Weingut Gehring
Roter Hang, Riesling und ein Stück Israel:
Gina Gehring über Bio, Koscher und die Magie der Steillage
Mitten in Nierstein, direkt am Roten Hang, führt die Familie Gehring ein Weingut, das Tradition mit Mut zur Neuerung verbindet. Gina Gehring ist seit zwei Jahren zurück im elterlichen Betrieb – und prägt mit der Umstellung auf Bio sowie dem Engagement für koscheren Wein einen neuen Abschnitt der Familiengeschichte. Ein Gespräch über Leidenschaft, das „flüssige Visitenkarte“ genannte Terroir und darüber, wie aus einer Fassmacherfamilie ein Weingut wurde.

Riesling aus Nierstein und koscherer Wein für alle. Kompromisslos in der Qualität.
Gina Gehring
Vom Marketing in den Weinberg: ein unerwarteter Weg
Gina, wie war eigentlich dein persönlicher Weg in den Weinbau? Das ist ja heute keine Selbstverständlichkeit mehr.
Bei mir war es ähnlich wie bei vielen Winzerkindern: Ich bin mit dem Wein groß geworden, aber es wurde nie forciert, dass wir als nachfolgende Generation den Betrieb übernehmen. Das hat es mir sehr leicht gemacht. Natürlich war ich in den Ferien dabei, habe beim Briefversand geholfen oder in der Vermarktung, aber eigentlich hatte ich wenig Interesse am Weinbau. Ich war schon immer naturbegeistert, aber ich wollte raus. Marketing hat mich fasziniert, ich hatte sogar ein Schulpraktikum in einer Frankfurter Marketingagentur.
Was hat dich dann doch in den Weinbau geführt?
Ich habe mich selbst in den Wein verliebt. Als ich bewusst Wein zu genießen begann, habe ich Schritt für Schritt gemerkt, was dieses Produkt alles in sich trägt.
Wir haben hier in Nierstein 40 Betriebe, die alle vom Rotliegenden Riesling machen – und trotzdem schmeckt jeder Riesling unterschiedlich. Das war für mich als junger Mensch total faszinierend. Ein Familienurlaub in Südafrika war dann ein Schlüsselmoment: Ich habe gesehen, dass Menschen bewusst nach Südafrika reisen, um Weingüter zu besuchen. Das, was für mich Alltag war, ist woanders ein riesiges Thema. Da war für mich klar: Ich möchte den Marketingweg gehen, aber in die Weinbranche.

Und statt Studium hast du dich für die Lehre entschieden?
Genau. Nach dem Abitur habe ich eine verkürzte zweijährige Winzerlehre gemacht, weil ich das Produkt von der Pike auf verstehen wollte. Wenn du etwas gut vermarkten willst, musst du auch Ahnung davon haben. Während der Ausbildung habe ich mich immer mehr in die Arbeit draußen verliebt und mich bewusst gegen das Marketingstudium und für die Weinbautechnikerin entschieden. Nach mehreren Umwegen in anderen Betrieben bin ich jetzt seit zwei Jahren endgültig zu Hause.

Zwölf Hektar, Bio und der Rote Hang
Wie groß ist euer Betrieb, und wie führt ihr ihn?
Wir führen den Betrieb gemeinsam, meine Eltern und ich. Wir haben zwölf Hektar eigene Weinberge und kaufen hier aus der Region zum Teil noch Trauben zu, wenn wir an unser Limit stoßen. Insgesamt verarbeiten wir Trauben von rund 15 Hektar. Für Rheinhessen ist das ein kleiner Betrieb.
Ihr habt auf ökologischen Weinbau umgestellt. Was bedeutet das konkret?
Ökologisch ist gleich biologisch. Im Weinbau dauert die Umstellung drei Jahre. Wir haben vor drei Jahren begonnen und dürfen jetzt mit der letzten Weinlese endlich das EU-Bio-Logo auf unsere Flaschen drucken. Wichtig: Man stellt immer den gesamten Betrieb um, ich kann nicht nur einen einzelnen Wein bio machen. Wer sich entscheidet, muss die komplette Wirtschaftsweise umstellen.

Drei Weine, die Nierstein erzählen
Wenn du nur drei Weine nennen dürftest, welche repräsentieren euer Weingut am besten?
1. Riesling Roter Hang
Als Erstes der Riesling Roter Hang trocken. Das ist eine Art Ortswein und er bildet genau die Bodenart ab, die wir hier direkt am Rhein haben. Der Rotliegende sieht aus wie ein roter Schiefer und bringt eine unheimliche Mineralik in den Wein. Umgangssprachlich würde man sagen: steinig, aber mit wunderschöner Frucht. Viele Gäste sagen zu uns: „Ich habe ein bisschen Angst vor Riesling und der Säure.“ In Nierstein finden sie oft den ersten Riesling, von dem sie sagen: „Wow, der schmeckt mir.“ Wir haben hier einen sogenannten Trockenstandort mit geringer Wasserspeicherkapazität. Das ist auch einer der Gründe, warum wir auf Bio umgestellt haben. Der Riesling vom Roten Hang ist quasi unsere flüssige Visitenkarte.
2. Gelber Orléans
Der Gelbe Orléans. Das ist eine alte, autochthone Rebsorte – autochthon bedeutet heimisch. Obwohl Nierstein für seinen Riesling bekannt ist, macht uns der Klimawandel manchmal einen Strich durch die Rechnung: Unsere lebendigen Rieslinge leben von der Säure. Also haben wir uns nach neuen Rebsorten umgesehen und sind auf diese historische Sorte gestoßen, die hier schon vor dem Riesling gepflanzt wurde. Früher wurde der Gelbe Orléans verdrängt, weil er zehn bis vierzehn Tage nach dem Riesling reift und in kalten, nassen Jahren nicht richtig ausreifte. Heute ist genau das ein Vorteil: Die Lese ist durch den Klimawandel immer früher und der Gelbe Orléans hat plötzlich die Zeit, die er braucht. In einem normalen, sonnenreichen Jahr ist er weicher als der Riesling, aber mit der gleichen kräutrigen Würze, die wir so schätzen.
3. Riesling – Niersteiner Hipping
Der Hipping-Riesling. Hipping ist eine Steillage am Roten Hang – und das ist das Besondere. In Rheinhessen hast du viele Weinberge, die direkt mit dem Traktor bewirtschaftet werden können. Der Niersteiner Hipping aber hat so steile Hänge wie an der Mosel, da geht nur Handarbeit oder Raupe. Es ist ein Favorit von mir, weil einfach so viel mehr Arbeit drinsteckt. Wenn du so viele Stunden in einem Weinberg verbringst, hängt da auch mehr Herzblut dran. Im Vergleich zum Riesling Roter Hang, der aus verschiedenen Einzellagen verschnitten wird, stammt der Hipping-Riesling aus einer einzigen Parzelle. Das ist die höchste Qualitätsstufe: weniger Ertrag, mehr Handarbeit, mehr Konzentration.
Wie würdest du den geschmacklichen Unterschied zwischen den beiden Rieslingen beschreiben?
Der Riesling Roter Hang ist eher der frische, lebendige, jüngere Riesling. Der Hipping ist schon ein kräftigerer Speisebegleiter mit intensiverer gelber Farbe, ein Ticken trockener im Mund. Und spannend ist: Allein durch die unterschiedlichen Lagen (manchmal nur 200 Meter Luftlinie auseinander) schmeckt der Wein komplett anders. Terroir ist eben nicht nur die Bodenart, sondern auch Exposition, Sonneneinstrahlung, Wind und wie viel Wasser eine Parzelle tatsächlich bekommt.

Fokus auf Weißwein, aber mit Herz fürs Holz
Ihr setzt stark auf Weißwein. Gibt es bei euch auch Rotwein?
Wir haben uns bewusst auf Weißwein spezialisiert. Unsere Weinberge liegen fast ausschließlich auf Rotliegendem und wir haben gemerkt, dass die roten Rebsorten hier nicht so gedeihen, dass wir sagen könnten: Das gibt Top-Rotweine. Wir machen einen einzigen Spätburgunder aus dem Holzfass, so wie wir ihn mögen: zart und elegant – und einen Rotwein-Cuvée. Das war’s auch schon. Der Fokus liegt ganz klar auf dem Weißwein.
Und was ist mit Holzausbau bei Weißwein?
Ja, den gibt es bei uns auch. Die Frage ist immer: Willst du, dass man das Holz schmeckt oder willst du, dass der Wein einfach darin reift? Beim Rotwein geht man oft ins kleine Barrique, da geht es bewusst um den Holzgeschmack. Wir haben aber auch große Holzfässer, die viel mehr Liter fassen. Da geht es nur darum, dass durch die Holzporen ein Luftaustausch stattfindet und der Wein reift, nicht um den Holzgeschmack. Dadurch bekommt der Wein mehr Textur, Struktur und Körper.
Diese großen Holzfässer, von denen du sprichst – woher kommen die eigentlich?
Ja, wir haben viele Fässer im Keller stehen, die mein Opa und mein Uropa selbst gebaut haben. Wir sind nämlich noch gar nicht seit zehn Generationen Winzer, das machen wir erst seit zwei, drei Generationen. Vorher haben wir Holzfässer für andere Weingüter produziert. Winzer waren immer unsere Kunden, und natürlich hatten wir auch eigene Weinberge, einfach aus Spaß. Aber hauptberuflich war mein Vater die erste Generation, die Weinbau gelernt hat. Das erklärt auch, warum wir heute wieder mehr Holzeinsatz haben als früher.

Koscherer Wein: ein ungewöhnlicher Weg
Auf eurer Website steht, dass ihr koscheren Wein produziert. Das ist in Deutschland ja ungewöhnlich. Was bedeutet das?
Es ist tatsächlich sehr komplex. Koscherer Wein ist ein streng kontrolliertes, naturnahes Produkt. Ähnlich wie beim EU-Bio-Logo kommt eine Kontrolle zu uns, die die Arbeitsschritte begleitet und prüft, welche Mittel eingesetzt werden. Aber es ist keine gewöhnliche Kontrollstelle – es ist ein Rabbiner, der den gesamten Prozess begleitet. Erst dann wird der Wein koscher.
Wie kam es dazu, dass ihr koscheren Wein produziert?
Über einen Jugendfreund meines Vaters, der uns in Nierstein besucht hat. Das war schneller gesagt als getan: Wir wollten unsere Weine nach Israel importieren und haben gesagt, wenn, dann machen wir es richtig. Wir wollen Land, Kultur und Menschen verstehen und produzieren koscheren Wein. Mich hat es dann auch persönlich nach Israel gezogen, für ein Praktikum. Ich wollte sehen, wie das funktioniert, bevor ich irgendwann als Frau in den Betrieb einsteige. Der Betrieb, in dem ich damals gearbeitet habe, ist heute unsere Twin Winery. Wir tauschen uns regelmäßig aus – über Weinbau, Traubenanbau, Kellerwirtschaft. Es geht um Austausch und Verständigung, aber vor allem auch um eine Art Freundschaft. Gerade in der Kriegssituation war das noch einmal etwas anderes, den persönlichen Kontakt zu haben.
Was genau unterscheidet koscheren Wein von einem „normalen“ Wein?
Wir machen unseren koscheren Wein bewusst so wie unseren konventionellen Ausbau – ohne weitere Schönungsmittel. Andere Winzer setzen Schönungsmittel ein, die dann auch koscher sein müssten. Auch bei den Hefen gibt es Unterschiede. Wir arbeiten mit Spontangärung, also mit den eigenen Hefen des Weinbergs. Im Grunde ist koscher wie bio: Du musst deine kompletten Bücher offenlegen und dokumentieren, was mit dem Wein passiert ist. Ohne diese Kontrolle ist ein Wein eben nicht koscher.
Würdest du Menschen, die nicht jüdischen Glaubens sind, auch empfehlen, den koscheren Wein zu probieren?
Auf jeden Fall. Wir geben uns die beste Mühe, dass unser koscherer Riesling Roter Hang nicht anders schmeckt als der klassische Riesling Roter Hang. Wer aber gewohnt ist, nur frische, runde, einfache Weine zu trinken, wird überrascht sein: Man schmeckt diese Mineralität vom Roten Hang und den naturnahen Ausbau. Ein richtig vollmundiger Geschmack. Kurzum: In Nierstein stehen wir für den Riesling und koscheren Wein machen wir, um ihn für alle Menschen zugänglich zu machen.

Weine, die um die Welt gehen
Wie sieht eure Absatzverteilung aus? Ist Israel inzwischen ein Hauptmarkt?
Unser Hauptmarkt ist Deutschland – das war schon immer so. Seit ich im Weingut bin, forciere ich aber wieder mehr die Auslandsmärkte. Für den koscheren Wein ist interessanterweise nicht Israel, sondern die USA der Hauptmarkt. Allein, weil das Land einfach mehr hergibt. Es gibt dort eine viel größere jüdische Gemeinschaft, die koscheren Wein nachfragt.
Du hast vorhin angedeutet, dass es nicht immer leicht war, über das Thema koscherer Wein zu sprechen – gerade in den letzten Jahren.
Ehrlich gesagt fiel es mir während des Krieges schwer, innerhalb Deutschlands darüber zu reden. Wir machen so ein tolles, geselliges Produkt – und sobald du mit etwas Politischem um die Ecke kommst, entstehen schnell Diskussionen. Wir machen das seit 2019, sind jetzt sechs Jahre im Markt. Seit Anfang des Jahres merke ich wirklich, dass es anfängt zu ziehen: Wir bekommen spontane Anfragen, werden weiterempfohlen. Mir ist dabei wichtig: Man muss bewusst unterscheiden zwischen jüdischer Kultur und israelischer Politik. Das sind zwei vollkommen verschiedene Dinge.
Wein zum Erleben: der Rote Hang vor der Haustür
Kommen wir vom internationalen Geschäft zurück nach Nierstein: Was erleben Gäste, die zu euch ans Weingut kommen?
Wir wollen erlebbar und spürbar machen, was am Roten Hang und der Kulisse direkt am Rhein so besonders ist. Fast jeden Monat haben wir Weinevents – wir wollen die Region beleben, und das funktioniert nur, wenn man den Menschen auch etwas anbietet. Jede Woche bieten wir Weinproben mit Führungen an. Man wird einfach kreativ, wenn man seinen Wein vermarkten möchte.
Du sagst, ihr werdet kreativ. Was gehört bei euch konkret alles dazu?
Wir haben eine Gutsweinwirtschaft, einen Wohnmobilstellplatz und eine Ferienwohnung. Alles zielt darauf ab, Gästen den Roten Hang näherzubringen. Man soll hier nicht nur Wein kaufen, sondern den Roten Hang erleben.
Fotografie: Lena Everding
mit freundlicher Genehmigung des Weinguts Gehring


Riesling Roter Hang trocken
Flüssige Visitenkarte: mineralisch-steinig, fruchtig und zugänglich – der Riesling vom Rotliegenden.

Gelber Orléans (Niersteiner Oelberg)
Autochthone Rarität mit kräutriger Würze – eine historische Rebsorte, die den Klimawandel meistert.

Riesling – Niersteiner Hipping Auslese
Steillagen-Riesling aus einer einzigen Parzelle: konzentriert, kräftig, tief – Handarbeit pur.
Weitere Weingüter
Weingut Gehring: ein Stück Nierstein zum Mitnehmen
Bei Familie Gehring verbindet sich Wissen aus drei Generationen mit dem Mut, Dinge neu zu denken: Bio-Umstellung, koscherer Wein, autochthone Rebsorten. Aus einer Fassmacherfamilie ist so ein Weingut geworden, das Tradition und Zukunft gleichermaßen ernst nimmt und dabei nie den Blick für die Menschen verliert, die den Wein am Ende im Glas haben.
Wer den Roten Hang mit allen Sinnen erleben möchte, ist in Nierstein beim Weingut Gehring genau richtig – bei einer Weinprobe, im Onlineshop oder gleich vor Ort in der Gutswirtschaft. Ob Riesling-Neuling oder Steillagen-Entdecker: Hier wird aus einem Glas Wein schnell ein Stück gelebte Geschichte zum Mitnehmen.
Weingut Gehring GbR
Ausserhalb 17
55283 Nierstein
Website: www.weingut-gehring.de
Rebfläche: 12 Hektar
Besonderheit: Biozertifiziert, koscherer Wein, Steillagen am Roten Hang



