Orange Wine: Weißwein mit Charakter oder die maischevergorene Rarität
Orange Wine ist der rebellische Cousin des klassischen Weißweins. Kein Orangensaft, keine künstliche Färbung, sondern eine uralte Weinbereitungstechnik, die gerade ihre Renaissance erlebt. Wenn du dich fragst, warum ein Weißwein plötzlich bernsteinfarben aus dem Glas leuchtet und Tannine wie ein Rotwein mitbringt, dann bist du hier richtig.
Was ist Orange Wine überhaupt?
Orange Wine, auch Maischewein oder Amber Wine genannt, ist Weißwein, der wie Rotwein hergestellt wird. Das klingt zunächst paradox, macht aber Sinn, wenn man versteht, was bei der Weinbereitung passiert.
Bei klassischem Weißwein werden die Trauben sofort nach der Lese gepresst. Der Saft vergärt ohne Kontakt zu Schalen, Kernen und Stielen. Das Ergebnis: ein klarer, frischer Wein mit heller Farbe.
Bei Orange Wine läuft das anders: Die weißen Trauben werden nicht sofort gepresst, sondern die gesamte Maische (also Saft, Schalen, Kerne und manchmal sogar Stiele) vergärt gemeinsam. Dieser Hautkontakt kann wenige Tage, mehrere Wochen oder sogar Monate dauern.
Durch diesen intensiven Kontakt mit den Beerenhäuten nimmt der Wein eine orangene bis bernsteinfarbene Färbung an. Aber nicht nur das: Er übernimmt auch Tannine, Struktur und zusätzliche Aromen, die normalerweise nur Rotweine charakterisieren.
Wie Harald Schmitt vom Weingut Friedrichshof erklärt:
„Orange Wine ist ein Weißwein, der deutlich mehr Körper, Textur und Komplexität aufweist als ein klassisch ausgebauter Weißwein. Es ist also kein Wein zum „den Tag ausklingen“ oder „die Seele baumeln lassen“, viel eher ist dieser Wein ein Begleiter für kräftiges Essen.“
Warum heißt es eigentlich Orange Wine?
Die Farbe. So einfach ist das. Durch den langen Kontakt mit den Beerenhäuten lösen sich Farbpigmente, die dem Wein eine charakteristische orangene, goldene oder bernsteinfarbene Tönung verleihen. Je länger die Maischestandzeit, desto intensiver die Farbe.
Die Bezeichnung „Orange Wine“ ist allerdings relativ neu und stammt aus der internationalen Weinszene. In Georgien, der Wiege dieser Weinbereitungsmethode, nennt man diese Weine schlicht „Amber Wine“ (Bernsteinwein). In Italien, vor allem in der Region Friaul, spricht man von „Vino Bianco Macerato“ (mazerierter Weißwein).

Ist Orange Wine eine neue Erfindung?
Absolut nicht! Vermutlich ist es eine der ältesten Weinbereitungsmethoden überhaupt. Besonders in Georgien, das als Wiege des Weinbaus gilt, werden Weine seit über 8.000 Jahren auf diese Art hergestellt.
Dort vergären die Trauben traditionell in großen Tonamphoren, den sogenannten Qvevri, die in der Erde vergraben werden. Diese Methode bewahrt die Reinheit des Weins und ermöglicht eine natürliche Temperaturkontrolle.

In Europa geriet die Maischevergärung bei Weißwein über Jahrhunderte in Vergessenheit, da sich der Fokus auf klare, frische Weißweine verlagerte. Erst seit den 1990er Jahren erlebt diese alte Art der Weinherstellung eine Wiederentdeckung, zunächst in Italien (Friaul), dann in Slowenien und mittlerweile weltweit.
Auch in Deutschland experimentieren zunehmend Winzer wie Harald Schmitt vom Weingut Friedrichshof mit maischevergorenen Weißweinen und kombinieren dabei historische Techniken mit modernen Ansätzen.
Wie wird Orange Wine hergestellt?
Die Herstellung von Orange Wine folgt einem grundsätzlich einfachen Prinzip, erfordert aber viel Erfahrung und handwerkliches Können:
1. Lese und Maischevergärung
Nach der Handlese kommen die weißen Trauben mit Schalen, Kernen und manchmal Stielen in den Gärbehälter. Anders als bei klassischem Weißwein werden sie nicht sofort gepresst.
2. Hautkontakt
Die Maische bleibt über einen Zeitraum von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten in Kontakt mit dem Most. Während dieser Zeit:
- Lösen sich Farbpigmente aus den Schalen
- Gehen Tannine in den Wein über
- Entwickeln sich komplexe Aromen
- Entsteht eine vollere Textur
3. Spontanvergärung
Viele Orange-Wine-Produzenten setzen auf spontane Vergärung mit wilden, weinbergseigenen Hefen, statt industrielle Reinzuchthefen zu verwenden. Das verleiht dem Wein zusätzliche Komplexität und Authentizität.
4. Minimalistische Kellertechnik
Orange Wine wird typischerweise mit minimalen önologischen Eingriffen ausgebaut:
- Wenig bis kein zugesetzter Schwefel
- Keine oder kaum Schönung
- Oft ungefiltert
- Lagerung in Amphoren, großen Holzfässern oder Betontanks
5. Reifung
Nach der Vergärung reift der Wein oft für Monate oder sogar Jahre. Manche Produzenten verwenden Tonamphoren (Qvevri), andere große Holzfässer oder moderne Betontanks.
Welche Rebsorten eignen sich für Orange Wine?
Theoretisch kann jede weiße Rebsorte für Orange Wine verwendet werden. In der Praxis haben sich aber bestimmte Sorten als besonders geeignet erwiesen:
Klassische Orange-Wine-Rebsorten:
- Riesling – Liefert Struktur, Säure und mineralische Komplexität
- Grauburgunder – Bringt natürliche Fülle und eignet sich perfekt für Maischevergärung
- Gewürztraminer – Verstärkt die aromatische Intensität
- Sauvignon Blanc – Ergibt einen würzigen, kräuterhaften Wein
- Friulano – Traditionell in Norditalien verwendet
- Ribolla Gialla – Die klassische Rebsorte für Friaul-Orange-Wines
In Deutschland experimentieren Winzer zunehmend mit Silvaner, Weißburgunder und Chardonnay für maischevergorene Weine.
Wie schmeckt Orange Wine?
Der Wein ist charakterstark, komplex und polarisierend. Wer frische, leichte Sommerweine mag, wird hier vermutlich nicht fündig. Orange Wine ist das Gegenteil von unkompliziert.
Typische Aromen:
- Getrocknete Aprikosen, Orangenschale, Honig
- Nüsse (Haselnuss, Walnuss, Mandel)
- Würzige Noten (Kurkuma, Ingwer, Safran)
- Kräuter (getrockneter Salbei, Kamille, Heu)
- Manchmal leicht oxidative Noten (Sherry-ähnlich)
Geschmack und Struktur:
- Tannine: Deutlich spürbar, ähnlich wie bei Rotwein
- Säure: Oft kräftig, aber gut eingebunden
- Körper: Vollmundig, fast schon ölig
- Textur: Grippig, leicht adstringierend
- Abgang: Lang, komplex, nachhaltig
Orange Wine ist also definitiv kein Wein für den schnellen Genuss auf der Terrasse. Er verlangt Aufmerksamkeit, passt hervorragend zu kräftigen Speisen und entwickelt sich im Glas über Stunden.
Zu welchem Essen passt Orange Wine?
Orange Wine ist ein außergewöhnlicher Essensbegleiter. Durch seine Tannine und Struktur kann er Gerichte begleiten, bei denen klassischer Weißwein zu schwach wäre und Rotwein zu dominant.
Perfekte Pairings:
- Orientalische Küche – Gewürze wie Kreuzkümmel, Koriander, Kurkuma harmonieren perfekt
- Fermentierte Speisen – Kimchi, Sauerkraut, eingelegtes Gemüse
- Käse – Besonders gereifter Hartkäse, Ziegenkäse, Schimmelkäse
- Pilzgerichte – Die erdigen Aromen ergänzen sich ideal
- Wurzelgemüse – Geröstete Karotten, Pastinaken, Sellerie
- Geflügel mit dunkler Sauce – Orange Wine schafft die Brücke zwischen Weiß- und Rotwein
- Gerichte mit Nüssen – Die nussigen Noten im Wein werden verstärkt
Anders als bei vielen Weißweinen, bei denen die Temperatur zwischen 8 – 12°C liegt, trinkt man Orange Wine am besten bei 12 – 15°C (leicht gekühlt, aber nicht eiskalt).
Orange Wine vs. Roséwein vs. klassischer Weißwein – Was ist der Unterschied?
Diese Frage kommt häufig, weil alle drei Weinstile farblich zwischen Weiß und Rot liegen.
Orange Wine:
- Aus weißen Trauben mit langem Hautkontakt
- Tannine vorhanden
- Vollmundig, strukturiert
- Oxidativer, nussiger Charakter
- Aus roten Trauben mit kurzem Hautkontakt
- Kaum Tannine
- Frisch, fruchtig, leicht
- Beerige, florale Aromen
Klassischer Weißwein:
- Aus weißen Trauben ohne Hautkontakt
- Keine Tannine
- Leicht bis mittelschwer
- Fruchtig, mineralisch, säurebetont
Ein Sonderfall ist Blanc de Noir. Dies ist Weißwein aus roten Trauben, bei dem die Schalen ebenfalls kurz in Kontakt mit dem Most bleiben, ähnlich wie bei Orange Wine, aber mit deutlich kürzerer Maischestandzeit.

Wie lagert man Orange Wine?
Orange Wine hat oft ein beachtliches Reifepotenzial. Hochwertige maischevergorene Weine können problemlos 5-10 Jahre oder länger lagern – ähnlich wie gute Rotweine.
Lagerungshinweise:
- Temperatur: Konstant bei 10-15°C
- Luftfeuchtigkeit: 60-70%
- Licht: Dunkel lagern
- Lage: Flaschen liegend aufbewahren
Mehr Details zur optimalen Lagerung von Weißwein findest du hier.
Besonderheit bei Orange Wine: Viele dieser Weine werden ungefiltert abgefüllt. Das bedeutet, du kannst Weinsteinkristalle oder Sediment in der Flasche finden. Das ist völlig normal und kein Qualitätsmangel!
Wo wird Orange Wine produziert?
Georgien bleibt die Heimat des Orange Wine. Dort ist die Qvevri-Methode sogar UNESCO-Weltkulturerbe.
Weitere wichtige Regionen:
- Italien (Friaul, Venetien) – Pionierregion in Westeuropa
- Slowenien – Grenzregion zu Friaul mit langer Tradition
- Österreich (Steiermark, Burgenland) – Wachsende Szene
- Deutschland – Noch Nische, aber zunehmend experimentierfreudige Winzer
- Frankreich (Elsass, Loire) – Handwerklich produzierte Orange Wines
In Deutschland ist Orange Wine noch selten, aber experimentierfreudige Winzer wagen zunehmend den Schritt in Richtung Maischevergärung.
Ist Orange Wine gesünder als normaler Weißwein?
Orange Wine enthält mehr Polyphenole und Antioxidantien als klassischer Weißwein, da diese Stoffe aus den Schalen extrahiert werden. Das bedeutet theoretisch eine höhere Konzentration gesundheitsfördernder Substanzen.
Aber Vorsicht: Gesund ist Wein generell nicht. Auch Orange Wine enthält Alkohol und die gesundheitlichen Nachteile überwiegen bei regelmäßigem Konsum deutlich die Vorteile der Polyphenole.
Was Orange Wine tatsächlich auszeichnet: Er wird oft mit weniger Schwefel und Zusatzstoffen produziert, was ihn für manche Menschen bekömmlicher macht.
Orange Wine für Einsteiger – Wo anfangen?
Diese Art von Wein ist nicht jedermanns Sache. Wenn du neugierig bist, empfehle ich:
Schritt 1: Beginne mit einem milden Orange Wine mit kurzer Maischestandzeit (3-5 Tage). Diese Weine sind zugänglicher und zeigen die Charakteristik, ohne zu intensiv zu sein.
Schritt 2: Probiere ihn zu kräftigem Essen, nicht pur als Aperitif. Die Tannine brauchen fetthaltige oder würzige Speisen als Gegenpart.
Schritt 3: Lasse dich von der ungewöhnlichen Farbe und Trübung nicht abschrecken. Das gehört dazu.
Schritt 4: Vergleiche verschiedene Stile. Ein georgischer Qvevri-Wein schmeckt völlig anders als ein italienischer Friulano.
Passt Orange Wine in die deutsche Weinkultur?
Deutschland ist traditionell ein Land des klaren, frischen Weißweins. Riesling, Grauburgunder und Weißburgunder dominieren die Weinberge. Orange Wine scheint da zunächst ein Fremdkörper zu sein.
Aber: Die deutsche Weinszene entwickelt sich. Junge Winzer experimentieren und Weinliebhaber werden offener für unkonventionelle Stile.
Einige deutsche Regionen bieten ideale Voraussetzungen:
- Rheinhessen – Vielfältige Böden, experimentierfreudige Winzer
- Pfalz – Warmes Klima, vollreife Trauben
- Baden – Grauburgunder-Spezialisten könnten Orange Wine perfekt umsetzen
Die Frage ist nicht, ob Orange Wine zur deutschen Weinkultur passt, sondern ob deutsche Winzer bereit sind, diese uralte Technik wiederzuentdecken.
Häufige Fragen zu Orange Wine
Fazit: Ein Wein mit Persönlichkeit
Orange Wine ist kein Mainstream-Produkt und wird es vermutlich auch nie werden. Aber genau das macht ihn spannend. Er ist ein Wein für Neugierige, für Menschen, die über den Tellerrand schauen und bereit sind, sich auf etwas Ungewöhnliches einzulassen.
Ob einem dieser Wein nun schmeckt oder nicht, ist letztlich Geschmackssache. Aber eines ist sicher: Er erweitert den Horizont und zeigt, dass Wein weit mehr sein kann als nur Rot, Weiß oder Rosé.
Wenn du mehr über außergewöhnliche Weine und die Geschichten dahinter erfahren möchtest, schau dir die Interviews mit deutschen Winzern auf Weingut Story an. Dort findest du echte Weinpersönlichkeiten, die mit Herzblut Wein erzeugen.
