Weingut Gebert
Teamwork, Terroir und Tempus:
Jan Jansen über ein Weingut, das ganz bewusst anders tickt
Mitten im rheinhessischen Siefersheim, am Rand der berühmten Heerkretz, führt Familie Gebert ihr Weingut seit ein paar Jahren mit einem neuen Konzept: kein klassisches Ein-Mann-Familienweingut, sondern ein eingespieltes Team, das sich Know-how bewusst ins Haus geholt hat. Jan Jansen ist als Quereinsteiger in den Betrieb eingeheiratet, heute Betriebsleiter – und liebt es, an den Grenzen des Weinmachens zu experimentieren. Ein Gespräch über Cuvées, die Lust am Ausprobieren und darüber, wie aus drei Rebsorten eine „flüssige Visitenkarte“ wird.

Wir sind nicht das klassische Familienweingut – und genau das ist unsere Stärke.
Jan Jansen
Vom Webentwickler in den Weinberg: ein unerwarteter Einstieg
Jan, wie war eigentlich dein Weg ins Weingut Gebert?
Ich bin Quereinsteiger, eingeheiratet sozusagen. Meine Frau Anne kommt aus dem Weingut und wollte den Betrieb immer weiterführen. Insofern gab es sie für mich auch nicht ohne Weingut. Ich war selbst vorher schon sehr weininteressiert, hatte Kurse besucht, war mehr in der Sommeliers- und Verkostungsschiene unterwegs als im Winemaking. Und dadurch, dass ich Anne jetzt schon 14 Jahre kenne, habe ich viele Wochenenden hier verbracht und bin nach und nach immer mehr reingerutscht. Heute bin ich Betriebsleiter, ein halber Winzer ohne Ausbildung. Aber nach fast acht Jahren im Job darf ich mich zumindest als halben bezeichnen.
Und wie wurde aus dem Wochenend-Helfer der Betriebsleiter?
Der Schwiegerpapa hat mich immer gerne mit in den Keller genommen, er war hier umgeben von Frauen: meine Frau hat zwei Schwestern, eine Mutter, die Großmutter wohnte auch noch hier. Er war immer froh, wenn ich dann kam und er mich an den Ohren in den Keller ziehen konnte, um mir zu erzählen, was er alles Tolles gemacht hat. Dadurch, dass ich damals noch Webentwickler war, habe ich angefangen, die Internetpräsenz neu zu machen, ein bisschen Kundenkommunikation, und Bars besucht, um Hausweine zu entwickeln. Die Hoffnung war eigentlich, dass sich alle drei Schwestern irgendwann zusammentun und hier ein geschwisterliches Weingut aufbauen. Aber meine beiden Schwägerinnen gingen andere Wege. Und irgendwann kam der Punkt der anstehenden Hofübergabe. Da bin ich dann in die Bresche gesprungen und habe gesagt: Wir kriegen das doch irgendwie anders hin.

Ein anderes Familienweingut: Warum Gebert auf ein Team setzt
Und wie sah euer „irgendwie anders“ dann konkret aus?
Genau. Wir haben gesagt: Wir holen uns entsprechendes Know-how ins Haus. Uns war klar, dass es in der Weinbranche immer diffiziler wird: Man kann nicht mehr als Ein-Mann-Firma alles stemmen. Du kannst dich nicht gleichzeitig in Lebensmitteltechnik, Chemie, Pflanzen und Maschinen bis in die Tiefe auskennen. Also haben wir geguckt: Was können wir, was brauchen wir? Und haben relativ schnell den Paul gefunden, der perfekt ins Team passte. Der ist seit sechs Jahren hier, hat seine Winzerausbildung mitgebracht und parallel in Geisenheim studiert. Mittlerweile sind wir drei ausgebildete Winzer plus mich: der Schwiegerpapa, Paul Kral, unser Alin für den Außenbetrieb – und meine Frau Anne, deren Job eigentlich darin besteht, Ideen, Inspiration und frischen Wind aufrecht zu erhalten.
Und das funktioniert wirklich ohne Reibungsverluste?
Von der ersten Minute an. Wir sind gestartet, als der Schwiegerpapa gesagt hat: „Okay, ihr seid jetzt das Weingut Gebert, viel Spaß damit.“ Natürlich kommt ab und zu ein Kopfschütteln: „Also, ihr macht auch wirklich alles anders.“ Aber er steht nach wie vor mit Rat und Tat zur Seite. Das Spannende: Jeder bei uns hat ein eigenes Fachwissen. Mein Sommeliers-Background, Pauls Spezialisierung auf Weinbereitung und Keller, Alins Know-how im Außenbetrieb. Dadurch hat man in jedem Fachbereich ein tieferes Wissen, als es eine Einzelperson jemals stemmen könnte. Fürein Weingut mit unserer Größe (zwölfeinhalb Hektar) ist das eher außergewöhnlich.

Teamwork, Terroir und Tempus: die drei Säulen der Gebert-Philosophie
Eure Schlagwörter auf der Website sind Teamwork und Terroir – inzwischen ergänzt um Tempus. Wofür stehen diese drei Segmente?
Teamwork und Terroir kommen genau aus dem, was ich eben erzählt habe: Wir schaffen es im Team, das Beste aus dem Terroir herauszuholen. Das ist in Siefersheim ja kein unbeschriebenes Blatt, wir haben hier ziemlich bekannte Weinbergslagen. Und dann haben wir um Tempus erweitert, also der Faktor Zeit.

Was genau steckt denn jeweils hinter Teamwork, Terroir und Tempus?
Das Teamwork-Segment sind die trinkigen, spaßigen Weine – viele Cuvées, aus verschiedenen Weinbergslagen oder Rebsorten. In Deutschland ist Cuvée ja immer noch ein bisschen als Verschnitt verschrien. Paul und mir macht es aber super viel Spaß, da Tage zu investieren und auf ein Prozent genau zu austarieren, wie wir Lagen oder Rebsorten kombinieren. Das Terroir-Segment sind dann die klassischen Lagenweine aus Einzellagen. Und im Tempus-Segment spielen wir mit der Zeit: Barrique-Lagerungen von 12, 24 oder 36 Monaten, Solera-Systeme wie im Sherry, Flaschengärung beim Crémant, Amphoren – alles, was irgendwie mit Reifung und Zeit zu tun hat.
Amphoren aus Ton – das geht Richtung Orange Wine, oder?
Orange Wine haben wir auch, den bauen wir allerdings in Barrique aus. Die Amphore ist einfach eine andere Form der Lagerung, so wie bei den Tonkrügen aus Georgien, da kommt es ja auch her. Eine Tonamphore atmet wie ein Barrique, aber ohne Holzeinfluss. Es schmeckt nicht nach Vanille oder Schokolade, sondern hat einen ganz eigenen Charakter. Das sind so Dinge, die meine Frau mega spannend findet. Und dann werden eben Amphoren angeschafft und wir probieren.

Drei Weine, drei Welten: Was du bei Gebert probieren solltest
Wenn du nur drei Weine zum Kennenlernen schicken dürftest – welche wären das?
1. Sommercuvée
Auf jeden Fall unsere Sommercuvée. Cuvée ist für uns ein Steckenpferd, und die Sommercuvée steht für das Teamwork-Segment. Sie besteht aus Rivaner, Riesling und Silvaner – jahrgangsmäßig austariert, sodass das Thema „spritzig, blumig, sommerlich“ auch in einem wärmeren Jahr erhalten bleibt. Gerade im wärmeren Jahrgang nehmen wir dann eine kühlere Lage dazu, lassen vielleicht den Rivaner raus und mehr Silvaner rein. Das ist übrigens auch der Grund, warum Restaurants unsere Cuvées so lieben: Du musst deine Weinkarte nicht ändern, nur weil ein Jahrgangswechsel war.
Das Etikett ist mit Bedacht leicht versetzt aufgeklebt, quasi eine Anspielung auf die rheinhessische Hügellandschaft. Die Farben kommen von einer Streetart-Künstlerin, die im Sommer bei uns die Hoftore bemalt hat. Immer wenn es ihr zu heiß wurde, hat sie sich an den Tisch gesetzt und kleine Papierkunstwerke gemacht — und genau die sind heute auf unseren Cuvée-Etiketten.
2. Riesling Heerkretz
Definitiv unser Riesling Heerkretz aus dem Terroir-Segment. Die Heerkretz ist eine der bekannten Siefersheimer Einzellagen. Hier versuchen wir, das Terroir komplett in den Vordergrund zu stellen: Handlese, Edelstahlausbau, lange Hefelagerung, möglichst wenig Einflussnahme. Unser Anspruch ist generell: Die Trauben müssen draußen schon perfekt sein, dann müssen wir im Keller möglichst wenig machen. Das heißt nicht, dass Paul keine Arbeit im Keller hätte, aber wir versuchen, so wenig wie möglich rein- oder rauszunehmen.
Für einen Lagenwein mit Handlese, der das Terroir so klar abbildet, ist er aktuell übrigens noch sehr fair bepreist – das ist historisch gewachsen, weil wir unsere Stammkundschaft beim Einstieg ins neue Konzept nicht verprellen wollten. Das wird sich mit Sicherheit noch ändern.
3. Riesling Hell
Wenn man uns beziehungsweise das Weingut Gebert kennenlernen will, muss man auch etwas Verrücktes probieren. Ich nehme unser Riesling Hell – ein Bier-Wein-Hybrid. Das klingt schräg, ist aber ernst gemeint: Riesling aus unserem Keller, kombiniert mit fränkischem Hellen von der Bierfabrik Höhen in Herzogenaurach. Der Brauer Matthias ist ein Freund, wir trinken gerne sein Bier, er unseren Wein – irgendwann mussten wir was gemeinsam machen. Wir haben viele Kombinationen durchprobiert, Dunkelbier mit Rotwein war beispielsweise kein Kracher. Dafür aber passten Riesling und fränkisches Helles überraschend gut.
Das Ergebnis hat 7,5 % Alkohol, Kohlensäure (kommt in der Sektflasche), und geschmacklich geht es ein bisschen Richtung Cider. Interessanterweise schmecken Weintrinker eher das Bier raus und Biertrinker mehr den Wein. Ideal für die Straußwirtschaft, im Garten, im Sommer. Mit seinen 14 Euro auf keinen Fall der billigste Spaß, aber Dose wäre einfach nicht stimmig.
Mut zum Experiment: Verjus, Petnat und ein alkoholfreier Riesling
Was gibt es bei euch sonst noch im Portfolio, das aus dem üblichen Rahmen fällt?
Ja, wir haben zum Beispiel einen Verjus – ein alkoholfreier, saurer Traubensaft aus früh gelesenen Rieslingtrauben. Entstanden aus einer Anfrage einer Bar in München: Die haben ihren CO₂-Abdruck gecheckt und festgestellt, dass die Zitrusfrüchte den größten Impact hatten. Also wollten sie regionale Säurequellen. Ursprünglich als Cocktail-Zutat gedacht, aber es hat sich rausgestellt, dass viele erwachsene Weintrinker, die Auto fahren müssen, lieber eine Verjus-Schorle trinken als einen klassischen Traubensaft oder einen alkoholfreien Wein. Unser Verjus hat ein bisschen Restzucker, schmeckt mehr nach Wein als so mancher „alkoholfreie“ Wein. Aber auch Kinder können ihn trinken.
Und was habt ihr sonst noch probiert?
Das Thema Petnat haben wir durchgespielt und für uns abgehakt, das können andere besser. Ein Petnat ist ein Wein, der noch in der Gärung auf die Flasche gefüllt wird und dort weitergärt: naturtrüber Sekt, Hefe bleibt drin. Gärt man nicht präzise, bekommt man beim Öffnen eine kleine Überraschung. Nicht unser Steckenpferd. Dafür läuft der Orange Wine, die Cuvées, das Riesling Hell und der Verjus richtig gut. Gerade haben wir außerdem ein weiteres alkoholfreies Produkt fertiggestellt: einen Pétillant aus Saft, Tee und Secco (0,0 %), den wir pünktlich zur ProWein vorgestellt haben. Er läuft sehr gut an, und die Linie werden wir wohl noch weiter ausbauen.

Piwis, Fair’N Green und vegan: Nachhaltigkeit ohne Dogma
Wie bewertet ihr das Thema Piwis, also pilzwiderstandsfähige Rebsorten?
Im Weingut Gebert haben wir zwei Piwis im Portfolio: den Regent, eine der ersten Piwis überhaupt, noch aus der Zeit des Schwiegerpapas – und den Souvignier Gris, den wir bereits mit dem neuen Team gepflanzt haben. Viele haben den Regent wieder ausgemacht, weil sie ihn nicht losgeworden sind. Bei uns läuft er gut, weil wir ihn eben nicht stiefmütterlich behandeln. Der wird in der Maische vergoren und auf der Bütte ausgebaut, also genauso, wie wir unsere anderen Rotweine machen. Der Züchter vom Regent war mal bei uns im Garten und hat gesagt: „Wenn die alle so gewesen wären, dann hätte die Rebsorte nicht so einen schlechten Ruf.“ Wahrscheinlich stimmt das. Der Souvignier Gris geht schon mehr in Richtung Pinot Grigio und Sauvignon Blanc. Da klingelt es bei den Leuten im Ohr und lässt sich damit auch gut vermarkten.
Piwis haben ja den Ruf, ein Kostensparmodell zu sein. Wie seht ihr das?
Genau das ist der Knackpunkt. Wer Piwis als Kostensparmodell sieht und deshalb weniger Arbeit reinsteckt, da wird es natürlich nichts. Wenn du dagegen mit dem Nachhaltigkeitsaspekt rangehst und die Verarbeitung genauso ernst nimmst wie bei deinem besten Riesling, dann kommt auch was raus. Pflanzenschutz ist Kostenpunkt und Belastung zugleich. Außerdem will kein Winzer will als „böser Bauer mit der Weinbergspritze“ dastehen. Die neueren Piwis sind da wirklich um einiges pflegeleichter. Wir werden das Portfolio schon noch ausbauen.
Eure Weine sind außerdem alle vegan. Warum ist euch das wichtig?
Ja, zudem auch Fair’N Green-zertifiziert. Ehrlich gesagt: Wer heute als kleiner Winzer noch mit Gelatine oder Hausenblase hantiert, dem ist nicht zu helfen. In unserer Größenordnung ist das kostentechnisch kein Unterschied mehr – das Thema ist vor allem bei Großkellereien relevant, wo ein paar tausend Euro Ersparnis rausspringen. Für uns selbstverständlich.

Vinothek, Straußwirtschaft und ein bisschen Amerika
Wenn man Lust bekommen hat, die Weine vom Weingut Gebert zu probieren – wo wird man fündig?
Am einfachsten: Vor Ort in die Vinothek kommen, die ist fast jeden Tag besetzt. Und von Mai bis September haben wir unseren Straußwirtschafts-Garten geöffnet. Das ist eine Outdoor-Location mit ein bisschen Dach für Regentage. Wir haben aber auch einen Online-Shop und regional liefern wir an einen sehr engagierten Edeka-Marktleiter im Nachbarort, der sein Regal bewusst mit lokalen Winzern füllt, zudem liefern wir auch an ein paar Geschenkläden. Gastronomie geht eher nach NRW und München. Und ein paar Paletten schaffen es sogar bis nach New York.
Bis nach New York – wie kam diese Verbindung zustande?
Ja, das ist entstanden über die Airbase in Kaiserslautern. Da war jemand am Wochenende bei uns, hat gesagt: „Ich habe einen Freund, der exportiert Wein nach Amerika.“ Eine Woche später stand der Freund da und hat losgelegt. Heute gehen unsere Weine nach New York und New Jersey, natürlich nicht in Unmengen, aber verlässlich. Interessanterweise laufen gerade die Cuvées dort am besten. Zum einen, weil wir aus drei Rebsorten und mehreren Lagen andere Mengen produzieren können, zum anderen, weil die Amerikaner gleichbleibenden Geschmack über die Jahre schätzen. Und die bunten Etiketten kommen da richtig gut an.
Apropos Mengen – plant ihr in Zukunft zu wachsen?
Wir sind schon gewachsen. Heute stemmen wir unsere zwölfeinhalb Hektar richtig gut im Team. Saisonarbeitskräfte brauchen wir dafür nicht. Im Herbst helfen Family and Friends mit. Dazu kommt unser Programm „Ein Jahr als Winzer“ für Leute, die einmal selbst ihren Wein machen möchten. Würden wir weiter wachsen, müsste auch das Team mitwachsen. Und passende Leute zu finden, ist nicht einfach. Momentan sind wir happy mit dem, was wir haben.



Sommercuvée
Rivaner, Riesling und Silvaner, fein austariert: spritzig, blumig, sommerlich – mit dem versetzt aufgeklebten Künstler-Etikett auch optisch ein Hingucker.

Riesling Heerkretz
Handgelesener Einzellagen-Riesling aus Siefersheim, Edelstahl, lange Hefe – Terroir im Glas und preislich noch ein Geheimtipp.

Riesling Hell
Bier-Wein-Hybrid aus Riesling und fränkischem Hellen – 7,5 % Alkohol, leicht sprudelig, cider-artig. Für alle, die gerne mal etwas wagen.
Weitere Weingüter
Ein Weingut, das anders denkt – und es feiert
Bei Familie Gebert trifft rheinhessische Tradition auf ein Team-Konzept, das man in dieser Größenordnung selten findet: vier Spezialisten für zwölfeinhalb Hektar, bewusst gewählt und perfekt eingespielt. Dazu kommt die Lust am Experiment: Cuvées bis auf ein Prozent austariert, Amphoren, ein Bier-Wein-Hybrid, Verjus für die Schorle bei den Wanderern, ein Solera-System wie im Sherry-Gebiet.
Wer Siefersheim und die Heerkretz mit allen Sinnen erleben möchte, findet bei Gebert nicht nur Wein, sondern auch einen Ort zum Bleiben: die Vinothek, die sommerliche Straußwirtschaft, das Programm „Ein Jahr als Winzer“ für alle, die einmal selbst Hand anlegen wollen.
Weingut Gebert
Sandgasse 6
55599 Siefersheim
Website: weingut-gebert.de
Rebfläche: 12,5 Hektar
Besonderheit: Team-Konzept, Fair’N Green-zertifiziert, vegan, Cuvées, Amphoren, Bier-Wein-Hybrid

