Eva Vollmer
Dr. Eva Vollmer:
Wissenschaftlerin, Winzerin, Wegbereiterin
Dr. Eva Vollmer hat den Familienbetrieb in Mainz-Ebersheim, Rheinhessen, von einem Genossenschafts-Zulieferer zu einem eigenständigen Bioweingut transformiert. Mit Doktortitel im Weinbau, einer Leidenschaft für pilzwiderstandsfähige Rebsorten und einem unverkennbaren Talent für Winzertainment (Winzerin + Entertainment) verbindet sie Wissenschaft, Nachhaltigkeit und puren Genussmoment. Auf 11 Hektar Rebfläche entstehen Weine, die von tiefgründigem Handwerk erzählen und dabei nie den Spaß verlieren.

Nimm den Wein nicht als so unantastbar und elitär wahr, sondern mit Augenzwinkern – der Wein darf auch zugänglich und für jeden erschließbar sein.
Dr. Eva Vollmer
Drei Weine, die man probiert haben muss
Wenn jemand das Weingut Eva Vollmer noch nicht kennt: Welche drei Weine geben den besten Einblick in Ihre Arbeit?
1. Souvignier Gris – Ein Zukunftswein
Auf jeden Fall sollte man einen unserer Zukunftsweine probieren. „Zukunftsweine“ ist eine Marke, die ich mit einem Team deutschlandweit gegründet habe. Dahinter steht die Überzeugung, dass der deutsche Weinbau nachhaltige Wege gehen muss und pilzwiderstandsfähige Rebsorten sind ein wichtiges Puzzleteil davon.
Wir haben seit 2016 gepflanzt und sind mittlerweile bei 40 Prozent dieser Sorten. Meine Empfehlung wäre der Souvignier Gris, das ist die Burgunder-Variante unserer Zukunftsweine. Wer dagegen eher das Beuteschema „trockene Scheurebe“ oder „Sauvignon Blanc“ hat, sollte unbedingt den Wendehammer probieren, ein Cuvée aus pilzwiderstandsfähigen Sorten. Da sind Verbraucher wirklich mega happy.
Gut zu wissen: Piwi-Rebsorten (pilzwiderstandsfähige Rebsorten) sind moderne Neuzüchtungen, die deutlich weniger Pflanzenschutzmittel benötigen. Beim Weingut Eva Vollmer machen sie bereits 40 Prozent der Rebfläche aus – ein Spitzenwert unter deutschen Weingütern.
2. Riesling Kalkader – Der Klassiker
Meine zweite Empfehlung ist ein absoluter Klassiker: der Riesling Kalkader aus dem Ortsweinbereich. Riesling verkörpert die Welt der Tradition, den Glamour und die Relevanz unserer deutschen Rebsorten.
Der Kalkader zeigt strahlende Mineralität, klares Pushing, eine direkte Art, das Verspielte aus dem Kalk und trotzdem Trinkfreude. Es ist ja nicht so, dass ein Ortswein keinen Spaß machen darf. Der Riesling Kalkader trocken ist der Wein, den viele Leute an uns verstehen werden. Ein gesunder Weg, der weitere Wege zulässt.
Wer es noch individueller mag, kann zum Riesling Herrenberg greifen, unserem Lagenwein. Aber für den Einstieg in klarer, exzellenter Form, ohne verworren und super individuell zu sein, bin ich beim Ortswein.
3. Crazy Rabbit – Die Spielwiese
Beim dritten Wein möchte ich unseren Drang zum Augenzwinkern hervorheben. Neben den Klassikern und den Zukunftsweinen haben wir eine Sparte namens Spielwiese. Da sind Tiere, die in Weinrollen schlüpfen: der Smoking Flamingo, der Crazy Rabbit und der Holy Crap.
Meine Empfehlung ist der Crazy Rabbit: eine Scheurebe Fumé, ausgebaut im Eichenholz mit etwas Akazie dabei. Die Kombination aus Frucht und Holz ist absoluter Wahnsinn. Ein Projekt, das Lokalpatriotismus mit Augenzwinkern verbindet.
So hat man die perfekte Trilogie: die Burgunderwelt in neuem Glanz mit dem Souvignier Gris, die Klassik mit dem Riesling, und den Crazy Rabbit für den spielerischen Genuss.
Was steckt hinter der Spielwiese-Idee?
Spielwiese, das sind meine Gedanken zu einer neuen Welt, die man entdecken kann. Der Smoking Flamingo ist ein Rosé aus dem Holz, der Holy Crap ist im Grunde ein Riesling Kabinett – eine Hommage daran, dass Kabinett-Weine jahrelang keine Rolle gespielt haben und jetzt plötzlich in aller Munde sind. Und weil Trockentrinker die auch so gerne trinken würden, passt das perfekt. Spielwiese muss nicht verworren oder in Holz ummantelt sein, es sind einfach spielerische Ideen, verpackt in Weine mit Charakter.

Von der Genossenschaft zum eigenen Weingut
Frau Vollmer, Sie haben einen Doktortitel im Weinbau. Das ist nicht gerade der klassische Weg zur Winzerin. Wie kam es dazu?
Wir haben Weinbau in der Familie gehabt, aber nicht als klassisches Flaschenwein-Weingut, sondern als Genossenschaftsbetrieb. Die Trauben wurden anhängerweise in die Genossenschaft abgeliefert. In meiner Kindheit hatte ich mit Weinbergen immer zu tun, aber nicht mit Keller, Vermarktung oder Kundenkontakt. Ich bin quasi in den Weinbergen aufgewachsen, helfend, aber ohne das komplette Gefühl, Weingut zu sein.
Die Liebe zum Produkt war schon da. Aber weil der Weinbau eine so viel kreativere und intensivere Auslebung des Produkts ermöglicht als die reine Landwirtschaft, habe ich mich für das Weinbaustudium entschieden. Studiert, promoviert, Ausbildung – alles was geht.
Ihr Doktortitel ist ein Dr. agrar auf der Sparte Weinbau, richtig?
Genau, im Bereich Weinbau. Die Headline heißt dann Agrar, das ist ganz normal. Es gibt keinen speziellen „Dr. Wein“, sondern einen Dr. agrar auf der Sparte Weinbau.
War von Anfang an klar, dass Sie ein eigenes Weingut gründen würden?
Überhaupt nicht. Dafür ist der Weg ja ziemlich weit, den wir dann auch gegangen sind. Der Umstieg vom Fassweingeschäft zur Flaschenvermarktung ist ein komplett anderes Konzept. Das Fassweingeschäft ist ein liebloseres Produktionsgeschäft. Das andere ist kreativ und qualitätsorientiert.
Wobei ich nicht sagen will, dass alle Genossenschaftsstrukturen keine Qualität haben – es gibt grandiose Genossenschaften. Aber bei uns war der Status Quo so, dass ein Investitionsstau herrschte und die Orientierung eher auf eine gesunde Basis ausgerichtet war, nicht auf Spitzenqualität. Wir wollten aber mehr: Weine in allen Sparten bis hin zum Lagenwein, eigenes Design und vor allen Dingen Bio.
Wie groß war der Sprung von der Genossenschaft zum eigenen Flaschenwein?
Wir haben ganz klein angefangen und jetzt sind es rund 70.000 Flaschen. Das war schon ein Ritt. Aktuell bewirtschaften wir 11 Hektar Rebfläche, zu Genossenschaftszeiten waren es achteinhalb. Wir sind also gewachsen, aber jetzt wollen wir nicht mehr weiter wachsen.

Zukunftsweine und die Piwi-Frage
40 Prozent pilzwiderstandsfähige Sorten, das ist beachtlich. Viele Winzer berichten, dass Verbraucher mit Piwi-Namen wenig anfangen können. Erleben Sie das auch?
Deswegen gibt es Zukunftsweine. Ganz einfache Antwort. Von allein läuft es auf keinen Fall, aber mit Liebe und Aufmerksamkeit läuft es super. Ich spiele die Karten, betreibe die Kommunikation und mache diesen positiven Vibe auf. Nicht einfach nur „komm und friss“, sondern da stecken viel Gespräche und Aufmerksamkeit drin.
Bei unseren Online-Proben werden die Zukunftsweine prominent platziert, da wird drüber geredet, dem Ganzen wird Bühne gegeben. So schwellen die Hemmschwellen ab. Wenn man mit zwei, drei Worten sagt „mal die leckere Zukunft probieren“ und das als wunderbare Selbstverständlichkeit mit all ihren positiven Argumenten vermarktet, dann nehmen die Leute das super an.
Planen Sie, den Piwi-Anteil weiter auszubauen?
Wir wollen erstmal nicht pflanzen. Die Weinbranche ist im Moment kein Eldorado, also wird erstmal mit dem gearbeitet, was wir haben. Und wir sind super aufgestellt. Der Weinbestand, wie wir ihn jetzt haben, bleibt erstmal so stehen.
Die Online-Weinprobe: Wein, Schoki, Käse
Sie sind bekannt für Ihre Online-Weinproben. Wie kann man sich das vorstellen?
Das ist das, was uns auch zum kleinen Weingut macht – nicht dieses Palettenschieben und Handel. Unser großes Ding sind im Sommer die Weinpicknicks hier vor Ort. Wir haben eine hektar große, typisch rheinhessische Landschaft geschaffen, eine Weinwiese mit Weinberg, wo man drin sitzen kann. Im Winter geht sowas nicht und während der Corona-Zeit schon gar nicht. Deswegen hat sich in der Corona-Zeit dieses Online-Format etabliert.
Und ich möchte Leute begeistern. Dieses Winzertainment – mein Kunstwort aus Winzer und Entertainment – ist ein Kernstück der ganzen Sache: die Show, die Geschichten, die Spontanität und der Genuss in einen Sack gepackt. Das ist ganz typisch Eva Vollmer Weine.
Wie funktioniert das konkret?
Auf unserer Website unter „Events“ tauchen immer ein bis zwei Online-Proben auf, meistens im Februar und im November. Der Klassiker heißt „Wein, Schoki, Käse“. Das kostet 99 Euro,und eine Woche vor der Veranstaltung geht alles unter Band: Wein, zwei verschiedene Käsesorten, vier verschiedene handgemachte Schokoladen und weinfeines Knäckebrot, das zusammen mit unserem Bäcker entwickelt wurde. Dann bekommen die Leute den Zoom-Link und los geht’s.
Wie viele Leute nehmen an so einer Online-Probe teil?
Da sind rund 90 Haushalte dabei. Das Paket richtet sich an zwei bis sechs Personen und die Flaschen sind alle wieder verschließbar. Ich gebe meine Garantie, dass man zu zweit nicht fünf Flaschen Wein an einem Abend trinken muss, man kann das in den nächsten zwei Wochen ganz gemütlich aufbrauchen.
Bis wann muss man sich anmelden?
Spätestens drei Wochen vor der Veranstaltung geht es meistens noch. Ich muss ja alles on point bestellen – die Schokoladen werden handgemacht. Die Kopfschmerzen der Logistik liegen dann bei mir.
Was macht die Online-Proben so besonders, dass die Leute wiederkommen?
Es ist kein Standard, vielmehr ist es super flexibel und immer was Neues. Manche Leute haben das schon acht Mal mitgemacht und kommen immer wieder. Es ist wie gutes Fernsehen, nur mit Wein, Schokolade und Käse. Wir machen auch Spiele, es ist interaktiv, ich nehme Partner rein, mache Interviews. Manchmal haben wir die Leute schon daheim kochen lassen, wir haben schon Bier mitgeschickt, quasi alles, was den Genuss-Horizont erweitert.

100 Prozent Bio, 100 Prozent Überzeugung
Sind alle Weine bei Ihnen bio?
Ja, ausnahmslos. Jeder, der bei uns kauft, kann sich sicher sein, einen Biowein in der Hand zu haben. Im Bereich Pflanzenschutz machen wir uns viele Gedanken, wie man mit möglichst wenig Spritzung bestmöglich arbeiten kann.
Auf Ihrer Website sehe ich die Logos von Ecovin und Bioland. Was ist der Unterschied?
Ecovin wird bei uns jetzt wahrscheinlich verschwinden. Ecovin ist eigentlich wie Bioland, nur dass man dort keine Landwirtschaft dabei hat. Da wir neben den 11 Hektar Reben auch rund 100 Hektar Ackerbau bewirtschaften, werden wir irgendwann nur noch Bioland sein. Den Ackerbau haben wir 2017 mit in den Betrieb genommen und ebenfalls auf Bio umgestellt, aus gesamtgesellschaftlicher Verantwortung heraus.
Ihre Weine sind auch vegan?
Ja. Das ist für uns eine wunderbare Selbstverständlichkeit. Mir würde gar nicht anders einfallen, warum sollte ich da was Tierisches rein machen? Die tierischen Hilfsmittel im Wein sind eigentlich immer nur ein Zeitfaktor. Wenn jemand keine Zeit hat, macht er Sachen, die schneller gehen und Beschleuniger sind manchmal tierisch.
Wir sind keine schnelle Bude, sondern jemand, der das wertschätzt und dem Wein Zeit gibt. Und in dem Moment, wo wir einen langsamen, tiefgründigen Weg in der Weinproduktion gehen, ist der Wein auch länger haltbar. Das sind keine Eintagsfliegen.

Von der Ferne zur Pilgerfahrt: Das Erlebnis-Weingut
Manche Weingüter grenzen sich bewusst vom Tourismus ab. Wie sehen Sie das?
Bei uns ist das Erlebnis auf jeden Fall ein wichtiger Teil. Es ist wie eine Pilgerfahrt: Jemand lernt uns über die Online-Weinprobe kennen, kommt vielleicht aus Leipzig. Dann sind wir vier Jahre auf die Distanz zusammen verbandelt, verschicken Weine und irgendwann kommen die dann her. Das ist, als trifft man den Menschen, den man all die Jahre aus der Ferne ein bisschen angehimmelt hat. Sich dann live zu treffen, ist für beide Seiten gigantisch.
Von groß vernetzt über Leute, die einfach mal gucken wollen, bis hin zu intensiven Fans ist alles dabei.
Bieten Sie auch Weinwanderungen an?
Nein, Weinwanderungen oder Planwagenfahrten können wir nicht anbieten. Es gibt eine große Weinwanderung in Ebersheim an Pfingstsonntag, da sind wir dabei. Aber ansonsten bieten wir eher Weinproben auf dem Hof an. Für größere Gruppen oder Firmenevents kann man individuell schauen, ob ein Picknick möglich ist.

Ein Familienweingut durch und durch
Wer steckt neben Ihnen noch hinter dem Weingut Eva Vollmer?
Wir sind ein klassisches Familienweingut: meine Cousine im Büro, mein Cousin auf dem Traktor, meine Eltern helfen noch mit – hier ist es echt noch sehr heimelig. Meine Kinder sind 9 und 11, die lassen wir erstmal in Ruhe wachsen und werden. Aber wer weiß, vielleicht steckt der Weinvirus ja schon in ihnen und wartet nur darauf, auszubrechen.
Was bleibt, ist ein Weingut, das man am besten selbst erlebt: ob bei einer Online-Weinprobe mit Schokolade und Käse vom Sofa aus, bei einem Picknick zwischen den Reben im Sommer oder einfach mit einer Flasche Riesling Kalkader am eigenen Küchentisch. Eva Vollmer und ihr Team freuen sich auf jeden, der Lust hat, ihre Weine und ihre Geschichte kennenzulernen.

Souvignier Gris (trocken)
Kräftige gelbe und nussige Aromen. Peppig und gleichzeitig wohltuend cremig am Gaumen.

Riesling Ortswein „Kalkader“ (trocken)
Der Kalkader zeigt strahlende Mineralität, klares Pushing, eine direkte Art, das Verspielte aus dem Kalk und trotzdem Trinkfreude.

Crazy Rabbit Scheurebe Fumé
Hinter dem verrückten Hasen steckt eine im Eichenholz gereifte Scheurebe vom Kalkstein, die es faustdick hinter den Löffeln hat. Karg und gleichzeitig strukturgewaltig.
Weitere Weingüter
Dr. Eva Vollmer: Wissenschaft trifft Weinleidenschaft
Eva Vollmer zeigt, dass Weinbau weit mehr sein kann als Tradition um der Tradition willen. Mit ihrer wissenschaftlichen Ausbildung, dem konsequenten Bio-Ansatz und dem Mut, 40 Prozent der Rebfläche mit Piwi-Sorten zu bepflanzen, geht sie Wege, die viele andere erst noch beschreiten werden. Dabei verliert sie nie den Spaß an der Sache, ob beim Crazy Rabbit mit Augenzwinkern oder bei einer Online-Weinprobe mit 90 Haushalten, Schokolade und Käse.
Das Weingut Eva Vollmer ist ein Ort, an dem Zukunft nicht als Risiko verstanden wird, sondern als Chance: für besseren Wein, für nachhaltigeren Anbau und für echte Verbindungen zwischen Winzerin und Weinliebhabern.
Weingut Eva Vollmer
Nieder-Olmer-Straße 65
55129 Mainz-Ebersheim
Website: https://www.evavollmer-wein.de
Rebfläche: 11 Hektar
Besonderheit: Promovierte Winzerin, 100 % Bio und vegan, 40 % pilzwiderstandsfähige Rebsorten, Mitgründerin der Marke „Zukunftsweine“, Online-Weinproben.




