Geils
Burgundische Weinbereitung auf Rheinhessischem Kalkstein:
300 Jahre Familientradition, modern interpretiert
Florian Geil führt das Weingut Geil in Bermersheim, Rheinhessen, in die nächste Generation. Mit Stationen in der Pfalz, in Geisenheim und im Burgund hat er sich ein Fundament geschaffen, das weit über die Region hinausreicht. Heute bewirtschaftet die Familie 15 Hektar, mit dem klaren Anspruch, die Herkunft ihrer Kalksteinlagen schmeckbar zu machen.

Eine Flasche Wein ist keine reine Bildungsreise. Es soll auch Spaß machen – und das ist dieses Thema Trinkfluss.
Florian Geil
Vom Förster zum Winzer: Ein Weg mit Umwegen
Herr Geil, wie sind Sie zum Weinbau gekommen? Nur weil das in der Familie liegt, heißt das ja nicht automatisch, dass man Winzer wird.
Mein erster Berufswunsch war tatsächlich Förster. Also die Orientierung Richtung Natur hatte ich schon immer in mir. Die Faszination für Traktoren und große Maschinen, die andere Kinder hatten, das war bei mir nie so ausgeprägt.
An das Thema Wein bin ich mit 15, 16 herangekommen. Bei uns am Gymnasium in Alzey gab es eine AG zum Thema Weinmarketing. Da wurde jedes Jahr ein Schulwein gemacht und geerntet, zusammen mit dem Stadtweingut. Es gab auch eine Weinprobe mit Essen, fast schon ein kulinarisches Event. Per Zufall bin ich dazugekommen und habe festgestellt, dass mir das Thema Wein wahnsinnig viel Spaß macht: darüber sprechen, es den Leuten schmackhaft machen, Begeisterung wecken.
Wenn man einmal Blut geleckt hat, vertieft man sich automatisch. Natürlich hatte ich auch die Familientradition im Hintergrund. Unser Weingut lässt sich etwa 300 Jahre zurückverfolgen, seit circa 1736 ist die Familie im Weinbau tätig. Das sind Fußstapfen, in die man durchaus Lust hat zu treten.

Ihr Weingut war aber nicht immer ein reines Weingut?
Nein, es war lange ein landwirtschaftlicher Gemischtbetrieb, wie das in Rheinhessen üblich war. Meine Mutter hat als Kind noch Kühe auf dem Hof erlebt. Ich selbst habe die Kühe nicht mehr erlebt, aber noch den Kuhstall in seiner ursprünglichen Form. Heute ist unsere Vinothek drin, schon seit 30 Jahren.
Mein Vater stammt aus dem Nachbarort und hatte dort ein Weingut. Meine Mutter stammt hier aus Bermersheim. Die Flaschenweinvermarktung kam durch meinen Großvater väterlicherseits, der damit in den 50er-Jahren startete. Meine Eltern haben das dann professionalisiert. Den wirklichen Fokus auf Flaschenwein, dass wir ausschließlich davon leben, das dürfte die dritte Generation sein.
Ausbildung, Burgund und der Blick über den Tellerrand
Nach dem Abitur haben Sie direkt die Winzer-Ausbildung begonnen?
Ja, ich hatte meine Lehrstellen sogar schon vor dem Abi fest. Mein erstes Ausbildungsjahr war beim Weingut Schems in Hernsheim, dann ging es in die Pfalz zum Weingut Bergdolt-St. Lamprecht in Neustadt-Duttweiler. In der Winzer-Ausbildung wechselt man normalerweise jedes Jahr den Betrieb, um den Vegetationszyklus in unterschiedlichen Umgebungen kennenzulernen.
Nach dem Zivildienst bin ich nach Geisenheim gegangen und habe dort Weinbau studiert. In der Zeit war ich auch im Burgund und habe dort gearbeitet, außerdem beim Weingut Chat Sauvage in Johannisberg im Rheingau, wo ich im Bereich Spätburgunder nochmal Erfahrung gesammelt habe.
Was hat Sie zum Studium bewogen? Sie hätten ja direkt nach der Ausbildung einsteigen können.
Ich wollte meinen Horizont erweitern. Und das Studium war vor allem ein guter Türöffner: Ich glaube nicht, dass ich bei Meo-Camuzet im Burgund die Erfahrung hätte machen können, wenn ich nicht in Geisenheim gewesen wäre. Das war extrem positiv, extrem spannend – man kann das fast Freundschaft nennen. Wir haben heute noch Kontakt zueinander.
Gab es neben dem Weinbau auch andere Interessen?
Es gab durchaus konkurrierende Interessen. Meine zweite große Leidenschaft neben dem Wein ist ganz klar die Feuerwehr, ich bin hier im Ort Wehrführer. Gerade in einer Ortschaft mit 350 Einwohnern ist das keine reine Pflicht, sondern Verantwortung für die Gemeinschaft, in der man lebt. Daneben bin ich in der Fasnacht aktiv und halte Büttenreden, meist als politischer Jahresrückblick – in Richtung politischer Journalismus hätte ich mir durchaus auch etwas vorstellen können.
Philosophie: Trinkfluss auf höchstem Niveau
Wie würden Sie die Philosophie des Weinguts Geil beschreiben?
Wir haben den Anspruch, den bestmöglichen Wein zu machen. Aber ich habe im Burgund auch gelernt: Nicht überall geht alles. Man braucht einen guten Weinberg, eine sehr gute Lage, eine sehr gute Herkunft – nur dann geht das. Dieses Qualitätsstreben ist bei uns sehr ausgeprägt.

Gleichzeitig sagen wir in jeder Kategorie unseres Portfolios: Wir wollen Trinkfluss in den Weinen haben, sodass man gerne die zweite Flasche aufmacht. Das habe ich auch international gelernt: Selbst die großen Burgunder, die 500 Euro die Flasche kosten, haben immer Trinkfluss. Es ist nicht einfach nur Gerbstoff und Dichte.
Unser Anspruch ist es, die Herkünfte bestmöglich zu transportieren und Rheinhessen schmeckbar zu machen. Aber eine Flasche Wein ist keine reine Bildungsreise – es soll auch Spaß machen.
Was macht Ihre Weinberge besonders?
Unsere besten Weinberge stehen auf Kalkstein, teilweise mit mehr, teilweise mit weniger Kalk im Boden. Das hängt damit zusammen, dass die Hänge in Rheinhessen vor Jahrmillionen Küstenlinien eines Urmeers waren. An diesen Küsten gab es Ablagerungen, daher ist in Rheinhessen häufig von Muschelkalk die Rede. Dort liegen unsere besten Lagen.
In den Weinbergen, die das Terroir nicht ganz so stark ausdrücken, arbeiten wir oft mit Lösslehm als Grundlage und versuchen auch dort die Herkunft bestmöglich zu transportieren.
Wie groß ist das Weingut?
Wir bewirtschaften 15 Hektar, rein familiengeführt. Dazu haben wir zwei Festangestellte im Weinberg und einen Traktoristen, der saisonal unterstützt.

Drei Weine, die man probiert haben muss
Wenn Sie nur drei Weine empfehlen dürften, welche zeigen am besten, was das Weingut Geil ausmacht?
1. Riesling (Gutswein, trocken)
Der Riesling Gutswein zeigt sehr gut, was Trinkfluss im Gutswein-Bereich bedeutet. Ein tolles Verhältnis aus Reife, einem kleinen bisschen Restzucker und Säure, immer animierend. Die Trauben stammen aus Niederflörsheim und Dalsheim, aus dem Umfeld unserer besten Lagen.
Was mir besonders wichtig ist: Auch unsere Gutsweine können reifen. Gerade in Deutschland werden Weine häufig sehr jung getrunken. Selbst in der Gastronomie wäre es schön, den Gästen mal zu zeigen, wie ein Wein nach einem oder zwei Jahren schmeckt. Drei bis fünf Jahre Flaschenreife sind beim Gutswein-Riesling überhaupt kein Problem. Persönlich mag ich ihn am liebsten mit ein bis zwei Jahren Reife, dann ist er ausgeglichener und macht sogar noch mehr Spaß.
2. Dalsheim Chardonnay trocken (Ortswein)
Der Dalsheim Chardonnay ist komplett im Barrique ausgebaut – neue und gebrauchte Fässer, über ein bis anderthalb Jahre auf der Vollhefe. Das Holz wird dabei extrem gut eingebunden: Es stützt die Struktur und die Entwicklung, ist aber nicht vordergründig.
Wir schreiben „Barrique“ bewusst nicht prominent aufs Etikett, weil der Begriff manche Leute abschreckt. Wir bauen die Weine in den Gebinden aus, die ihnen am besten gerecht werden, in diesem Fall das Holzfass. Der Wein hat eine enorme Frische, schöne Aromatik Richtung Zitrus, ein bisschen Brioche in der Nase und braucht den Vergleich mit teureren Burgundern nicht zu scheuen. Und trotz mehr Alkohol und längerem Hefelager hat er die Trinkigkeit, nach der wir suchen.
3. Frühwerk Spätburgunder (Ortswein)
Im Gundersheimer Höllenbrand, einer Lage mit Großem-Gewächs-Status beim VDP, haben wir 2016 einen Hektar Spätburgunder gepflanzt. Die Reben bringen Erbanlagen aus dem Burgund mit, die das Potenzial für hohe Qualität bieten.
Der Name „Frühwerk“ soll transportieren, dass es das frühe Werk eines Künstlers ist, wie bei Picasso. Der Weinberg ist noch jung, zeigt aber jetzt schon extrem viel Potenzial: dicht, lang und vielversprechend. Der Untergrund mit viel Kalkstein und wenig Bodenauflage ist durchaus vergleichbar mit den besten Lagen im Burgund.
Sie haben auch den Bürgel Spätburgunder in Ihrem Online-Shop. Wie unterscheidet er sich?
Der Bürgel ist das, wo der Frühwerk mal hinkommt. Der Weinberg im Dalsheimer Bürgel wurde 2002 gepflanzt, hat also deutlich mehr Jahre auf dem Buckel. Der Ausbau ist identisch, aber durch die Herkunft und das Alter der Reben hat der Bürgel mehr Finesse, mehr Ausstrahlung, mehr Charisma.
Der Frühwerk ist der fleischigere Wein mit eher dunklen Beerenfrüchten. Der Bürgel ist heller, eleganter. Mit Kunden von uns, die sehr burgundaffin sind, haben wir die beiden Weine „2013 Bürgel Spätburgunder“ neben dem „2013 Fixin Premier Cru Clos du Chapitre“ von Méo-Camuzet verkostet – die Verkostung war im Jahr 2024. Es war wirklich frappierend wie man in beiden Weinen schmecken konnte, dass sie aus einem Jahrgang kamen, wenn auch natürlich die unterschiedliche Herkunft schmeckbar war. Unter dem Strich kamen wir zu dem Ergebnis, dass der deutsche Burgunder seinem burgundischen Bruder in diesem Falle in keinem Deut nachsteht und sich aktuell sogar etwas schöner präsentiert.

Burgund als Vorbild: Was Frankreich lehrt
Was haben Sie aus Ihrer Zeit im Burgund mitgenommen?
Wir hadern manchmal mit den Franzosen, weil dort oftmals alles etwas langsamer geht. Aber genau dadurch vermeiden sie Fehler, die wir in Deutschland manchmal machen, weil wir vorschnell und technikbegeistert sind. Die Tradition spielt dort eine ganz andere Rolle, viele Entscheidungen werden viel bewusster getroffen.
Das hat bei uns Einzug gehalten: Während der Vergärung und der Maischegärung probieren wir jeden Tag die Weine in ihrer Entwicklung und handeln entsprechend – oder eben nicht. Dieses bewusste Begleiten der Weine haben wir aus Frankreich mitgenommen.
Handlese und Pragmatismus
Arbeiten Sie bei Gutswein, Ortswein und Lagenwein mit Handlese?
Bei den Lagenweinen machen wir durch die Bank Handlese. Ansonsten kommt auch der Vollernter zum Einsatz, da sind wir pragmatisch. Es gibt Jahrgänge, wo die Reife drückt oder Fäulnis droht, da müssen wir schnell sein. Wenn die Trauben gesund sind, ist der Vollernter ein gutes Mittel. Wenn nicht, gehen wir mit der Handlesetruppe nochmal durch oder ernten komplett von Hand. Das hängt vom Jahrgang und vom Produktionsziel ab.
Piwi-Rebsorten: Potenzial ja, aber kein Allheilmittel
Viele Weingüter experimentieren mit Piwi-Rebsorten. Wie stehen Sie dazu?
Im Gutsweinbereich gibt es durchaus Piwi-Sorten, die keinen Vergleich scheuen müssen. Aber für die ganz obere Liga halte ich nichts davon, das wird sich auch nicht so schnell ändern.
Aus Marketing-Sicht sehe ich es kritisch: Der deutsche Weinbau hat nicht viele etablierte Marken. Das Wort Riesling kennt wahrscheinlich jeder in Deutschland. Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, die wenigen Marken, die wir haben, ohne Not zu begraben. Wie viele Jahrzehnte braucht der deutsche Verbraucher, bis er versteht, dass sein neuer Riesling jetzt Souvignier Gris heißt?
Dazu kommt: Piwi heißt nicht, dass überhaupt kein Pflanzenschutz gemacht wird. Da wird manchmal etwas suggeriert, das leicht übertrieben ist. Schauen Sie sich Regent an, offiziell eine Piwi-Sorte, aber die gibt es schon so lange, dass die Offizialberatung heute sagt: Fahren Sie da Pflanzenschutz wie bei Ihrem Riesling.
Ein biologisches Grundproblem: Pilze passen sich an. Was heute als widerstandsfähig gilt, kann in 20 Jahren genauso anfällig sein wie eine herkömmliche Rebsorte. Die Natur arbeitet in Zyklen und die Erreger lernen mit. Beim Regent lässt sich genau diese Entwicklung bereits beobachten.
Wir haben aktuell keine Piwis im Anbau. Wir haben darüber nachgedacht, aber im Moment ist es nicht prioritär. Stattdessen arbeiten wir mit einem Pflanzenschutzgerät, das Spritzmittel wieder auffängt, mit vielfältigen Begrünungen und Direktsaat-Technik, um Humusgehalte in den Böden zu steigern.
Deutscher Wein: Unterschätzt im eigenen Land
Deutscher Wein hat im Inland einen Marktanteil von nur 40 bis 45 Prozent. Finden Sie, dass deutsche Weine im eigenen Land unterschätzt werden?
Ja, definitiv. Viele Leute kaufen italienischen oder französischen Wein, weil es sich gut anfühlt oder Urlaubserinnerungen weckt. Der Klassiker: Ein Pinot Grigio für fünf, sechs Euro, der im Grunde der billigste Grauburgunder ist, den man irgendwo abfüllen konnte.
Unter zehn Euro bekommt man in Deutschland mindestens gleiche Qualität aus dem Inland. Man darf auch ruhig etwas Stolz auf die eigenen Produkte entwickeln, doch das wird schwierig, wenn sie für 2,99 Euro im Regal stehen.
Wo man die Weine bekommt
Wo kann man Ihre Weine probieren und kaufen?
Es gibt verschiedene Wege: Den Online-Shop natürlich, aber auch unsere Vinothek hier vor Ort, wo man eine Verkostung machen und die Weine direkt mitnehmen kann. Darüber hinaus führen diverse Fachhändler in ganz Deutschland unsere Weine.
Export: Von Dänemark bis Brasilien
Ihre Website ist zweisprachig. In welche Länder exportieren Sie?
Skandinavien ist ein wichtiger Markt, vor allem Dänemark. Dazu kommen die Niederlande, Belgien und voraussichtlich bald auch Brasilien.
Wie entwickeln sich solche Kontakte als kleines, familiengeführtes Weingut?
Da gehört immer ein bisschen Zufall dazu. Mit dem dänischen Importeur zum Beispiel: Das ist auch der Importeur von Meo-Camuzet im Burgund. Wir saßen 2019 zufällig bei einer Jubiläumsveranstaltung im Burgund am selben Tisch. Ein netter Abend, gutes Essen, guter Wein. Dann kam Corona und erst danach hat sich die Zusammenarbeit entwickelt. Mittlerweile arbeiten wir seit drei, vier Jahren zusammen und haben ein extrem gutes Geschäfts- und Vertrauensverhältnis aufgebaut.
Die Niederlande kamen über die Messe in Paris zustande, jemand ist einfach am Stand stehen geblieben. Brasilien ebenfalls über Paris. Das sind die Zufälle, die es braucht.

Riesling (Gutswein, trocken)
Animierender Riesling mit tollem Verhältnis aus Reife, feiner Restsüße und lebendiger Säure. Reift problemlos drei bis fünf Jahre.

Dalsheim Chardonnay (trocken)
Eleganter Ortswein im Barrique ausgebaut. Zitrus und Brioche in der Nase, enorme Frische trotz Holzfassreife.

Frühwerk Spätburgunder (trocken)
Dichter, langer Spätburgunder aus dem Gundersheimer Höllenbrand auf Kalkstein. Das frühe Werk eines Weinbergs mit großer Zukunft.
Weitere Weingüter
Kalkstein, Trinkfluss und 300 Jahre Leidenschaft
Das Weingut Geil steht für eine klare Linie: burgundische Weinbereitung auf rheinhessischem Kalkstein, höchster Qualitätsanspruch und trotzdem Weine, die man einfach gerne trinkt. Florian Geil verbindet die Erfahrungen aus Geisenheim und dem Burgund mit einer fast 300-jährigen Familientradition und beweist, dass deutscher Spätburgunder den internationalen Vergleich nicht scheuen muss.
Wer nach diesem Gespräch Lust bekommen hat, die Weine selbst zu probieren: Der Online-Shop und die Vinothek in Bermersheim stehen offen. Und wer verstehen möchte, warum Kalkstein, Lösslehm und Hanglagen so entscheidend für den Geschmack im Glas sind, findet im Artikel über Terroir im Weißweinbau die passenden Hintergründe.
Geils Sekt- und Weingut
Zeller Straße 8
67593 Bermersheim
Website: https://www.geils.de
Rebfläche: 15 Hektar
Besonderheit: Burgundische Weinbereitung auf Rheinhessischem Kalkstein – Familientradition seit 1736.




