Immich-Anker
Riesling und Sekt in siebzehnter Generation:
Daniel Immich über 600 Jahre Familiengeschichte, Reben auf purem Fels und Sekt, der Champagner Paroli bietet
Das Weingut & Sekthaus Immich-Anker in Enkirch gehört zu den ältesten Winzerfamilien Deutschlands: Seit 1425 kultiviert die Familie Immich Wein an der Mosel, heute führt Daniel Immich den Betrieb in siebzehnter Generation. Auf dreieinhalb Hektar Steil- und Steilstlagen entstehen Rieslinge von purem Schieferfels und Sekte mit über 60 Monaten Hefelager, alles in Handarbeit und komplett in Familienhand. Ein Gespräch über den Weg zurück ins Weingut, eine denkmalgeschützte Winzervilla und den tollsten Beruf der Welt.

Der Winzer ist der tollste Beruf der Welt. Das ist kein Marketingspruch, das meine ich wirklich ernst.
Daniel Immich
Winzer in siebzehnter Generation, seit 1425
Herr Immich, meine Einstiegsfrage ist eigentlich immer dieselbe: Wie kommt man dazu, Winzer zu werden? Von den Eltern gezwungen wird ja heute niemand mehr.
Das ist eine längere Geschichte. Wir haben einen sehr, sehr alten Traditionsbetrieb: Meine Familie ist seit über 600 Jahren im Weinbau tätig, ich bin die siebzehnte Generation. Und wenn Sie mit so etwas groß werden, haben Sie darauf erst einmal keine Lust. Sie sehen die viele Arbeit, die dahintersteckt, Sie sehen, wie fleißig die Eltern immer sind und denken: Irgendwas Schöneres gibt es bestimmt.
Ich habe deshalb zunächst etwas anderes gemacht und nach dem Abitur Anglistik, Germanistik, Betriebswirtschaft und Politik studiert. Dann kamen ein paar Dinge zusammen. Mein Bruder wollte immer schon Ingenieur werden; sein Satz war: „Moselwein trinke ich gern, machen will ich ihn aber nicht.“ Gleichzeitig wollten meine Eltern irgendwann in Rente gehen und wer einen Betrieb hat, muss ihn dafür in irgendeiner Form abgeben, sonst gibt es keine Rente. Als mein Papa fragte, wie wir das machen, kam das für mich genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich dachte: Warum eigentlich nicht?
Ich habe ganz klassisch eine Winzerlehre absolviert, danach den Staatlich geprüften Techniker für Weinbau und Oenologie in Bad Kreuznach gemacht, den höchsten Abschluss unterhalb des Studiums. 2009 habe ich den Betrieb übernommen, 2012 bin ich komplett nach Hause gezogen. Der Betrieb hat sich seitdem sehr gut entwickelt und meine Eltern sind nach wie vor mit dabei, sehr rüstig und sehr fleißig. Das macht schon sehr viel Spaß.

Wie groß ist der Betrieb heute?
Ich bewirtschafte aktuell dreieinhalb Hektar. Die großen Betriebe aus Rheinhessen oder der Pfalz lachen sich kaputt, wenn sie das hören; in der Berufsschule und beim Techniker war unser Weingut immer das Kleinste. Aber das darf man nicht vergleichen: Bei uns ist aufgrund der Topographie fast alles Handarbeit. Mit dreieinhalb Hektar Steillage läuft man da schon am Limit, wenn man Produktion und Vermarktung zusammen sieht. Für mich passt das so. Ich bekomme alles selbst gut auf die Kette, ich brauche keine Angestellten und ich muss um Gottes willen nicht größer werden. Ich mache lieber etwas sehr Kleinteiliges richtig gut, als die Riesennummer zu schieben.
Mehrgenerationenhaus mit Türmchen: die Winzervilla von 1897
Wenn ich das richtig verstanden habe, stemmt Ihre Familie den ganzen Betrieb praktisch zu dritt?
Im Prinzip ja. Meine Mutter macht unsere Ferien- und Gästezimmer in Eigenregie, die ganze Logistik, Frühstück, Anreise, Abreise; wir haben aktuell über 20 Betten. Mein Papa ist für alles Mögliche zuständig, was so anfällt: Wein einpacken, Wein verkaufen, Wein trinken kann er auch ganz gut, das ist eine wichtige Fähigkeit. Das klingt nach Kleinigkeiten, aber in der Summe sind das wichtige Tätigkeiten. Und ich mache alles, was im Keller und im Weinberg anfällt, wobei Papa auch da hilft. Festangestellte haben wir keine, nur zur Weinlese ein paar Aushilfen für zwei, drei Wochen. Das Thema Arbeitskräfte ist an der Mosel ohnehin sehr schwierig, weil es hier so viele Weingüter gibt. Selbst wenn ich jemanden suchen würde, wäre kaum jemand zu finden. Viele holen sich deshalb Kräfte aus dem Ausland, aber dann muss man Wohnraum besorgen, die Sprache klappt oft nicht und man muss das ganze Jahr über Arbeit vorhalten. In einem kleinen Betrieb wie unserem ist das kaum zu leisten.
Auf Ihrer Website habe ich gelesen, dass die Familie Immich zu den ältesten Winzerfamilien Deutschlands gehört und ich sehe gerade die Bilder Ihrer denkmalgeschützten Winzervilla. Die sieht beeindruckend aus. Wohnen Sie dort wirklich alle zusammen?
Ja, das Gebäude ist von 1897, aus Bruchstein und Schiefer gebaut, im neugotischen Stil. Da wohnen wir als Familie komplett drin: meine Frau, die Kinder, ich und meine Eltern. Wir sind das, was man heute neumodisch Mehrgenerationenhaushalt nennt; für uns ist das einfach gelebte Familie. Jeder ist für sich, es gibt natürlich Schnittpunkte, aber keinen Streit. Wenn wir grillen, kommen meine Eltern dazu, wenn die etwas machen, gehen wir zu ihnen. Für meine Kinder ist es wunderschön, dass Oma und Opa immer da sind. Wir leben da ein gewisses Familienidyll. Es ist natürlich auch viel Arbeit, so ein denkmalgeschütztes Gebäude zu erhalten, ständig ist irgendetwas zu reparieren oder zu renovieren. Aber in der Summe ist das ein ganz schönes Leben, das wir da führen. Und es gibt Wein. Das ist wichtig.

Drei Weine, die man probiert haben muss
Apropos Wein, das ist ein wunderbares Stichwort. Angenommen, ich kenne das Weingut Immich-Anker noch gar nicht: Welche drei Weine von Ihnen muss man probiert haben, um einen richtig guten Einblick zu bekommen?
Dann fangen wir mit dem Sekt an, denn den haben meine Eltern vor rund 40 Jahren eingeführt. Ich behaupte mal: Fast jedes Weingut hat einen Sekt, aber die wenigsten machen ihn selbst: Die meisten lassen im Lohn versekten, weil Sekt für viele ein Nischenprodukt ist.
Mein Papa hat das anders gesehen. Zu seiner Berufsschulzeit war die einhellige Lehrmeinung noch, die Deutschen könnten keinen Sekt machen, das könnten nur die Franzosen mit ihrem Champagner. Er hat sich gedacht: Wir können guten Wein machen, also können wir auch guten Sekt machen. Mit einem Kumpel hat er sich die Maschinen gekauft und mit ein paar hundert Flaschen angefangen. Heute macht Sekt ein Viertel unserer Jahresproduktion aus.
1. 1425 Riesling Sekt „Enkircher Monteneubel“, Brut und Brut Nature
Wir machen zwei Riesling-Sekte; sie heißen bei uns „1425„, nach dem Jahr, seit dem unsere Familie hier Wein kultiviert. Beide kommen aus dem Enkircher Monteneubel, übersetzt „der neue Berg“. Das ist die älteste erwähnte Lage in Enkirch, die Römer haben hier schon Weinbau betrieben. Beide Sekte liegen aktuell über 60 Monate auf der Hefe und sind unheimlich toll gereift; die können jedem Champagner locker Paroli bieten, beim Preis-Leistungs-Verhältnis sowieso. Der Brut ist der Sekt für alle, die etwas zu feiern haben: eine unheimlich tolle Fruchtigkeit, er schmeckt wirklich jedem. Und wenn Sie sehr, sehr trockene Weine lieben, nehmen Sie den Brut Nature Zero Dosage, ganz ohne Restzucker: stoffig, fast roh und kühl, mit einer ganz tollen Frucht. Das muss man mögen, aber ich persönlich mag ihn unheimlich gern; er ist meine erste Empfehlung.
2. EISBRUCH Riesling Trocken 2024
Im trockenen Wein-Bereich ist das meine Empfehlung: der Eisbruch, aktuell aus dem Jahrgang 2024, von einer Steilstterrassenlage auf blauem Schiefer, steiler als ein Hausdach. Da sieht man, was für ein Überlebenskünstler die Rebe ist: Sie steht de facto auf purem Felsen und muss sehr tief wurzeln, dadurch übersteht sie auch längere Trockenphasen. Für mich ist das typisch Mosel: eine schöne Fruchtigkeit, sehr mineralisch, dazu eine tolle Kräuternote, dieses Pureske. Einer meiner liebsten Weine. Wie stark Terroir aus Boden, Klima und Lage einen Wein prägt, schmeckt man hier ganz unmittelbar.
3. Liebling vom Chef – Riesling Halbtrocken 2024
Der dritte Wein kommt aus dem halbtrockenen Bereich, der hier an der Mosel ohnehin mit am besten geht. Er heißt bei uns wirklich „Liebling vom Chef“: Ich bin zwar der Chef, aber das ist der Liebling vom Papa. Mein Vater macht diesen Wein nach wie vor genau so, wie er ihn gern hat. Er hat über 60 Weinjahrgänge gemacht und diese Erfahrung schmeckt man, das ist ganz toll. Ein unheimlich schönes Aroma und er passt hervorragend zum Essen, gerade wenn es etwas Deftiges gibt, einen Braten oder Wild.
Der Name Eisbruch klingt ungewöhnlich. Woher kommt er?
Der Weinberg liegt direkt an der Mosel. Wenn die Mosel zugefroren ist, was klimabedingt nur noch alle 15, 20 Jahre passiert, bricht das Eis immer genau an dieser Stelle auf. Deswegen haben die Leute schon früher gesagt: Das ist der Eisbruch-Weinberg. In dem Weinberg stehen noch ganz viele Felsköpfe. Wenn ich unten stehe und nach oben schaue, denke ich manchmal selbst: Du bist ganz schön bekloppt, dass da oben auf irgendwelchen Felsköpfen noch Reben stehen. Aber genau das ist es ja, was die Mosel weltweit so populär und berühmt macht.

Sekt in Handarbeit: vom Kronkorken bis zum lauten Knall
Sie sagten, Sie machen den Sekt komplett selbst. Wie kann ich mir das vorstellen, haben Sie wirklich ein eigenes Rüttelpult im Keller?
Haben wir, den kompletten eigenen Sektkeller; der ist sogar zollmäßig registriert, denn Sekt ist Zollware. Das Ganze beginnt mit einem Sektgrundwein, einem trockenen Wein. Der wird in die Sektflasche gefüllt, aus der später auch getrunken wird, dazu kommen Zucker und Hefe, danach wird die Flasche wird mit einem Kronkorken verschlossen. In der Flasche passiert dann die zweite, die sogenannte Flaschengärung: Die Hefe verstoffwechselt den Zucker, dabei entstehen etwa ein Volumenprozent Alkohol und die Kohlensäure, also der Druck, der später auf der Flasche ist. Diese Gärung dauert ungefähr doppelt so lange wie eine Weingärung, circa vier bis sechs Monate. Danach beginnt das Hefelager. In Deutschland sind mindestens neun Monate vorgeschrieben; wir lassen unsere Sekte mindestens drei Jahre liegen, aktuell sogar 60 Monate, weil mir das Ergebnis so unheimlich gut gefällt. Wir verkaufen beim Sekt gerade den Jahrgang 2020.
Und dann muss die Hefe irgendwie wieder aus der Flasche.
Richtig, dafür gibt es die Rüttelpulte, diese trapezförmigen Bretter mit Löchern. Da stelle ich die Flaschen hinein und drehe und schüttle jede einzelne über zwei bis drei Wochen täglich ein Stück, immer etwa eine Vierteldrehung. Dabei rutscht die Hefe nach und nach in den Flaschenhals auf den Kronkorken. Dann sagt man: Der Sekt ist blank, er ist abgerüttelt. Die Flasche kommt kopfüber in eine spezielle Kältemaschine, die bei minus 30 Grad arbeitet und den Flaschenhals einfriert; in diesem Eispfropfen ist die Hefe eingeschlossen. Dann öffnen wir den Kronkorken, und die rund sechs Bar Druck schießen den Hefe-Eispfropfen mit einem lauten Knall heraus. Daumen drauf, Flasche schnell umdrehen, und weiter geht es in die Dosage-Maschine. Dort wird die Flasche akkurat vollgefüllt, denn beim Degorgieren, so heißt dieses Herausschießen der Hefe, gehen immer ein paar Milliliter verloren. Und jetzt entscheide ich, welche Geschmacksrichtung der Sekt bekommt: Für den Brut Nature kommt außer einem kleinen Schuss Schwefel, der den Sekt stabil hält, gar nichts mehr hinein. Für den Brut geben wir einen Spritzer süßen Wein hinzu, um die Süße etwas anzuheben, denn in der Flasche ist ja aller Zucker vergoren. Dann kommen der Naturkorken, das Drahtbügelchen, die Agraffe und die Kapsel darauf. Jede einzelne Sektflasche ist bei uns x-fach durch unsere Hände gelaufen, bis sie auf dem Tisch steht.

Diesen Aufwand kann ein Discounter-Sekt für 4,90 Euro ja unmöglich leisten.
Nein, das geht nicht. Alles unter zehn Euro ist bei diesem Aufwand unrealistisch. Das Verfahren, das ich gerade beschrieben habe, gilt übrigens nur für Sekte, auf denen „traditionelle Flaschengärung“ steht. Steht das nicht auf dem Etikett, ist es anders gemacht worden. Bei den großen Marken aus dem Discounter passiert die Gärung meistens im Tank.
Feinherb oder halbtrocken? Eine kleine Restzucker-Kunde
Wenn ich in Ihren Online-Shop gucke, dann ich sehe neben dem halbtrockenen „Liebling vom Chef“ auch Weine mit der Bezeichnung feinherb. Ganz ehrlich: Wo ist für mich als Laie der Unterschied?
Grob kann man sagen: Feinherb ist bei uns etwas süßer als halbtrocken. Am besten erkläre ich das über die Restzuckerwerte. Der Gesetzgeber hat vier Geschmacksrichtungen festgelegt: Ein Wein mit bis zu 9 Gramm Restzucker pro Liter ist trocken, zwischen 9 und 18 Gramm halbtrocken, zwischen 18 und 45 Gramm lieblich, und alles darüber darf sich süß nennen.
Wenn ich diese Begriffe aufs Etikett schreibe, muss ich mich genau in diesen Spannen bewegen. Der Begriff feinherb dagegen war lange Zeit verboten und als er 2008 wieder erlaubt wurde, hat der Gesetzgeber ihn bewusst nicht definiert, weil es regionale Unterschiede gibt. In Franken zum Beispiel liegt feinherb traditionell zwischen trocken und halbtrocken, bei uns an der Mosel zwischen halbtrocken und lieblich, also bei etwa 20 bis 30 Gramm Restzucker. Das ist die Krux daran: Gehen Sie ins Weingut nebenan, kann deren feinherber Wein deutlich trockener oder süßer sein als meiner, je nachdem, welche Vorstellung der Kollege hat.
Viele werfen den Begriff halbtrocken mittlerweile komplett aus dem Sortiment, weil feinherb schöner klingt. Wir machen beides noch ganz klassisch. Gerade zur indischen oder asiatischen Küche passt so ein feinherber Wein übrigens großartig.
Ein Dornfelder an der Mosel? Über ein Rotweinverbot und eine Erbschaft
Sie haben auch einen Dornfelder im Portfolio. Die Mosel ist doch eigentlich Riesling-Land. Hat der Dornfelder eine Geschichte oder ist das einfach ein Produkt, damit Sie einen Roten anbieten können?
Da gibt es tatsächlich eine Hintergrundgeschichte. An der Mosel war es lange Zeit verboten, Rotwein anzubauen, das wurde erst um 1990 erlaubt. Man hatte gesagt: Die Mosel ist ein traditionelles Weißweinanbaugebiet …
Moment, anbauen verboten? Kann man einem Winzer per Gesetz eine Rebsorte verbieten?
Sicher, das ist Bundesgesetzgebung. Es gibt den sogenannten Bundesrebsortenkatalog, da steht genau drin, welche Rebsorten ich in welcher Weinbauregion anbauen darf. Was da nicht drinsteht, darf ich auch nicht pflanzen.
Die deutsche Weingesetzgebung ist die strengste der Welt; es gibt wenige Produkte, die so streng reglementiert sind wie Wein. Die Idee dahinter war unter anderem, das Profil der Regionen zu schärfen: Die Ahr ist bekannt für Rotwein, die Mosel für Weißwein. Das ist in den 80er- und 90er-Jahren etwas aufgeweicht worden. Es gibt aber bis heute kuriose Beispiele: Den Silvaner finden Sie de facto in jeder deutschen Weinbauregion, nur an der Mosel ist er nicht zugelassen. Und selbst innerhalb der Mosel gibt es Unterschiede: Der Elbling, eine ganz alte, historische Rebsorte, ist an der Obermosel Richtung Luxemburg und Trier erlaubt, wo es kalkhaltige Böden gibt, die er mag. Hier bei uns an der Mittelmosel ist er nicht vorgesehen.
Und wie kam dann der Dornfelder zu Ihnen?
Den Weinberg hat mein Vater von seiner Patentante vererbt bekommen, als sie vor etwa 15 Jahren leider verstorben ist. Der läuft bei uns im Betrieb einfach mit: keine Riesenmenge, ein paar hundert Flaschen Rotwein und Rosé im Jahr. Aber ich habe ein paar Kunden, die genau das wollen, und dann bekommen sie es auch.
Der Anker im Namen: 100 Familien Immich und ein uralter Ort
Eine Frage aus Neugier: Sie heißen Immich mit Nachnamen. Warum steht auf jeder Flasche Immich-Anker?
Es gab hier im Ort einst um die 100 Familien mit dem Namen Immich und fast alle hatten direkt oder indirekt mit Weinbau zu tun. Um sich zu unterscheiden, hat man sich im Weingutsnamen einen Zweitnamen dazugenommen, bei manchen war es der Name der Frau, bei uns wurde es der Anker.

Enkirch ist einer der ältesten Orte an der Mosel: Vor den Römern haben hier schon die Kelten gesiedelt, es gibt sogar Grabungsfunde aus der Steinzeit. Die erste Überlieferung des Ortsnamens stammt aus der Zeit um 400 nach Christus,und dieser alte Name bedeutet übersetzt „der Ankerplatz“. Deswegen finden Sie den Anker bei uns im Ortswappen, im Familienwappen und überall im Ort als Dekoration. Vor 200, 300 Jahren hat meine Familie (Immich) den Anker dann in den Weingutsnamen übernommen. Darüber hinaus gibt noch eine zweite Verbindung: Meinem Urgroßvater gehörte hier unter anderem das Hotel Anker, das es leider nicht mehr gibt.

„Sehr authentisch“: was Immich-Anker besonders macht
Es gibt viele Weingüter an der Mosel. Was machen Sie (neben dem Sekt) anders als die anderen?
Unser Fokus liegt klar auf dem Riesling und ich habe eine sehr, sehr hohe Qualitätsdoktrin an meine Weine; das sagen wahrscheinlich alle, wenn man sie fragt. Aber was mir wirklich wichtig ist: Was man bei uns bekommt, ist sehr, sehr authentisch. Wenn ein Kunde bei mir einen Wein probiert oder kauft, weiß er genau, wo der herkommt und wer ihn gemacht hat, mit viel Liebe, Zeit und Energie. Wir vergären zum Beispiel sehr viel spontan und die Abfüllung passiert bei uns sehr spät; alles braucht lange, bis ich der Meinung bin, jetzt ist es gut. Dafür bekommen wir international sehr gutes Feedback. Unlängst hat ein deutscher Weinkritiker, der unter anderem für eines der großen amerikanischen Weinmagazine schreibt, gesagt, die Weine aus diesem Haus gehörten zum besten Riesling der Welt. Das war schon ein Ritterschlag, der mich sehr stolz macht.
Ich sage ausdrücklich nicht, dass ich der Beste bin; es gibt hier an der Mosel ganz viele tolle Weingüter. Aber bei uns ist alles sehr authentisch und was ich sage, das meine ich auch so. Am Ende war es dann mein Papa oder wahrscheinlich ich selbst, durch dessen Hände die Flasche gegangen ist.

Webshop, Weinautomat und ein Bett im Weingut
Jetzt habe ich Lust auf Ihren Wein bekommen. Ich sitze allerdings in Hannover. Wo bekomme ich Ihre Weine, abgesehen von einem Besuch bei Ihnen?
Der direkte Weg ist unser Webshop. Weinmessen kann ich zeitlich kaum bespielen, aber im Fachhandel sind wir nur mit ein paar ausgewählten Händlern vertreten, dazu etwas Gastronomie; im norddeutschen Raum leider bisher gar nicht. Dadurch, dass wir so klein sind, sind wir einfach nicht breit gestreut. Und wenn Sie hier vor Ort sind, gilt sowieso: vorbeikommen. Wir bieten regelmäßig Weinproben und Kellerführungen an, auch für Gruppen nach Termin. Zudem haben wir eine Vinothek mit Weinshop, in die man zu den Öffnungszeiten jederzeit hereinkommen und probieren kann.

Auf Ihrer Website habe ich auch einen Weinautomaten gesehen. Was hat es damit auf sich?
Den haben wir seit letztem Jahr, er steht rund um die Uhr zur Verfügung, 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Das war eine Service-Idee: Die Leute möchten zu allen möglichen Zeiten Wein haben. Wenn Sie also nachts schweißgebadet aufwachen und merken, Sie sitzen auf dem Trockenen, dann bekommen Sie bei uns auch um drei Uhr früh eine Flasche.

„Werdet Winzer!“: ein Appell und ein Blick nach vorn
Gibt es etwas, das ich nicht gefragt habe, das man über das Weingut Immich-Anker aber unbedingt wissen sollte?
Das Authentische hatte ich schon, und diese lange Historie, die immer seltener wird. Aber eines möchte ich loswerden: Liebe Leute, werdet Winzer! Der Winzer ist der tollste Beruf der Welt. Das ist kein Marketingspruch, das meine ich wirklich ernst und es gibt leider zu wenige von uns. Ich bin hier der jüngste Winzer im Dorf. Gestern Abend bei einer Weinprobe kam die Frage, warum so wenige junge Leute nachkommen. Ein Teil der Antwort ist die viele Handarbeit, aber es fehlt teilweise auch die Wertschätzung für diesen Beruf. Deshalb mein zweiter Appell: Wenn ihr Wein trinken wollt, kauft nicht immer nur Wein aus Frankreich oder Italien, die sind zwar auch ganz toll, aber schaut doch mal, wo das Produkt herkommt. Ein Wein aus Deutschland, handgemacht, mit Tradition und Geschichte: Wir reden alle über CO² und Nachhaltigkeit, und das Gute liegt so nah. Welche Vielfalt deutscher Weißwein und seine Anbaugebiete bieten, kennen die wenigsten wirklich.
Das ist ganz meine Rede, genau dafür gibt es Weingut Story. Viele trauen sich nur nicht so recht in ein Weingut hinein.
Dabei muss man vom Wein wirklich keine Ahnung haben, das ist überhaupt nicht schlimm. Man kann für sich ganz einfach entscheiden: schmeckt oder schmeckt nicht, das reicht ja schon. Kommen Sie einfach zu den Öffnungszeiten herein und sagen Sie: Ich habe keine Ahnung von Wein, aber ich trinke gern trocken oder halbtrocken, oder was auch immer. Über das Gespräch und das Probieren findet man dann gemeinsam heraus, was passt. Man muss kein Weinprofi sein, um in ein Weingut zu gehen. Einfach offen sein, hereinkommen und sagen: „Hallo, hier bin ich, ich würde gern etwas probieren.“ Das ist der beste Einstieg.
Zum Schluss: Sie sind Jahrgang 1980 und der jüngste Winzer im Ort. Werden Ihre Kinder später einmal Winzer oder Winzerinnen?
Die Kinder sind noch klein, sieben und zehn, aber die Frage kommt öfter. Ich würde mich natürlich riesig freuen, wenn sie irgendwann sagen: Papa, wir haben Bock darauf, beide zusammen oder eine allein. Aber sie müssen das selbst entscheiden, ganz wichtig.
Dieser Beruf ist so fordernd, dass 100 Prozent eigentlich zu wenig sind; 120 Prozent ist die Position, die man haben muss. Wenn man das nicht aufbringen kann oder will, wird man in dem Beruf nicht glücklich, dann macht man besser etwas anderes. Man muss sein ganzes Herzblut hineinlegen.
Meine Kids sind jedenfalls schon fleißig dabei und helfen, wo sie können. Meine Tochter hat bei Weinproben auch schon Wein ausgeschenkt und den Leuten Sachen erzählt, frei aus dem Bauch heraus. Es stimmt nicht immer alles, aber das ist überhaupt nicht schlimm, die Leute feiern das total. Da ist es wieder, dieses gelebte Familienthema. Ob das in zehn oder zwanzig Jahren Bestand hat, muss man sehen.


1425 Riesling Sekt Brut
Über 60 Monate Hefelager, traditionelle Flaschengärung aus der ältesten Lage Enkirchs: ein Sekt mit unheimlich toller Frucht, der jedem Champagner Paroli bietet. Als Brut Nature auch ganz ohne Restzucker.

EISBRUCH Riesling Trocken 2024
Riesling von purem Blauschiefer-Fels aus der Steilstterrasse direkt an der Mosel: fruchtig, mineralisch, mit feiner Kräuternote. Typisch Mosel.

Liebling vom Chef Halbtrocken 2024
Vom Senior mit der Erfahrung aus über 60 Jahrgängen gemacht: ein halbtrockener Riesling mit wunderschönem Aroma, ideal zu Braten, Wild und allem Deftigen.
Weitere Weingüter
600 Jahre jung: Riesling mit Anker
Das Weingut & Sekthaus Immich-Anker vereint, was an der Mosel selten geworden ist: 600 Jahre Familiengeschichte in siebzehnter Generation, Steil- und Steilstlagen in Handarbeit und einen Sekt aus traditioneller Flaschengärung, der mit über 60 Monaten Hefelager jedem Champagner selbstbewusst begegnet. Daniel Immich führt den kleinen Familienbetrieb mit klarer Haltung: authentisch bleiben, spontan vergären, Zeit lassen und lieber kleinteilig und richtig gut als groß.
Wer die Weine probieren möchte, bestellt im Webshop auf mosel.net, besucht die Vinothek in Enkirch oder bleibt gleich über Nacht in einem der Gästezimmer der Familie. Mit etwas Glück schenkt bei der Weinprobe dann sogar schon die achtzehnte Generation mit aus. Und sollte der Durst wirklich erst nachts kommen: Der Weinautomat vor der Tür kennt keine Öffnungszeiten.
Weingut Heinrich Immich-Anker
Am Steffensberg 19
56850 Enkirch
Website: mosel.net
Rebfläche: 3,5 Hektar
Besonderheit: Eine der ältesten Winzerfamilien Deutschlands (seit 1425); Riesling aus Steil- und Steilstlagen und Sekt aus traditioneller Flaschengärung mit über 60 Monaten Hefelager.





