Historische Rebsorten: Wiederentdeckte Schätze des deutschen Weinbaus
Dank engagierter Rebenforscher und mutiger Winzer erleben historische Rebsorten in Deutschland eine Renaissance. Was einst als ausgestorben galt, findet heute wieder seinen Weg ins Glas.
Was sind historische Rebsorten?
Als historische Rebsorten bezeichnet man Traubensorten, die nachweislich vor 1900 im Anbau waren, aber im Laufe des 20. Jahrhunderts fast vollständig aus den Weinbergen verschwanden. Deutschland besaß einst über 400 verschiedene Rebsorten (eine Vielfalt, die heute kaum vorstellbar ist).
Diese alten Sorten erzählen Geschichten von jahrhundertealten Weinbautraditionen. Sie verbinden uns mit der Trinkkultur unserer Vorfahren und bewahren genetisches Material, das für die Züchtung klimaangepasster Rebsorten von unschätzbarem Wert ist.
Wie begann der Weinbau in Deutschland?
Die Geschichte des deutschen Weinbaus reicht bis in die Antike zurück. Bereits die Kelten tranken Wein, der allerdings vorwiegend aus dem Mittelmeerraum importiert wurde. Den eigentlichen Durchbruch brachten die Römer um 50 v. Chr., als sie mit ihren Legionen nicht nur Straßen und Städte, sondern auch Rebstöcke in die Regionen entlang von Rhein und Mosel brachten.
Die Römer pflanzten an der Mosel eine Rebsorte an, die noch heute angebaut wird: den Elbling. Er gilt als eine der ältesten kultivierten Weißweinreben Deutschlands und war bis ins Mittelalter die häufigste deutsche Rebsorte. Genetisch ist der Elbling eine spontane Kreuzung von Weißem Heunisch und einem Traminer-Sämling. Es ist quasi ein lebendiges Zeugnis der antiken Verbindung zwischen mediterranen Kulturreben und lokalen Wildreben.
Welche Rolle spielten die Klöster?
Nach dem Ende der römischen Herrschaft übernahmen die Klöster die Pflege des Weinbaus. Besonders die Zisterzienser trieben die Entwicklung voran. Das Kloster Eberbach, 1136 von Bernhard von Clairvaux gegründet, wurde zum Machtzentrum des deutschen Weinbaus.
Die Mönche brachten den Spätburgunder aus dem Burgund mit und entwickelten ihn über Jahrhunderte weiter. Im 15. Jahrhundert war Kloster Eberbach bereits das größte Weingut Deutschlands mit Weinbergen vom Rheingau bis nach Rheinhessen.
Eine bahnbrechende Entdeckung machten die Mönche 1753: Sie erkannten das Potenzial der Edelfäule (Botrytis) und kelterten systematisch Wein aus überreifen, „faulen“ Trauben. Ab 1775 wurde die selektive Lese edelfauler Trauben institutionalisiert, der Grundstein für den internationalen Ruhm deutscher Süßweine war gelegt.
Der Mischsatz: So bauten unsere Vorfahren Wein an
Heute erscheint es uns selbstverständlich, dass ein Weinberg nur mit einer einzigen Rebsorte bepflanzt ist. Doch das war nicht immer so. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war der Mischsatz die Norm: 10 bis 40 verschiedene Rebsorten wuchsen durcheinander in einem einzigen Weinberg.
Diese Praxis hatte handfeste Vorteile. Der Mischsatz glich Witterungsschwankungen aus und streute das Krankheitsrisiko. Wenn eine Sorte wegen Frost oder Fäule ausfiel, trugen die anderen umso mehr. Die Winzer ernteten alle Trauben zur gleichen Zeit, der resultierende Wein variierte je nach Jahrgang, ein System flexibler Qualitätsanpassung.
Die Wende kam im 18. Jahrhundert. 1720 pflanzte man am Johannisberg im Rheingau die erste reine Riesling-Monokultur. Diese Innovation setzte neue Qualitätsstandards und leitete den Siegeszug des Rieslings ein. 1787 befahl Kurfürst Clemens Wenzeslaus, dass in seinem Reich nur noch Riesling angebaut werden durfte. Somit wurde der Riesling zur dominierenden Rebsorte an der Mosel.
Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war der Mischsatz die Norm: 10 bis 40 verschiedene Rebsorten wuchsen durcheinander in einem einzigen Weinberg.

Warum verschwanden so viele historische Rebsorten?
Die Geschichte der historischen Rebsorten ist auch eine Geschichte des Verlusts. Mehrere Katastrophen führten zum Verschwinden von Hunderten von Rebsorten.
Die Reblaus-Katastrophe
Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte die Reblaus Europa, vermutlich durch den Import amerikanischer Reben. Der erste dokumentierte Befall erfolgte 1863 im französischen Languedoc. Von dort breitete sich das winzige Insekt rasend schnell aus und vernichtete mehrere Millionen Hektar Rebfläche.
Die Lösung kam paradoxerweise ebenfalls aus Amerika: Die Aufpropfung europäischer Edelreben auf resistente amerikanische Unterlagsreben rettete den Weinbau. Doch mit den Neuanpflanzungen verschwanden viele alte Rebsorten für immer. Nur in abgelegenen, wenig rentablen Lagen überlebten vereinzelt wurzelechte Reben historischer Sorten.
🍇 Was bedeutet „Aufpropfen“?
Stell dir eine Weinrebe wie einen Baum vor, der aus zwei Teilen besteht: den Wurzeln unter der Erde und dem Stamm mit Blättern und Trauben darüber.
Das Problem: Die Reblaus fraß die Wurzeln der europäischen Reben und die Pflanzen starben.
Die Lösung: Amerikanische Wildreben hatten Wurzeln, die der Reblaus widerstehen konnten. Also nahm man:
- Unten: Die resistenten Wurzeln einer amerikanischen Rebe
- Oben: Einen Zweig der gewünschten europäischen Traube (z.B. Riesling)
Beide Teile wurden zusammengefügt, wie ein Transplantat. Die amerikanischen Wurzeln schützen vor der Reblaus, während oben die bekannten europäischen Trauben wachsen.
Der Haken: Bei der Neuanpflanzung nach der Reblaus-Katastrophe setzten die meisten Winzer nur noch auf wenige, bewährte Sorten. Viele seltene historische Rebsorten wurden einfach nicht mehr vermehrt und verschwanden.
Die Reichsrebsortenliste
Noch verheerender wirkte sich die Politik aus. 1934 wurde die Reichsrebsortenliste erlassen, die unter nationalsozialistischen Rebenzüchtern Anbauverbote für viele „ausländische“ und „Bastardsorten“ durchsetzte. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren nur noch 12 bis 15 klassifizierte Traditionssorten erlaubt: Die deutsche Rebsortenvielfalt war auf ein Minimum reduziert.
Die Renaissance: Wie historische Rebsorten wiederentdeckt werden
Die Wiederentdeckung historischer Rebsorten ist vor allem einem Mann zu verdanken: Andreas Jung. Der Rebenforscher zählt zu den weltweit führenden Ampelographen (Rebsortenkennern) und hat sich der Identifikation seltener, oft vergessener Rebsorten verschrieben.
In mehr als dreijähriger Detektivarbeit entdeckte Jung 241 historische alte Rebsorten, darunter mehr als 30, die als ausgestorben galten. Er erkennt die Sorten visuell anhand ihrer Blätter, Triebspitzen, Fruchtform und Beerenart.
Gemeinsam mit dem Winzer und Rebveredler Ulrich Martin aus Gundheim in Rheinhessen gründete Jung das Projekt „Historische Rebsorten“. Martin betreibt eine Rebschule, in der er diese seltenen Sorten systematisch vermehrt und veredelt, oft aus nur einzelnen alten Rebstöcken.
🌱 Was ist eine Rebschule?
Eine Rebschule ist eine Art Gärtnerei speziell für Weinreben. Hier werden keine Trauben für Wein produziert, sondern junge Rebpflanzen herangezogen, die Winzer später in ihre Weinberge setzen.
So funktioniert’s:
- Von einer bestehenden Rebe wird ein kleiner Zweig (Steckling) abgeschnitten
- Dieser wird auf eine Wurzelunterlage gepfropft
- Die junge Pflanze wächst ein bis zwei Jahre in der Rebschule heran
- Erst dann ist sie kräftig genug für den Weinberg
Warum ist das wichtig für historische Rebsorten?
Wenn Andreas Jung eine verschollene Rebsorte an einem einzigen alten Stock wiederentdeckt, muss diese Sorte erst vermehrt werden, bevor Winzer sie anbauen können. Genau das passiert in der Rebschule von Ulrich Martin: Aus einem einzigen Fundstück entstehen nach und nach Hunderte neuer Pflanzen – so werden die historischen Sorten vor dem endgültigen Aussterben gerettet.
Welche historischen Rebsorten gibt es?
Einige der wiederentdeckten Rebsorten sind wahre Sensationen. Hier einige Beispiele:
Süßschwarz: Die Urrebe
Der Süßschwarz ist eine der ältesten bekannten Kulturreben überhaupt. Sein Alter wird auf 8.000 bis 10.000 Jahre geschätzt. Diese Rebsorte reicht möglicherweise bis in die Kupfersteinzeit zurück. Bis 2007 galt sie als ausgestorben.
Der Süßschwarz ist die genetische Mutter vieler heutiger Sorten wie Affenthaler, Tauberschwarz und Kleinungar. Als F1-Generation repräsentiert er eine der ersten Kreuzungen zwischen Wildrebenarten, die Ursprünge unserer modernen Weinrebe.
Jonas Kiefer vom gleichnamigen Weingut baut den Süßschwarz an und beschreibt ihn als „eine der Urreben, rund 8.000 Jahre alt“. Der Wein wird im Barrique ausgebaut und zeigt eine tolle Sauerkirsch-Aromatik.
Früher Roter Malvasier: Martin Luthers Lieblingswein
Der Frühe Rote Malvasier hat eine prominente Geschichte: Martin Luther soll diese Rebsorte besonders geschätzt haben. Im Mittelalter war „Malvasier“ ein Synonym für Luxus: Die importierten Malvasia-Weine aus dem Mittelmeerraum kosteten ein Vielfaches normaler Weine.
Deutsche Winzer züchteten eigene Sorten, die dem mediterranen Malvasier geschmacklich ähnelten. Der Frühe Rote Malvasier ist kraftvoll und körperreich, mit einer Fülle, die man sonst eher von südeuropäischen Weißweinen kennt.
Roter Veltliner: Der milde Historische
Jonas Kiefer beschreibt den Roten Veltliner als sehr weich und mild in der Säure. Er baut ihn im Holz aus, in größeren 500-Liter-Fässern, die lange genutzt werden. „Nicht zu viel Holz, sondern wohl dosiert für eine gute Reifung“, erklärt der Winzer.
Der Rote Veltliner ist älter als der Frühe Rote Malvasier, der als sein „Kind“ gilt. Der Malvasier ist relativ bekannt, der Rote Veltliner aber die Ursprungssorte.
Hartblau: Die klimafeste Rarität
Der Hartblau ist ein genetischer Zwilling des Süßschwarz (11 von 12 Allelen sind identisch) obwohl er phänotypisch völlig anders aussieht. Seine Besonderheit: Er ist vollkommen fäulnisresistent, hat ledrige Blätter und wird von der Kirschessigfliege nicht befallen.
Diese Eigenschaften machen den Hartblau besonders interessant für den Weinbau unter Klimawandel-Bedingungen. In Herbstverkostungen erreichte er gute 100°Öchsle mit ausgezeichneter Säurestruktur.
Muscat d’Eisenstadt: Ein Sensationsfund
Das Weingut H.L. Menger beherbergt einen besonderen Schatz: den Muscat d’Eisenstadt. Er wurde im Zuge einer ampelographischen Recherche direkt am Keller beziehungsweise am Garteneingang der Winzerfamilie wiederentdeckt. Der dort stehende Rebstock ist weit über 100 Jahre alt.
Die Analyse ergab einen kleinen Sensationsfund: Diese Sorte galt seit den 1950er Jahren als restlos ausgestorben. Es handelt sich quasi um eine Urform des Muskatellers: Eine blaue Traube mit sehr aromatischem Geschmack.
Was unterscheidet historische Rebsorten von modernen Züchtungen?
Historische Rebsorten und moderne Neuzüchtungen wie Piwi-Rebsorten verfolgen unterschiedliche Ansätze, haben aber ein gemeinsames Ziel: nachhaltigeren Weinbau.
| Merkmal | Historische Rebsorten | Moderne Neuzüchtungen (Piwis) |
|---|---|---|
| Alter | Jahrhunderte bis Jahrtausende | Seit etwa 1960er Jahren |
| Klimaanpassung | Über Jahrhunderte natürlich selektiert | Gezielt auf Resistenz gezüchtet |
| Pilzresistenz | Teilweise natürlich resistent | Systematisch eingekreuzte Resistenzgene |
| Geschmacksprofil | Oft einzigartig, komplex | Variiert, teilweise ähnlich klassischen Sorten |
| Anbaufläche | Sehr gering | Wachsend |
Warum sind historische Rebsorten für die Zukunft wichtig?
Der Klimawandel stellt den Weinbau vor enorme Herausforderungen. Manche klassischen Rebsorten funktionieren nicht mehr so gut wie früher, andere werden vielleicht bald gar nicht mehr angebaut werden können. Hier kommen die historischen Rebsorten ins Spiel.
Klimaerprobte Gene
Viele historische Rebsorten stammen aus dem Mittelalter, als es schon einmal deutlich wärmer war als in den Jahrhunderten danach. Sie tragen genetische Anpassungen in sich, die für heiße, trockene Sommer ausgelegt sind.
Der Adelfränkisch beispielsweise ist widerstandsfähig gegen große Hitze und lange Trockenperioden. Sein ledriges Blatt schützt vor Wasserverlust. Solche Eigenschaften werden im Zeitalter des Klimawandels immer wertvoller.
Genetische Vielfalt als Versicherung
Jede Rebsorte trägt einzigartige Gene in sich. Mit dem Verschwinden einer Sorte geht dieses genetische Material für immer verloren. Die Wiederentdeckung und Erhaltung historischer Rebsorten sichert eine genetische Schatzkammer, auf die Züchter in Zukunft zurückgreifen können.
Kulturelles Erbe
Historische Rebsorten sind mehr als nur Trauben: Sie sind Zeitzeugen vergangener Kulturepochen. Sie tragen eine starke regionale Identität und repräsentieren ein wertvolles Kulturgut. Mit jedem Schluck dieser Weine wirst du zum Bewahrer einer jahrtausendealten Tradition.
Die Slow Food Bewegung hat sich dem Schutz dieser Sorten angenommen und organisiert Konferenzen und Verkostungen zur Wiederentdeckung.
Wie schmecken Weine aus historischen Rebsorten?
In Verkostungen überzeugten Sorten wie Gelber Silvaner, Adelfränkisch und Hartblau durch intensive und komplexe Aromen. Weine aus historischen Rebsorten haben das Potenzial zu großen, lange haltbaren Gewächsen.
Der Geschmack ist oft überraschend anders als bei bekannten Rebsorten. Der Süßschwarz etwa zeigt eine charakteristische Sauerkirsch-Aromatik. Der Frühe Rote Malvasier bringt eine kraftvolle Fülle ins Glas, die man sonst von südeuropäischen Weißweinen kennt.

Wo kannst du Weine aus historischen Rebsorten kaufen?
Die Anbauflächen sind noch sehr klein, aber es gibt immer mehr Winzer, die sich dem Anbau historischer Rebsorten widmen. Hier einige Anlaufstellen:
Projekt Historische Rebsorten Ulrich Martin und Andreas Jung bieten in ihrem Online-Shop Weine aus wiederentdeckten Sorten an.
Weingut Jonas Kiefer Das Weingut Jonas Kiefer in Rheinhessen baut sechs historische Rebsorten an, darunter Süßschwarz und Roter Veltliner.
Weingut H.L. Menger Das Weingut H.L. Menger in Rheinhessen kultiviert den Frühen Roten Malvasier und den wiederentdeckten Muscat d’Eisenstadt.
Fazit: Vergessene Schätze für die Weinwelt von morgen
8.000 Jahre Weinkultur in deinem Glas – das ist keine Übertreibung. Historische Rebsorten wie Süßschwarz oder Hartblau haben Eiszeiten, Völkerwanderungen und Weltkriege überlebt. Sie wären fast für immer verloren gegangen, wäre da nicht eine Handvoll leidenschaftlicher Rebenforscher und Winzer, die sich gegen das Vergessen stemmen.
Das Besondere: Du kannst Teil dieser Rettungsmission werden. Jede Flasche Wein aus einer historischen Rebsorte ist ein Statement. Du unterstützt damit Winzer, die den Mut haben, abseits des Mainstreams etwas Einzigartiges zu schaffen. Du hilfst, genetische Vielfalt zu bewahren, die wir im Zeitalter des Klimawandels dringend brauchen werden. Und du erlebst Geschmäcker, die kein Supermarktregal dieser Welt bieten kann.
Die Wiederentdeckung historischer Rebsorten zeigt: Fortschritt bedeutet nicht immer, Neues zu erfinden. Manchmal liegt die Zukunft in der Vergangenheit, man muss sie nur ausgraben.
