Weinhaus Uhl
Herzblut im Nebenerwerb:
Wenn die Leidenschaft stärker ist als der Hauptberuf
In Lonsheim, einem 600-Seelen-Dorf in Rheinhessen, führen Edwin und Andrea Uhl ihr Weinhaus bereits in vierter Generation. Das Besondere: Beide gehen noch einem Hauptberuf nach. Edwin arbeitet drei Tage pro Woche als Land- und Baumaschinenmechaniker, Andrea ist im Landhandel tätig. Trotzdem (oder gerade deshalb) stecken sie ihr ganzes Herzblut in ihre rund 7 Hektar Rebfläche.

Ich möchte auch selbst nur guten Wein trinken. Die Leidenschaft liegt darin, einen guten Wein zu erzeugen und auch mal etwas Besonderes zu machen, ein bisschen rumzuspielen.
Edwin Uhl
Vom Weinskandal zum Nebenerwerbswinzer
Wie sind Sie eigentlich zum Weinbau gekommen? War das von Anfang an Ihr Weg?
Wir sind ein Familienbetrieb. Schon die Eltern hatten das Weingut, zusammen noch mit Landwirtschaft, das war in den 70er Jahren. Und davor die Großeltern, und die Generation davor auch. Wir sind jetzt ungefähr die vierte Generation und wahrscheinlich die letzte, weil unsere Kinder das nicht weiterführen werden.
Das klingt nach einer langen Tradition. Aber Sie haben auch einen anderen Beruf gelernt?
Das kam durch den Weinskandal 1985. Da war ich in einem Alter, wo ich die Schule gerade hinter mir hatte und dann hieß es erstmal: Lern was Richtiges! Das war ein Einbruch über Nacht, die Situation war damals sehr schlecht. Also habe ich Landmaschinenmechaniker gelernt und das auch die ganze Zeit weiter betrieben. Aber die Hilfe im Weingut und in der Landwirtschaft war immer da. Diese Leidenschaft hat sich mit den Jahren entwickelt.
Vor über 25 Jahren haben wir dann den Betrieb soweit übernommen, die Landwirtschaft abgeschafft und uns nur noch auf den Weinbau konzentriert, aber eben im Nebenerwerb.
Andrea, wie war das für Sie? Sie kommen ja nicht aus einer Winzerfamilie.
Nein, mit Weinbau hatte ich überhaupt nichts am Hut. Wir haben uns 1991/92 kennengelernt und dann bin ich hier eingestiegen. Die Arbeiten teilen wir uns auf: Edwin ist für Weinberg und Keller zuständig, ich mache hauptsächlich Büro und Marketing, bin aber auch beispielsweise beim Biegen der Reben mitverantwortlich.

Schwere Lössböden und magenfreundliche Weine
Was zeichnet Ihre Weinberge in Lonsheim besonders aus?
Wir haben teilweise sehr schwere Lössböden mit guter Wasserhaltigkeit. Das hilft uns, wenn es mal länger trocken ist – da kommen wir noch ganz gut weg. Natürlich, bei extremer Trockenheit wie in den letzten Jahren merkt man schon, dass die Reben leiden.
Die Weine von unseren schweren Böden sind anders als die von der Mosel oder aus dem Rheingau. Dort sind die leichteren Lehm- und Schieferböden, da schmecken die Weine feiner, filigraner. Bei uns sind die Weine gehaltvoller.
Viele Menschen suchen ja nach Weißwein mit wenig Säure. Wie gehen Sie damit um?
Die Säure muss im Verhältnis zum Restzucker stehen, das muss harmonieren. Unsere Weine sind von der Säure her schon so, dass sie magenfreundlich sind. Wir kennen unsere Kundschaft und wissen, wie sie es wollen. Einen Riesling mit sieben Promille Säure brauchen Sie bei uns gar nicht anzubieten, den nimmt keiner.
Man braucht aber eine gewisse Säurestruktur zur Erhaltung des Weins und für die Frische. Sonst sind die Weine nicht so lange haltbar und schmecken seifig. Das Level zu finden, das ist die Kunst.
Von Müller-Thurgau bis Ortega: Die Rebsorten
Welche Rebsorten bauen Sie an?
Ich sage meiner Kundschaft immer: Wir sind nicht so flexibel wie ein Gemüsebauer, der vier- oder fünfmal im Jahr den Salat wechseln kann. Eine Rebe steht 30 Jahre. Wir pflanzen, was wir denken, dass es in Zukunft ein Renner sein kann, aber man weiß nie, ob man das in 20 Jahren noch braucht.
Bei uns ist es klassisch: Müller-Thurgau, Silvaner, Riesling, Chardonnay, Grauburgunder, Weißburgunder, Sauvignon Blanc. Dann haben wir noch Exoten wie Bacchus, Kerner und Ortega.
Ortega? Das hört man nicht oft.
Die Ortega ist eine eigene Rebsorte aus den 60er/70er Jahren. Damals, Mitte der 70er, wurden viele Süßweine getrunken: je süßer, desto besser. Spätlesen, Beerenauslesen. Das war in manchen Jahren sehr schwer zu erreichen. Die Ortega reift sehr früh und bringt hohe Oechsle-Grade. Damals, als die Weinlese erst Mitte Oktober begann, war das Gold wert.
Heute ist die Ortega ein Nischenprodukt. Wir machen daraus eine Auslese mit über 60 Gramm Restzucker, schon eine eigene Nummer. Aber sie geht gut, vor allem im Norden. Und ich merke, dass die Nachfrage nach lieblicheren Weinen gerade wieder etwas steigt.

Der Regent: Edwins ganzer Stolz
Auf welchen Wein sind Sie besonders stolz?
Ich würde unseren Regent empfehlen. Das ist eine Rebsorte, mit der ich 2003 einer der Ersten bei uns im Dorf war, die sie gepflanzt haben. Da stecke ich auch Herzblut in den Ausbau.
Wir arbeiten mit Maischestandzeit und ein bisschen mit Holzchips bei der Gärung, weil wir keine Holzfässer mehr haben. So bekommt der Wein etwas mehr Mundfülle und Struktur.
Spannend. Wie entwickelt sich denn der Markt bei Rotwein generell?
Wir merken, dass der Trend beim Rotwein gerade etwas rückläufig ist. Mehr Weißwein wird getrunken. Wir haben vier Rotweinsorten: Portugieser, Dornfelder, Saint Laurent und Regent. Beim Dornfelder, der vor 20 Jahren der absolute Renner war, merkt man schon, dass es schwieriger wird. Der Regent geht noch besser.
Der Sauvignon Blanc: Eine Herausforderung gemeistert
Und beim Weißwein, gibt es da auch einen Favoriten?
Beim Weißwein würde ich unseren Sauvignon Blanc nehmen. Als wir angefangen haben, hat unser Kellereibesitzer gesagt: „Uh, schwierig im Ausbau.“ Ich hatte mich vorher über diese Rebsorte gar nicht so schlau gemacht. Aber ich würde sagen, seit wir den im Anbau haben, bekomme ich es ganz gut hin.
Was macht den Sauvignon Blanc so anspruchsvoll?
Man muss reduktiv arbeiten, also sauerstoffarm, mit Trockeneis. Wir geben uns Mühe, morgens in der Kühle zu lesen, wobei wir ehrlicherweise zu 90 bis 100 Prozent mit dem Vollernter lesen. Als Nebenerwerbsbetrieb mit dem hohen Stundenansatz ist Handlese finanziell nicht umsetzbar.
Dann geht es schnellstmöglich nach Hause, die Hänger werden abgedeckt, damit kein Sauerstoff drankommt. Die Trauben brauchen etwas Standzeit, damit sich die Aromastoffe entfalten können. Möglichst wenig pumpen, so bekommen wir schon einen sehr guten Wein hin.

Glühwein: Die Überraschungsgeschichte
Im Online-Shop bieten Sie auch Glühwein an: rot und weiß. Das ist ja durchaus etwas Besonderes für ein kleines Weingut.
Die Weine sind grundsätzlich unsere eigenen. Den Grundstock bereite ich vor, und der Feinschliff, diese Aromastoffe, das kommt dann im Füllbetrieb dazu. Da werden auch die notwendigen Schritte gemacht: Filtration, Zucker einrühren, und kurz vor der Füllung kommen die Aromastoffe dazu.
Wie kam es dazu, dass Sie Glühwein machen?
Das ist eine schöne Geschichte. Das war vor etwa 12 Jahren. Ich hatte eine Restmenge von 500 Litern Wein: Das lohnt sich für die Kellerei nicht abzuholen. Da habe ich mit einem Kollegen gesprochen und gesagt: Lass uns Glühwein draus machen. Der macht das im Lohnverfahren, aber nur in Flaschen.
Dann sind wir mit unseren Flaschen auf Tour gegangen, haben bei Weinproben welchen mitgenommen und verschenkt. Eine Bekannte hat dann welche gekauft und gesagt: „Der ist aber nur für uns privat.“ Ihr Mann war bei der Werkfeuerwehr und die Wachschicht macht immer einen Glühweinabend vor Weihnachten.
Dann rief er mich an: Der Billig-Glühwein war alle. „Jetzt opfern wir doch unsere sechs Flaschen von euch.“ Sie haben ihn warm gemacht und plötzlich hieß es: „Der schmeckt aber anders! Der ist viel besser als der vorher!“
„Ja klar, das ist Winzerglühwein von unserem Weingut.“
Nächstes Jahr dann: „Nur noch euren Glühwein fürs Glühweinfest!“
Schmeckt man den Unterschied wirklich so deutlich?
Auf dem Weihnachtsmarkt wird gespart an Aromastoffen. Das ist Massenware, muss billig sein. Die Großerzeuger kaufen Grundwein auf der Landweinschiene, da dürfen sie 15.000 Liter pro Hektar vermarkten oder sogar 20.000 Liter auf der Grundweinschiene. Da ist der Einkaufspreis natürlich ganz anders.
Meine Philosophie: Für den Glühwein nehme ich auch den Wein, den ich so abfüllen würde. Das sind oft Füllreste, mal bleiben 1.000 Liter Regent übrig oder Dornfelder. Bevor das an die Kellerei geht als Grundwein, machen wir lieber Glühwein draus. Sinnvoll verarbeitet mit einem gewissen Mehrwert.
Weiß oder rot? Was empfehlen Sie?
Beide! Das ist Geschmackssache. Wobei der weiße Glühwein gerade im Trend ist. Auf den Weihnachtsmärkten wird jetzt zwar auch mehr weißer angeboten, aber vor Jahren, wenn Sie da einen Stand mit weißem Glühwein hatten, der war richtig umlagert, weil roter überall verfügbar ist.
Klimawandel und die Zukunft des Weinbaus
Der Klimawandel ist ein großes Thema. Wie merken Sie das in Lonsheim?
Die Ernten werden immer früher. Früher war Weinlese Mitte Oktober, Ende Oktober. Jetzt fangen wir teilweise schon Ende August, Anfang September mit der Ernte an und sind nach ca. drei Wochen damit fertig.
Man muss auch sortentechnisch mitarbeiten. Deshalb sollte man in Zukunft auf Piwis (pilzwiderstandsfähige Rebsorten) setzen, die man weniger mit Pflanzenschutz behandeln muss. Wir sind ja auch verpflichtet, der Natur gegenüber den Pflanzenschutzmitteleinsatz zu reduzieren. Das geht nur mit Piwis.
Mittlerweile gibt es ja sogar Weinanbau in Norddeutschland…
Genau, bei Rostock gibt es Weinberge. Und mittlerweile auch in Polen. Das verschiebt sich alles nach Norden. Hätte man vor 30 Jahren nicht für möglich gehalten.
Vision und Zukunft
Sie haben gesagt, Sie sind wahrscheinlich die letzte Generation, die das Weingut betreibt. Wie sieht Ihre Vision für die Zukunft aus?
Die Vision ist, das noch ein paar Jahre zu betreiben – es macht uns ja noch Spaß. Verkleinern werden wir uns, indem die eine oder andere Pachtfläche, wo der Vertrag ausläuft, nicht mehr verlängert wird. Da stehen Neuanpflanzungen an und da sehe ich keine akzeptable Rendite mehr drin bei den immensen Kosten.
Meine Frau hat vor zehn Jahren mal gesagt: Noch zehn Jahre. Jetzt wissen wir es nicht mehr. Solange es uns gesundheitlich gut geht und es Spaß macht… Der Kontakt mit den Weinkunden macht uns Spaß, diese Überraschungsmomente, die man ab und zu hat, das ist das Positive an der ganzen Geschichte.

Der Weinkonsum ist ja insgesamt rückläufig.
Ja, der Alkoholkonsum in Deutschland geht zurück, in allen Sparten. Das macht es schwieriger. Die Preise erhöhen ist ein schwieriges Spiel: Gleicht man es damit aus oder springen die Kunden ab? Und wer günstigen Wein kaufen möchte, der geht zum Discounter.
Wir brauchen die Kundschaft, die bereit ist, auch einen höheren Preis für eine Flasche zu bezahlen.
Die Weine vom Weinhaus Uhl
1. Regent (Edwins ganzer Stolz)
Ein kräftiger Rotwein mit schöner Struktur und Mundfülle. Edwin hat ihn 2003 als einer der Ersten in Lonsheim gepflanzt und arbeitet mit Maischestandzeit und dezenten Holzchips. Passt hervorragend zu kräftigen Fleischgerichten und Wild.
2. Sauvignon Blanc (Der Newcomer)
Eine Rebsorte, bei der Edwin anfangs skeptisch war, ob er den Ausbau hinbekommt. Mittlerweile einer seiner besten Weißweine: frisch, aromatisch und mit typischer Fruchtigkeit. Ideal für den Sommer.
3. Ortega Auslese (Das süße Juwel)
Ein echter Exot: Die Ortega-Rebe aus den 60er/70er Jahren bringt als Auslese mit über 60 Gramm Restzucker einen vollmundigen Dessertwein hervor. Perfekt für Liebhaber edelsüßer Weine und als Begleiter zu Blauschimmelkäse oder fruchtigen Desserts.
Wo gibt es die Weine?
Findet man die Weine vom Weinhaus Uhl auch im Supermarkt oder im Weinhandel?
Nein, im Handel gibt es uns nicht. Dafür sind wir zu klein. Ein Supermarkt oder eine Kette wie Edeka Nord, die brauchen gewisse Mengen. Die sagen: Ich brauche eine Million Flaschen Grauburgunder. Das kann ich als 7-Hektar-Betrieb nicht liefern, da bekomme ich keinen Fuß in die Tür.
Und Weindepots sind eher auf renommierte Weingüter aus, die schon einen großen Namen haben, die jedes Jahr beim Staatsehrenpreis abkassieren und Auszeichnungen sammeln.
Wie kann man Ihre Weine dann kaufen?
Direkt bei uns vor Ort in Lonsheim oder über unseren Online-Shop. Was wir auch machen: Weinproben vor Ort beim Kunden. Wenn jemand sagt, ich habe einen Garten oder einen größeren Raum und möchte eine Weinprobe mit 15 bis 20 Leuten machen, dann packen wir unseren Bus voll mit unseren Sorten und kommen vorbei.
Außerdem stehen wir bei zwei Weinfesten mit einem fahrbaren Weinstand. Wir sind im Emsland tätig und auch in Sachsen und Brandenburg, beim Deutschen Mühlentag zum Beispiel.

Und wenn jemand mit dem Wohnmobil anreisen möchte?
Das geht auch! Wir haben eine Wiese, da kann man sich mit dem Camper, Wohnmobil oder Wohnwagen draufstellen. Zur Not auch ein Zelt aufschlagen. So direkt bewerben tun wir das nicht, aber wer fragt, ist willkommen.
Unser Vermarktungssystem läuft hauptsächlich über die Schiene Weinfreunde und Bekanntenkreis, die das dann weitertragen. Das hat sich gut bewährt. Unsere Bekannten im Norden sammeln zum Beispiel die Bestellungen für die Weihnachtstour, dann fahren wir hoch und liefern aus.


Regent (Rotwein)
Ein kräftiger Rotwein mit schöner Struktur und Mundfülle. Er hat eine tiefdunkle rote Farbe und einen wunderbaren Duft nach süßen und reifen Früchten.

Sauvignon blanc (trocken)
Frisch, aromatisch und mit typischer Fruchtigkeit. Sein Aroma entfaltet sich, nachdem er ein paar Minuten an der Luft atmen konnte.

Ortega Auslese
Ortega ist eine Kreuzung zwischen Müller-Thurgau und Siegerrebe. Der Wein ist eher säurearm und erinnert mit seinem Aroma an Pfirsiche.
Weitere Weingüter
Qualität braucht keine Vollzeit
Edwin und Andrea Uhl beweisen, dass herausragender Wein nicht von der Größe des Betriebs oder der Anzahl der Arbeitsstunden abhängt. Was zählt, ist Leidenschaft, Erfahrung und der unbeirrbare Anspruch, nur Wein zu machen, den man selbst gerne trinkt.
Das Weinhaus Uhl ist ein Geheimtipp für alle, die authentische Weine aus Rheinhessen suchen: ob den charaktervollen Regent, den aromatischen Sauvignon Blanc oder den besonderen Winzerglühwein zur Weihnachtszeit.
Weinhaus Uhl
Untergasse 2
55237 Lonsheim
Website: https://weinhaus-uhl.de
Rebfläche: 7 Hektar
Besonderheit: Familienbetrieb in vierter Generation im Nebenerwerb, eigener Winzerglühwein, Ortega-Auslese im Sortiment, Weinproben auch vor Ort beim Kunden.
