterweinbaus. Wein ist nicht nur Genussmittel, sondern als Symbol des Blutes Christi sakral bedeutsam. Die Mönche verbessern systematisch die Qualität.

1136

Kloster Eberbach – das größte Weinhandelshaus der Welt

Zisterziensermönche gründen Kloster Eberbach im Rheingau. Es wird zum mächtigsten Weinhandelsunternehmen des Mittelalters mit über 200 Niederlassungen von Worms bis Köln.

Weinerlöse machten bis zu 75% der Klostereinnahmen aus
13. Jahrhundert

Größte Ausdehnung: 300.000 Hektar Reben

Der Weinbau erreicht seine größte Ausdehnung – von Schlesien über Brandenburg bis nach Dänemark. Die Rebfläche beträgt rund 300.000 Hektar. Zum Vergleich: Heute sind es nur noch etwa 103.000 Hektar.

13. März 1435

Die erste Erwähnung des Rieslings

Graf Johann IV. von Katzenelnbogen dokumentiert den Kauf von „Riesslingen“-Setzlingen für seinen Weinberg im Rheingau. Es ist die älteste bekannte schriftliche Erwähnung der Rebsorte, die Deutschland weltberühmt machen wird.

Deutschland ist mit ~24.000 ha das größte Riesling-Anbaugebiet der Welt
Frühe Neuzeit
1618–1648

Der Dreißigjährige Krieg zerstört den Weinbau

Der Krieg verwüstet zahlreiche Weinbaugebiete. Die nördlichen und östlichen Anbaugebiete erholen sich nie wieder. Danach bilden sich die heutigen Kernregionen an Mosel, Rhein, Main und Neckar heraus.

1659

Silvaner kommt nach Franken

In Castell (Franken) werden die ersten Silvaner-Setzlinge gepflanzt – vermutlich von Zisterzienser-Mönchen aus Österreich mitgebracht. Franken hat heute mit 24,5 % den weltweit höchsten Silvaner-Anteil.

1775

Die Entdeckung der Spätlese

Auf Schloss Johannisberg im Rheingau verspätet sich der Bote mit der Leseerlaubnis. Die überreifen, von Edelfäule befallenen Trauben ergeben wider Erwarten einen Wein von außergewöhnlicher Qualität – die Spätlese ist geboren.

Grundstein für Spätlese, Auslese, Beerenauslese und Trockenbeerenauslese
1787

Riesling-Monokultur an der Mosel

Kurfürst Clemens Wenzeslaus verfügt, dass in seinem Herrschaftsgebiet nur noch Riesling angebaut werden darf. Die Mosel wird zum größten zusammenhängenden Riesling-Anbaugebiet der Welt – ein Status, der bis heute besteht.

19. Jahrhundert
1803

Säkularisation – Ende des Klosterweinbaus

Im Zuge der Säkularisation werden die Klöster aufgelöst und ihre Weinberge verstaatlicht oder privatisiert. Eine fast 1.000-jährige Ära kirchlichen Weinbaus geht zu Ende.

~1820

Oechsle erfindet die Mostwaage

Der Mechaniker Christian Ferdinand Oechsle entwickelt eine standardisierte Mostwaage zur Messung des Zuckergehalts im Traubenmost. Die Oechsle-Skala wird zum Standard für die Qualitätsklassifizierung – bis heute.

1830

Geburtsstunde des Eisweins

In Dromersheim (Rheinhessen) werden gefrorene Trauben gelesen, die eigentlich als Viehfutter vorgesehen waren. Der daraus gewonnene Wein erweist sich als süße Köstlichkeit – der erste dokumentierte Eiswein Deutschlands.

1868

Erste Winzergenossenschaft der Welt

In Mayschoß an der Ahr gründen 18 Winzer den „Mayschoßer Winzerverein“. Das Genossenschaftsmodell verbreitet sich rasch und wird zum tragenden Pfeiler des deutschen Weinbaus – es ermöglicht kleinen Winzern das wirtschaftliche Überleben.

Ab 1874

Die Reblaus-Katastrophe

Die aus Nordamerika eingeschleppte Reblaus vernichtet europaweit rund 80 % aller Reben. In Deutschland wird sie 1874 erstmals bei Bonn nachgewiesen. Die Lösung: Europäische Edelreben werden auf resistente amerikanische Unterlagsreben gepfropft – ein Verfahren, das bis heute Standard ist.

Die größte Katastrophe in der Geschichte des Weinbaus
1892

Das erste deutsche Weingesetz

Am 20. April 1892 tritt das erste Weingesetz in Kraft – mit Vorschriften gegen Weinfälschungen und Regeln zur Chaptalisierung. Es legt den Grundstein für die moderne Weinregulierung in Deutschland.

20. Jahrhundert
1910

Gründung des VDP

Vier regionale Vereinigungen schließen sich zum „Verband Deutscher Naturweinversteigerer“ zusammen – dem heutigen VDP (Verband Deutscher Prädikatsweingüter). Die Mitglieder verpflichten sich, nur unverfälschte Naturweine zu erzeugen.

1971

Weingesetz-Reform: Qualität nach Mostgewicht

Das reformierte Weingesetz definiert Weinqualität über Mindestmostgewichte und schafft die Güteklassen Tafelwein, QbA und QmP mit den Prädikaten Kabinett bis Trockenbeerenauslese. Elf Anbaugebiete werden festgelegt.

1985

Der Glykol-Weinskandal

Es wird bekannt, dass österreichische Winzer Weine mit Frostschutzmittel versetzt haben – deutsche Abfüller hatten diese teils verschnitten. Der Absatz bricht kurzfristig um 30 % ein, langfristig führt der Skandal aber zu strengeren Kontrollen und höherem Qualitätsbewusstsein.

1990

Wiedervereinigung: 13 Anbaugebiete

Nach der Wiedervereinigung werden Saale-Unstrut und Sachsen als 12. und 13. Anbaugebiet aufgenommen. Zahlreiche private Weingüter werden in Ostdeutschland neu gegründet.

21. Jahrhundert
2002

VDP-Lagenklassifikation & Große Gewächse

Der VDP führt eine vierstufige Herkunftsklassifikation ein: Gutswein, Ortswein, Erste Lage und Große Lage. Trockene Weine aus Großen Lagen erhalten die Bezeichnung „Großes Gewächs“ (GG) – sie gelten heute als die Spitze des deutschen Weinbaus.

Paradigmenwechsel: Herkunft statt Mostgewicht
2021

Neues Weingesetz: Herkunft wird Gesetz

Die größte Reform des Weinrechts seit 50 Jahren: „Je enger die Herkunft, desto höher das Qualitätsversprechen.“ Das Gesetz ersetzt das Mostgewicht-Prinzip durch eine herkunftsbasierte Qualitätspyramide – ab Jahrgang 2026 vollständig verbindlich.

Heute

Klimawandel, PIWI & die Zukunft

Der Klimawandel verändert den deutschen Weinbau grundlegend: Neue Sorten werden möglich, die Vegetationsperiode verschiebt sich. Pilzwiderstandsfähige Rebsorten (PIWI) stehen auf bereits rund 4.000 Hektar und gelten als Schlüssel für nachhaltigen Weinbau. Bio-Anbau umfasst inzwischen 15 % der Rebfläche.

Über 2.000 Jahre deutsche Weingeschichte – und sie wird weitergeschrieben

Vom Zeitstrahl ins Glas

2.000 Jahre Weingeschichte stecken in jeder Flasche deutschen Weins. Die Reben, die heute an Mosel, Rhein und Main wachsen, stehen auf amerikanischen Wurzeln, weil die Reblaus keine andere Wahl ließ. Die Prädikate auf dem Etikett verdanken wir einem verspäteten Boten im Jahr 1775. Und das neue Herkunftsprinzip, das seit 2021 gilt, knüpft an Traditionen an, die Karl der Große vor über 1.200 Jahren begründet hat.

Wenn du wissen willst, wer heute die Geschichte des deutschen Weins weiterschreibt, dann schau dir unsere Winzer-Interviews an. Kleine, familiengeführte Weingüter, die mit Leidenschaft und in Generationen gewachsenem Wissen Weine erzeugen, die du in keinem Supermarkt findest.

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