Weingut

Johannes Ohlig


Vierte Generation, Zehntenhof von 1591, drei Weißweine mit Handschrift:
Johannes Ohlig über Rheingau-Riesling, den Mut zur Alternative und einen Glühwein, der Preise gewinnt

Seit über hundert Jahren ist die Familie Ohlig im historischen Zehntenhof zu Hause, einem Gemäuer von 1591, in dem die Bevölkerung früher ihre Steuern in Naturalien an das Erzbistum Mainz ablieferte. Johannes Ohlig führt das Weingut heute in vierter Generation, gemeinsam mit seiner Frau. Auf rund 18 Hektar im Rheingau wächst vor allem Riesling. Daneben stehen aber auch ein paar Weine, mit denen Ohlig bewusst aus der Reihe tanzt. Ein Gespräch über Königsrebsorten, ehrliche Handarbeit und die Frage, warum ein Glühwein genauso viel Stolz verdienen kann wie ein großer Riesling.

Johannes Ohlig mit seiner Frau in der Vinothek des Weinguts Ohlig

Vierte Generation im Zehntenhof

Ich hatte wirklich das große Glück, in einem Weingut groß zu werden. Mein Vater und meine Mutter haben den Betrieb in dritter Generation geführt, meine Frau und ich dürfen ihn jetzt in vierter Generation weiterführen.

Für mich war schon als sehr junger Mensch klar, dass ich in die Fußstapfen meiner Eltern treten möchte. Dabei haben sie gar nicht selten zu mir gesagt: „Johannes, verdien dir dein Geld einfacher, mach ein Studium oder eine Ausbildung.“

Es ist eben ein faszinierender Beruf: Wir arbeiten mit der Natur und mit einem wunderbaren Produkt, wir lernen unheimlich viele Menschen kennen. Aber es ist eben auch Landwirtschaft. Witterungsabhängig, körperlich, und in den letzten Jahren nicht unbedingt einfacher geworden. Trotzdem empfinde ich nach wie vor eine große Begeisterung und eine echte Liebe zum Produkt.

Ganz klassisch: erst die mittlere Reife, dann die Berufsausbildung, danach das Fachabitur. Anschließend bin ich auf die Weinbautechnikerschule nach Bad Kreuznach gegangen.

Ich komme aus dem Rheingau, da wäre die Forschungsanstalt Geisenheim räumlich fast näher gewesen. Aber Geisenheim war damals eher auf Forschung und Ämter ausgerichtet. Der Techniker war die praxisorientiertere Ausbildung, um später einen Familienbetrieb zu leiten: mit einem ordentlichen Teil Betriebswirtschaft und Marketing. Denn so ein Weingut ist am Ende auch ein Unternehmen, das man mit Mitarbeitern führen muss.

Mein Studium habe ich 1996 abgeschlossen, 1997 habe ich die erste Ernte in eigener Federführung in den Keller gebracht, 2000 haben meine Frau und ich offiziell die Betriebsnachfolge übernommen. Von meinen Eltern haben wir acht Hektar übernommen, für den Rheingau damals ein mittelgroßer Familienbetrieb. In Spitzenzeiten haben wir das auf 24 Hektar verdreifacht.

Heute sind wir wieder etwas kleiner und liegen bei rund 18 Hektar, die wir aber zu 100 Prozent auf die Flasche vermarkten. Das sind etwa 150.000 Flaschen im Jahr.

Meine Frau ist dabei gleichwertige Partnerin, dazu habe ich zwei Festangestellte, darunter einen jungen Außenbetriebsleiter mit derselben Ausbildung wie ich, und in den Arbeitsspitzen Saisonkräfte. Wir haben außerdem das große Glück, mit dem Zehntenhof ein historisches Anwesen als Heimat zu haben.

Historischer Zehntenhof des Weinguts Johannes Ohlig in Oestrich-Winkel
Der historische Zehntenhof von 1591, Heimat des Weinguts Ohlig in Oestrich-Winkel.

Drei Weine, die man probiert haben muss

1. Winkeler Gutenberg Riesling Kabinett

Als Rheingauer Riesling-Winzer komme ich auf gar keinen Fall am Riesling vorbei. Er ist unsere Königsrebsorte und meine ganz persönliche Herzensüberzeugung.

Mein aktueller Favorit ist ein trockener Kabinett aus der Einzellage Winkeler Gutenberg. Ein frischer, lebendiger Riesling, der von der Mineralität des Bodens lebt und diese typische Rieslingfrucht so schön rüberbringt. Ein klassisch trockener Wein, der wunderbar zum Essen passt, aber auch solo Freude macht. Genau so ein Wein, bei dem ich schon beim Riechen Lust bekomme und nach dem ersten Schluck sofort Lust auf den nächsten habe.

2. Weißburgunder feinherb

Wir haben für einen so klassischen Rheingauer Betrieb schon vor über 20 Jahren erkannt, dass es wichtig ist, eine Alternative mit geringerer Säure anzubieten. Viele Menschen sagen nämlich: „Riesling ist mir zu spritzig, ich vertrage die Säure nicht so gut“.

Mein zweiter Liebling ist deshalb der Weißburgunder, ein leichter, fruchtiger Wein mit deutlich milderer Säure. Wir bauen ihn bewusst feinherb aus; feinherb heißt bei uns nicht süß, sondern eine dienliche Restsüße, die die Frucht schön präsentiert und dem Wein etwas mehr Länge gibt. Ein idealer Spargel– und Terrassenwein, mit dem man einfach Spaß hat.

3. Sauvignon Blanc

Der liegt mir besonders am Herzen: unser Sauvignon Blanc. Diese Rebsorte begeistert mich schon seit meiner Studienzeit. 1994 durfte ich eine Zeit lang in Neuseeland verbringen und der Sauvignon hat mich damals unendlich fasziniert. Im Rheingau war der Anbau lange nur mit Versuchsgenehmigung erlaubt; erst vor gut zehn Jahren hat sich das gelockert und wir waren einer der ersten Betriebe, die ihn angepflanzt haben.

Für mich muss ein Sauvignon nach Sauvignon schmecken: diese vegetative Note, ein bisschen grüne Paprika, schon beim Reinriechen. Eine ganz andere Aromenwelt als der Riesling, und genau deshalb eine so spannende Ergänzung. Er ist anspruchsvoll im Anbau, fast sogar sensibler als der Riesling.

Ganz klar den frischen, den ohne Barrique. Der Barrique kam eigentlich über einen Kunden zustande, der ihn unbedingt haben wollte. Dieser Wein hat inzwischen seine Fans. Durch das Holz verliert der Sauvignon aber etwas von seiner Frucht und gewinnt an Fülle und Nachhall.

Mich persönlich fasziniert an dieser Rebsorte gerade die frische Komponente. Deshalb bevorzuge ich den klassischen, unverholzten Wein aus dem aktuellen Jahrgang.

Am Ende gilt aber: Probieren geht über Studieren. Der persönliche Geschmack muss überzeugen, nicht die Auszeichnung auf dem Etikett.

Weingläser mit dem Logo des Weinguts Johannes Ohlig
Die Gläser mit dem markanten Logo des Weinguts Johannes Ohlig.

Klassiker statt Modeerscheinung

Da spielen zwei Dinge zusammen: Erstens sind die etablierten Rebsorten beim Verbraucher präsenter und einfacher zu vermarkten. Zweitens hat sich gezeigt, dass die ersten interspezifischen Sorten, die vor 20 Jahren mit großen Versprechen kamen, heute oft einen ganz normalen Pflanzenschutz brauchen. Die Pilzresistenz hat sich über die Jahrzehnte eben nicht gehalten. Für mich ist aber der entscheidende Punkt: Ich kann ein Produkt nur gut vermarkten, wenn ich voll dahinterstehe. Wir haben hier den Luxus, die Forschungsanstalt Geisenheim direkt vor der Haustür zu haben, und ich habe schon viele PiWi-Sorten verkostet, aber ich habe bisher keine gefunden, die mich so fasziniert hat, dass ich sie einem Kunden mit voller Überzeugung in die Hand drücken würde.

Mehr über diese Rebsorten steht im Beitrag über PiWi-Rebsorten.

Ich spreche gerne vom Fingerabdruck des einzelnen Produzenten. Jeder muss seine Persönlichkeit in seinen Produkten wiederfinden und versuchen, genau diese Besonderheit in die Flasche zu bringen. Kunden sagen mir manchmal augenzwinkernd: „Herr Ohlig, wir sind Ohlig-versaut, weil wir seit Jahrzehnten Ihren Wein trinken.“ Es gibt viele tolle Kolleginnen und Kollegen, die einen super Job machen, aber irgendwann haben sich diese Kunden so an unsere Stilistik gewöhnt, dass sie immer wieder gerne zurückkommen. Das ist ein wunderbares Kompliment. Denn wenn man das nicht schafft, entscheidet am Ende nur noch der Preis, und dann geht man unter.

Weinberg mit Rebzeilen des Weinguts Johannes Ohlig im Rheingau
Rheingauer Rebzeilen des Weiguts Ohlig, in denen vor allem Riesling wächst.

Im Weinberg: so viel Natur wie möglich

Wir betreiben integrierten Weinbau und ich sage das jedem Endverbraucher ganz offen. Wir leben in einer klimatischen Region, in der ich überzeugt bin, dass ein bewusster, zielorientierter Pflanzenschutz nötig ist, um eine hohe Qualität zu erreichen. Ich brauche gesunde Trauben, die über die ganze Vegetationsperiode Aromen aufgebaut haben. Das ist das A und O, denn nur daraus entsteht ein aromatischer Wein. Und „zielorientiert“ heißt: so wenig wie möglich, so viel wie nötig.

Wir setzen durchaus viele biologische Produkte ein, weil ich voll hinter ihnen stehe und sie teilweise hervorragend sind. Aber ich möchte mir die Freiheit lassen, in einem schwierigen Jahr auch einmal anders reagieren zu können, um mein Hauptziel zu erreichen: gesunde Trauben. Schön ist, dass mein junger Betriebsleiter, 25 Jahre jünger als ich und frisch von der Schule, genau dieselbe Philosophie vertritt: so biologisch wie möglich, aber nicht um jeden Preis.

Von Köln bis Sylt: Wie die Weine zum Kunden kommen

Vor allem über unseren Online-Shop und über die Direktvermarktung. Wir sind viel auf Weinfesten unterwegs und bauen unseren Weinstand in den Städten auf, um neue Weinliebhaber zu gewinnen.

Ein ganz wichtiger Standort ist Köln: Mein Vater war vor über 50 Jahren einer der Pioniere der Kölner Weinwoche. Ich wurde irgendwann in den Beirat berufen und habe die Veranstaltung vor einigen Jahren mit zwei Kollegen schließlich übernommen. Heute bin ich also nicht mehr nur Beschicker, sondern Mit-Veranstalter. Wir präsentieren dort mit 26 Betrieben eine wertige deutsche Weinwoche im Zentrum von Köln.

Vinothek des Weinguts Johannes Ohlig
Vinothek des Weinguts Johannes Ohlig

Als meine Frau und ich den Betrieb frisch übernommen hatten, haben wir fast ein Jahrzehnt lang nach Amerika exportiert. Wir haben es dann aber geschafft, unsere Produkte zu 100 Prozent auf dem deutschen Markt zu verkaufen und den Export langsam einschlafen lassen.

Wichtig ist außerdem ein Großpartner, mit dem wir seit fast 20 Jahren zusammenarbeiten: Chefs Culinar, dieser große Belieferer von Gastronomie und Hotellerie. Heute kaufen Gastronomen ihren Wein oft „just in time“ in kleinen Mengen und das könnten wir mit eigenen Fahrzeugen gar nicht stemmen. So kann es Ihnen passieren, dass Sie in einem Hotel einchecken, einen Wein bestellen und unseren eingeschenkt bekommen. Wir erleben es immer wieder, dass uns Gäste beispielsweise folgendes schreiben: „Wir waren in Hannover im Hotel und haben Ihren Wein getrunken, wie können wir den privat bestellen?“ Einen besonderen Schwerpunkt haben wir dadurch übrigens auf den Nordseeinseln.

Ja, fast zehn Jahre lang waren wir mit einem exklusiven Wein bei Gosch auf Sylt, im „Cliff“, direkt an der Steilküste. Dort gab es unseren trockenen Kabinett unter dem Eigenetikett „Klare Kante“, zum Fischbrötchen direkt am Meer. Ein toller Multiplikator: Viele Gäste verbinden mit so einem Wein ihren Urlaub und bestellen später zu Hause bei uns. Und ein guter Riesling passt eben wunderbar zum Fisch.

Dass die Zusammenarbeit endete, lag übrigens nicht an der Qualität, sondern an einem personellen Wechsel vor Ort. So etwas ist leider manchmal der Lauf der Dinge.

Anstoßen auf der Rheingauer Weinwoche in Wiesbaden mit Wein von Johannes Ohlig
Anstoßen auf der Rheingauer Weinwoche in Wiesbaden.

Eine Rheingauer Spezialität: der Ohlig-Glühwein

Ja, und es wird Sie vielleicht überraschen: Seit über 30 Jahren haben wir uns hier in der Region mit einem eigenen Ohlig-Glühwein einen Namen gemacht. Wir machen einen authentischen, ehrlichen Winzerglühwein und der ist mir von der Wertigkeit genauso wichtig wie meine Rieslinge.

Wir haben sogar einmal in einem Wettbewerb einen ersten Platz damit gemacht und sind dafür nach Berlin zur Preisverleihung eingeladen worden. Ein Fernsehteam fragte mich dort, warum ich allein angereist sei. Ich habe ganz ehrlich geantwortet: Meine Frau kann leider nicht, sie steht auf dem Weihnachtsmarkt. Genau dort, auf dem Wiesbadener Sternschnuppenmarkt, sind wir seit 20 Jahren mit unserem Glühwein eine feste Adresse.

Glühwein gilt oft als Massenprodukt, dabei kann man auch da große Qualitätsunterschiede schmecken. Wir gehen von einem anständigen Grundwein aus und würzen bewusst zurückhaltend, damit das Getränk noch nach Wein schmeckt. Dafür haben wir sogar eigene Rebsorten angepflanzt, Dakapo und Cabernet Mitos, die so marmeladig und aromatisch sind, dass ich nur ganz wenig Gewürz brauche. Das Ergebnis: weniger Kopfschmerzen, mehr Genuss.

In den Corona-Jahren, als die Weihnachtsmärkte ausfielen, haben wir den Glühwein erstmals in Flaschen gefüllt und sind damit sogar in die regionalen Edeka-Märkte im Rhein-Main-Gebiet gekommen. Tausende Flaschen haben wir in dieser Zeit verkauft.

Erwähnenswert ist auch noch unser „Rheingauer Leichtsinn„: ein spritziger Perlwein, den die Rheingauer Jungwinzer schon 1993 als Antwort auf den italienischen Prosecco ins Leben gerufen haben. Ein tolles Frühlings- und Aperitifgetränk.

Johannes Ohlig und seine Frau im historischen Gewölbekeller des Zehntenhofs
Weingut Ohlig: Im historischen Gewölbekeller des Zehntenhofs reifen die Weine.
Weingut Johannes Ohlig - Logo
2025er Winkeler Gutenberg Riesling Kabinett trocken - Weingut Johannes Ohlig

Winkeler Gutenberg Riesling Kabinett

Mineralisch, frisch, lebendig und trocken: Johannes Ohligs Favorit aus dem aktuellen Jahrgang.

2025er Weißburgunder feinherb - Weingut Johannes Ohlig

Weißburgunder feinherb

Die säurearme Alternative zum Riesling: leicht, fruchtig, der ideale Spargel- und Terrassenwein.

2025er Sauvignon Blanc - Weingut Johannes Ohlig

Sauvignon Blanc

Vegetativ und frisch, mit einem Hauch grüner Paprika: Johannes Ohligs Herzensrebsorte seit Neuseeland.

Weitere Weingüter

Ein Weingut mit Handschrift, vom Riesling bis zum Glühwein

Vierte Generation, ein Zehntenhof aus dem 16. Jahrhundert und ein Winzer, der seine Persönlichkeit konsequent in die Flasche bringt: Johannes Ohlig steht für klassische Rheingauer Rieslinge, für den Mut zu Alternativen wie Weißburgunder und Sauvignon Blanc und für einen Glühwein, auf den er genauso stolz ist wie auf seine großen Weine.

Wer den Stil der Weine von Johannes Ohlig kennenlernen möchte, findet die Weine im Online-Shop, in der Vinothek vor Ort und auf den Weinfesten zwischen Rheingau und Köln. Erfahrungsgemäß bleibt es selten beim ersten Glas.

Weingut Johannes Ohlig
Haus Zehntenhof KG
Hauptstraße 68
65375 Oestrich-Winkel

Website: www.weingut-ohlig.de
Rebfläche: rund 18 Hektar
Besonderheit: Rheingau-Weingut in vierter Generation im historischen Zehntenhof von 1591, bekannt auch für seinen prämierten Winzerglühwein