Karl May
Zwei Brüder, sieben Generationen:
Vom Familienerbe zur bewussten Entscheidung
Fritz und Peter May führen das rheinhessische Familienweingut in siebter Generation. Was sie von vielen Winzerdynastien unterscheidet: Die Entscheidung für den Wein trafen beide erst nach dem Abitur, ganz ohne elterlichen Druck. Heute bewirtschaften die beiden Diplomingenieure 35 Hektar nach ökologischen Richtlinien und exportieren ihre Weine bis nach Brasilien und Skandinavien.

Es geht nie um Alkoholkonsum und Saufen, sondern immer um Weingenuss. Wir machen hier ein handwerkliches Kulturprodukt, ein Naturprodukt. Essen und Wein, Weinkultur – darum geht es uns.
Fritz May
Kein Zwang, sondern Leidenschaft
Das Weingut Karl May ist seit 1815 in Familienbesitz. Trotzdem war der Weg in den Weinbau für Sie keine Selbstverständlichkeit?
Mein Bruder Peter und ich hatten in unserer Jugend relativ wenig mit dem Weingut zu tun. Das haben unsere Eltern ganz gut gemacht, sie haben uns in Ruhe gelassen. Klar, man hilft hier und da mal mit, wenn man einen Familienbetrieb zu Hause hat. Aber wir wurden selten gezwungen.
Wir haben unser Abi gemacht, unsere Jugend gut gelebt, viel Handball gespielt, Partys gefeiert und sind auf Weinfeste gegangen. Dass wir Winzer werden wollen, haben wir wirklich erst nach dem Abitur entschieden. Mein Bruder zuerst – er ist drei Jahre älter als ich.
Was hat Sie damals überzeugt?
Damals gab es wirklich ein dynamisches Rheinhessen. „Message in the Bottle“ wurde gegründet, viele junge Winzer haben plötzlich gute Qualitäten gemacht, Herkunft gezeigt und frischen Wind in die Weinbranche gebracht. Das hat uns mitgezogen, erst meinen Bruder, dann bin ich dazugekommen. Wir haben gesagt: Wir versuchen das Weingut Karl May gemeinsam zu übernehmen.
Haben Sie beide eine formale Ausbildung gemacht?
Ja, mein Bruder ist direkt nach Geisenheim ins Studium gegangen und hat Weinbau und Önologie studiert. Ich habe erst eine zweijährige Lehre in zwei Weingütern gemacht und bin danach ebenfalls nach Geisenheim gegangen. Wir sind beide Diplomingenieure.

Bio seit 2007 – ohne Kompromisse
Bei jedem Wein in Ihrem Shop steht das Bio-Siegel. War das von Anfang an so?
Wir haben 2007 auf Bio umgestellt. Das war tatsächlich das Erste, was Peter und ich hier gravierend geändert haben, als wir das Weingut übernommen haben. Das fühlt sich sehr gut an, macht Spaß und bringt auch Qualität. Wer bei Karl May einkauft, kann sich sicher sein: Er bekommt einen Biowein.
Gut zu wissen: Das Weingut Karl May bewirtschaftet alle 35 Hektar nach ökologischen Richtlinien. Die Weine tragen das EU-Bio-Siegel.
Drei Weine, die man probiert haben muss
Wenn jemand das Weingut Karl May noch nicht kennt: Welche drei Weine empfehlen Sie, um einen guten Einblick in Ihre Arbeit zu bekommen?
1. Riesling Gutswein (Die Visitenkarte)
Der Riesling Gutswein ist die absolute Visitenkarte unseres Weinguts. Wir Winzer profilieren uns und vergleichen uns auch immer im Riesling. Wenn der Riesling Gutswein eine gute Qualität hat, weiß jeder Winzer: Dann können die anderen Weine auch nicht schlecht sein.
Riesling ist die wichtigste Rebsorte für uns. Der Gutswein ist im Edelstahl ausgebaut, ein leichter, fruchtiger Alltagswein, der aber schon super gut zum Essen passt.
2. Blutsbruder Rot (Rheinhessen trifft internationalen Stil)
Ein super toller Wein, der etwas aus der Reihe fällt, ist der Blutsbruder Rot. Eine Rotwein-Cuvée aus internationalen Rebsorten: Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc. Der aktuelle Jahrgang 2022 war ein fantastisches Rotweinjahr.
Der Blutsbruder ist komplett im Barrique ausgebaut, also ein Rotwein im internationalen Stil, was viele Leute gar nicht so in Deutschland erwarten würden. Aber durch den Klimawandel ist das mittlerweile sehr gut möglich, vor allem hier im Süden Rheinhessens, in der wärmsten Weinregion Deutschlands.
3. Osthofen Grauburgunder (Charakter mit Rückgrat)
Ich breche mal eine Lanze für die Burgunder: Unser Osthofen Grauburgunder ist meine dritte Empfehlung. Grauburgunder ist in Deutschland gerade die gehypteste Rebsorte schlechthin, auch zurecht, weil es ein super schöner Essensbegleiter ist.
Bei unserem Osthofen Grauburgunder haben wir einen mega charakterstarken Wein, der im Holzfass ausgebaut ist. Er zeigt Boden und Herkunft, stammt von alten Reben mit niedrigem Ertrag. Das ist ein Grauburgunder mit unheimlich viel Rückgrat und Charakter.
Das Etikett zeigt übrigens einen historischen Kupferstich von Osthofen. Wir wollen damit auch über das Etikett die Herkunft zeigen.
Sie arbeiten viel mit Holz. Nach welchem System entscheiden Sie, welcher Wein ins Fass kommt?
Die Gutsweine sind eigentlich alle im Edelstahl ausgebaut. Bei den Ortsweinen geht es weiter: Die Burgunder kommen ins Holzfass, Riesling bleibt im Edelstahl.
Alle unsere Rotweine sind im Holzfass ausgebaut: die Basisweine im großen Holz, ab dem Blutbruder geht es ins Barrique. Auch die Blutbruder Weiß und Rosé haben Holzfassanteile. Wir arbeiten sehr gerne mit Holz, je nach Kategorie und je nachdem, was der Wein am Ende sein soll.

Von Osthofen nach Oslo: 40 Prozent Export
Sie exportieren einen beachtlichen Teil Ihrer Produktion. Wie kam es dazu?
Wir exportieren mittlerweile über 40 Prozent unserer Weine. Das hat sich über Messeauftritte entwickelt, natürlich auch über das Renommee des Weinguts. Wir sind mittlerweile in vielen Weinführern sehr weit oben gelistet in der Region und haben gute Auszeichnungen bekommen. Nach und nach bekommt man Kontakte und baut das auf.
In welche Länder exportieren Sie?
Skandinavien ist sehr wichtig, vor allem Norwegen, Dänemark, Schweden, Finnland. Norwegen ist sogar der zweitwichtigste Exportmarkt für deutschen Wein überhaupt. Dann klassisch rund um Deutschland: Polen, Tschechien, Estland, Slowakei, Holland, Belgien, Schweiz. Und auch etwas exotischer: Brasilien ist mittlerweile im Portfolio. Das ist zwar nur eine Palette im Jahr, aber es ist schön zu wissen, dass in Brasilien unser Riesling getrunken wird.
Sie bieten auch Bag-in-Box an. Das überrascht bei einem Qualitätsweingut.
Die Deutschen denken immer, Bag-in-Box ist billig und schlecht. Deswegen würden wir in Deutschland ehrlich gesagt auch keine Bag-in-Box auf den Markt bringen, da wird man gleich in die untere Schublade gesteckt.
In Norwegen ist das anders. Die haben nicht die Weintradition, die sind offener. In Norwegen werden 60 Prozent des Weins aus Bag-in-Box getrunken. Der Staat fördert das sogar, weil es auf Flaschen eine extra Steuer gibt, wegen des größeren CO₂-Fußabdrucks.
Bag-in-Box ist ökologisch sinnvoller, sowohl in der Produktion als auch im Transport, weil es einfach leichter ist. Wir haben einen sehr guten Basis-Riesling in der Box mit super Qualität, die die Norweger mit auf ihr Boot nehmen oder in ihre Berghütte. Unkompliziert, aber auf einem sehr guten Niveau.
Allerdings ist Bag-in-Box nicht für Weine gemacht, die reifen sollen. Die Verpackung ist gasdurchlässiger, die Weine sollten innerhalb eines Jahres getrunken werden. Für frische Weine ist es aber super.

Der Name Karl May: Vom Vater zum Mythos
Weingut Karl May – da denkt man unweigerlich an den Schriftsteller. Gibt es eine Verbindung?
Nein, mit dem Schriftsteller haben wir gar nichts zu tun. Unser Vater heißt Karl May, das ist ein alter Familienname. Der Bruder meines Opas hieß auch schon Karl.
Natürlich spielen wir ein bisschen mit dem Namen. Wenn zwei Brüder auftreten vom Weingut Karl May, wird man automatisch darauf angesprochen. Daher gibt es auch die Blutsbruder-Weine mit dem Etikett mit der Hand drauf.
Wie wichtig ist Ihr Vater für die Geschichte des Weinguts?
Karl May, unser Vater, ist die Person, die in der Geschichte des Weinguts am wichtigsten war. Er hat das eigentlich von fast null aufgebaut, gemeinsam mit meinem Großvater.
Wir sind die siebte Generation, die das Gut besitzt, seit 1815. Aber vor meinem Großvater war es kein reines Weingut. Es gab zwei Morgen Weinberge und es wurde ein bisschen Wein zum Hausgebrauch gemacht. Erst mein Großvater hat angefangen, Flaschen abzufüllen. Die ältesten Flaschen, die bei uns im Keller liegen, sind von 1964. Wir sind also die dritte Generation als Weingut mit Flaschenabfüllung.
Piwi-Rebsorten: Testen ja, vermarkten nein
Viele Weingüter setzen auf pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Wie stehen Sie dazu?
Wir haben Piwis angepflanzt, weil wir sagen: Es sind neue Rebsorten, die eventuell Pflanzenschutz reduzieren. Dann ist es irgendwo auch eine Verpflichtung für ein Weingut, das mal zu testen.
Aber wir haben aktuell nicht vor, die als einzelne Weine zu vermarkten. Die verschwinden zum Beispiel in unserem Secco, wo die Rebsorte nicht die große Rolle spielt.
Wir glauben, dass die traditionellen Rebsorten wichtiger bleiben werden. Wir glauben auch nicht, dass das Piwi-Thema für immer Piwi bleibt – die Pilze sind zu schlau. Die werden ihre Wege finden, auch diese Widerstandsfähigkeit nach und nach zu durchbrechen.

Vor Ort erleben
Kann man das Weingut Karl May besuchen?
Man kann eigentlich jederzeit bei uns eine Weinprobe in Gruppen buchen. Man kann auch einfach vorbeikommen: kurz durchklingeln ist immer ganz nett, dann sind wir vorbereitet.
Wir haben eine schöne Vinothek mit Platz für 30 bis 40 Personen. Dazu eine Straußwirtschaft für ein Wochenende im Oktober, ein Hoffest im Mai und einen Weihnachtsmarkt. Für nächstes Jahr planen wir, das Angebot noch auszuweiten mit kleinen Weinproben-Events.
Wir freuen uns über jeden, der uns besucht, unsere Weine probieren will und mehr über unsere Philosophie erfahren möchte. Vor allem: ganz entspannt Wein trinken.

Die Zukunft: Qualität statt Wachstum
Sie haben das Event-Angebot ausgebaut, neue Märkte erschlossen, die Rebfläche von 13 auf 35 Hektar mehr als verdoppelt. Wie geht es weiter mit dem Weingut Karl May, wollen Sie noch größer werden?
Nein, wir wollen nicht wachsen, wir sind groß genug. Das sage ich zum aktuellen Zeitpunkt. Wir wollen das, was wir haben, qualitativ in die Zukunft weiterführen.
Wir sind keine, die nach noch mehr und noch größer streben. Wir wollen weiterhin Winzer sein und nicht nur im Büro sitzen und delegieren, sondern ganz nah am Produkt bleiben.



Riesling (Gutswein)
Vibrierend frisch, ganz leicht floral, vital und herrlich energiegeladen. Kompromisslos verführerisch, pikant und fein am Gaumen.

Blutsbruder Rot
Verströmt das Aroma von frischer roter Paprika, von reifen, schwarzen Johannisbeeren und Blaubeeren, dazu kommt ein Hauch von Lagerfeuer und Leder.

Osthofen Grauburgunder
Spontangärung in Holzfässern. 6 Monate Feinhefelagerung. Ein Grauburgunder mit internationalem Format aus den ältesten Grauburgunderweinbergen Osthofens.
Weitere Weingüter
Tradition mit Freiheit
Das Weingut Karl May zeigt, dass Familientradition nicht Zwang bedeuten muss. Fritz und Peter May haben sich bewusst für den Weinbau entschieden, nach dem Abitur, nach einer unbeschwerten Jugend, aus echter Überzeugung.
Diese Freiheit spiegelt sich in ihrer Arbeit wider: konsequent Bio seit 2007, mutige Rotwein-Cuvées im internationalen Stil, pragmatische Lösungen wie die Bag-in-Box für Skandinavien. Gleichzeitig bleiben sie bodenständig: 35 Hektar, die sie noch selbst überblicken können, Direktvertrieb an Privatkunden, eine Vinothek statt anonymer Supermarktregale.
Weingut Karl May
Ludwig-Schwamb-Str. 22
67574 Osthofen
Website: https://www.weingut-karl-may.de
Rebfläche: 35 Hektar
Besonderheit: Biozertifiziert seit 2007, von zwei Diplomingenieur-Brüdern geführt, über 40 % Exportanteil.
