Becker das Weingut
Acht Generationen Leidenschaft –
und drei verrückte Jungs für die Zukunft
In Mainz-Ebersheim, dem größten weinbautreibenden Vorort der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt, schreibt die Familie Becker seit über 130 Jahren Weingeschichte. Was einst als typischer rheinhessischer Mischbetrieb begann, ist heute ein modernes Familienweingut mit 30 verschiedenen Rebsorten auf über 35 Hektar, geführt von Marco und Alexandra Becker in achter Generation. Und die neunte steht bereits in den Startlöchern: Drei Söhne, alle ausgebildete Winzer, scharren mit den Hufen.

„Wir machen alles mit Leidenschaft und Passion und wir möchten den Betrieb gut an die nächste und übernächste Generation weitergeben. Dass unsere drei Jungs alle mit dabei sein wollen, macht uns unglaublich stolz.“
Alexandra Becker
Vom Mischbetrieb zum Familienweingut
Frau Becker, wie sind Sie und Ihr Mann eigentlich zum Weinbau gekommen?
Wir kennen das beide schon von Kindesbeinen an. Mein Mann Marco kommt aus einem Vollerwerbsbetrieb, ich aus einem Nebenerwerbsbetrieb. Hier in Rheinhessen ist es üblich, dass jeder noch ein paar Weinberge hat. Ich habe als kleines Mädchen immer gesagt: „Ich heirate mal keinen Winzer“ – und das ist mir ja toll gelungen!
Kennengelernt haben wir uns ganz standesgemäß auf einem Weinfest. Wir hatten beide Lust auf Wein und haben deshalb Marcos Weingut weitergeführt. Mittlerweile haben wir die beiden Betriebe fusioniert.
Wie weit reicht Ihre Geschichte im Weinbau zurück?
Wir machen jetzt Weinbau in achter Generation und können anhand von Kaufakten bis Ende des 19. Jahrhunderts zurückschauen. Die älteste Urkunde von unserem alten Hof stammt von 1883 und davor gibt es auch schon Dokumente. Wer bei uns Wein kauft, kauft also wirklich bei einem Traditionsweingut.
Allerdings haben wir erst Anfang der 2000er mit der Selbstvermarktung und der Flaschenabfüllung begonnen. Vorher war das ein typischer rheinhessischer Mischbetrieb. Heute bewirtschaften wir über 35 Hektar Rebfläche.

Die drei verrückten Jungs
Was das Weingut Becker besonders macht: Die Nachfolge ist nicht nur gesichert, sie ist dreifach abgesichert. Johann, Jakob und Julius, die „drei verrückten Jungs“, sind alle ausgebildete Winzer und wollen alle drei den Betrieb übernehmen.
Das ist eine beneidenswerte Ausgangslage.
Absolut! Die Jungs sind alle mit viel Leidenschaft dabei. Johann ist der Ruhige und Besonnene, fühlt sich in den Weinbergen und im Keller am wohlsten. Jakob ist unser Draufgänger mit dem lockeren Spruch auf den Lippen. Und Julius schaut gerne von seinen großen Brüder ab, hat aber auch seine eigene Akzente schon gesetzt.
Sie bringen auch eigene Ideen ein: Der Große hatte die Idee, den Saphira grün zu lesen, mehr in Richtung Sauvigon Blanc. Der Mittlere war während seiner Ausbildung in einem Weingut, das zu den Top Sekterzeugern unsere Region gehört und kam auf die Idee, einen eigenen Sekt zu kreieren. Da brauchen wir uns um die Zukunft keine Sorgen zu machen.
Philosophie: Passion mit Nachhaltigkeit
Was macht die Philosophie Ihres Weinguts aus?
Alles, was wir machen, machen wir mit Leidenschaft und Passion. Es steckt immer eine gehörige Portion Spaß dahinter. Wir betreiben viel Öffentlichkeitsarbeit und erklären den Leuten, warum wir was machen und wie viel Arbeit hinter einer Flasche Wein steht, das wissen die wenigsten.
Besonders wichtig ist uns die Nachhaltigkeit. Wir waren Mitbegründer vom Netzwerk Nachhaltiger Weinbau Rheinhessen. Jeder Weinberg ist anders, jede Lage ist anders. Das können wir mit einem nachhaltigen Ansatz besser handhaben. Und wir möchten den Betrieb ja gut an die nächste und übernächste Generation weitergeben.
Netzwerk Nachhaltiger Weinbau Rheinhessen: Ein Zusammenschluss von Winzern, die sich für umweltschonenden Weinbau einsetzen, von der schadschwellenbasierten Pflanzenschutzanalyse bis zur natürlichen Düngung mit Stallmist und Gründüngung.
Pioniere bei pilzwiderstandsfähigen Rebsorten
Viele Weingüter beginnen gerade erst mit Piwi-Rebsorten. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Wir sind seit über 30 Jahren dabei. Die erste Piwi-Sorte, die wir gepflanzt haben, war der Regent, der Klassiker unter den roten Piwis. Dann folgte Saphira, eine Geisenheimer Züchtung, der in Richtung Weissburgunder / Sauvignon blanc geht.
Der Blütenmuskateller ist im Moment eine meiner Lieblingsrebsorten, weil er vom Aroma her total klasse ist. Den durfte man lange nur im Versuch anbauen, ist nun aber zugelassen.

Piwi-Rebsorten (pilzwiderstandsfähige Rebsorten) sind moderne Neuzüchtungen, die weniger Pflanzenschutzmittel benötigen und den Weinbau nachhaltiger machen.
Und wie steht es um den Klimawandel?
Die Traubenlese ist definitiv immer früher, das müssen wir einplanen und akzeptieren. Aber wir stellen uns auch darauf ein. Vor fünf, sechs Jahren haben wir zum Beispiel Cabernet Sauvignon gepflanzt, eine typische Rotweinrebsorte, die sehr viel Sonne braucht. Die ganz frühen Rebsorten werden vielleicht verlieren, aber dafür werden die später reifenden gewinnen. Wie es kommt, kommt’s. Mittlerweile haben wir auch Tempranillo, eine bekannte spanische Rebsorte, im Anbau.

Unsere Weinempfehlungen
Bei fast 30 verschiedenen Rebsorten auf über 35 Hektar ist die Auswahl groß. Wir haben Alexandra Becker gefragt, welche Weine man unbedingt probieren sollte.
1. Blütenmuskateller – Die aromatische Überraschung
Der Blütenmuskateller ist im Moment eine meiner Lieblingsrebsorten. Es ist eine Piwi-Rebsorte, die wir im Versuch angebaut haben und nun zugelassen ist.
Als Wein kann ich ihn sehr empfehlen: Er überzeugt mit einem intensiven, blumigen Bouquet, das sofort neugierig macht. Aber als Sekt ist er für mich der absolute Hammer. Die Aromatik von Holunder, Rosen und mehr entfalten sich in der Perlage noch einmal ganz anders: frisch, elegant und trotzdem ausdrucksstark. Wer etwas Außergewöhnliches sucht, das nicht jeder im Programm hat, ist beim Blütenmuskateller genau richtig.
Hochwertige Sekte aus Flaschengärung: Der gesamte Sekt von Becker das Weingut wird ausschließlich aus eigenen Trauben hergestellt. Die Grundweine gehen an eine Sektmanufaktur, die das Versekten und die Lagerung übernimmt, aber der Wein selbst kommt zu 100 % vom eigenen Weingut.
2. Scheurebe – Das rheinhessische Aushängeschild
Mit der Scheurebe haben wir begonnen und sie ist immer noch unser Aushängeschild. Wir lieben die klassischen rheinhessischen Rebsorten und die Scheurebe gehört einfach dazu.
Die Scheurebe ist eine Kreuzung aus Riesling und der Bukettraube, die in den 1910er-Jahren in der Landesanstalt für Rebenzüchtung Alzey entstand, also quasi ein rheinhessisches Urgestein. Sie bringt intensive Aromen von Schwarzer Johannisbeere, Grapefruit und exotischen Früchten mit. Bei uns wird sie so ausgebaut, dass diese Fruchtigkeit im Vordergrund steht, ohne aufdringlich zu werden.
3. Drei Brüder – Die Familien-Cuvée
Die „Drei Brüder“ ist ein Cuvée aus Spätburgunder und Frühburgunder. Das Besondere daran: Unsere drei Jungs haben diesen Wein das erste Mal komplett alleine cuvéetiert und uns dann das Ergebnis präsentiert. Deshalb der Name „Drei Brüder“.
Es ist ein schöner, kräftiger Rotwein geworden, der in der Coronazeit entstanden ist. Was mich als Mama besonders stolz macht: Man schmeckt die Handschrift der nächsten Generation. Die Jungs haben sich zusammengesetzt, probiert, diskutiert und am Ende einen Wein kreiert, der unsere Philosophie perfekt verkörpert.
Der Spätburgunder bringt Eleganz und feine Frucht mit, der Frühburgunder sorgt für zusätzliche Tiefe und samtige Tannine. Zusammen ergibt das einen harmonischen, körperreichen Rotwein mit Potenzial.
Geheimtipp: Saphira
Wer noch tiefer in die Piwi-Welt eintauchen möchte, sollte den Saphira probieren. Diese weiße Rebsorte geht geschmacklich in die Weißburgunder-Richtung und hat sich leider nie richtig durchgesetzt, was bedeutet, dass man sie nur bei wenigen Weingütern findet. „Seitdem wir ihn trocken ausbauen, wird er von der Kundschaft sehr gut angenommen. So gut, dass wir dieses Jahr wieder neu gepflanzt haben“, erzählt Alexandra Becker. Ein echter Geheimtipp für alle, die das Besondere suchen.
Kinderwingert: Weinbau für die Kleinsten
Auf Ihrer Website ist ein „Kinderwingert“ zu finden. Was verbirgt sich dahinter?
Ich bin ausgebildete Kulturenweinbotschafterin und vor fast 20 Jahren kam die Idee auf: Lass uns Kindern aus Nicht-Winzer-Familien zeigen, was es bedeutet, in einer Weinregion aufzuwachsen.
Wir haben eine Regent-Anlage (also eine rote Piwi-Sorte) wo die Kinder vier Weinstöcke als Patenschaft über das ganze Jahr betreuen. Vom Rebschnitt bis zur Lese machen sie alles selbst, alles in Handarbeit. Wir treffen uns fünfmal im Jahr. Der krönende Abschluss ist die Traubenlese mit anschließendem Keltern und Pressen. Den Saft dürfen die Kinder dann mit nach Hause nehmen.

Das hört sch fantastisch an, schließlich sind die Kinder heute oft weit weg von der Landwirtschaft.
Genau das ist der Punkt. Viele wissen gar nicht mehr, was draußen in der Natur los ist, was angepflanzt wird oder wie das bearbeitet wird. Auch wenn es um Wein geht (also Alkohol) können wir den Kindern zeigen, was wir das ganze Jahr über in Handarbeit machen. Wein ist schließlich auch ein Kulturgut, das zur DNA Europas gehört.
Alkoholfreie Alternativen: Mit Seele
Apropos alkoholfrei: Merken Sie den Trend zu alkoholfreien Produkten?
Im Selbstvermarktungsbereich merken wir die Veränderung ehrlich gesagt nicht. Wir verkaufen unseren Wein durch unsere Persönlichkeit, sind auf vielen Weinmessen unterwegs, machen Weinwanderungen. Das Interesse an Wein ist ungebrochen groß.
Was alkoholfreien Wein angeht, muss ich ehrlich sein: Das ist ein Industrieprodukt. Da ist keine Seele mehr drin. In jedem unserer Weine steckt seine eigene Geschichte, seine eigene Seele, das habe ich beim alkoholfreien Wein nicht.
Was bieten Sie stattdessen an?
Wir haben neben dem Weingut noch etwa 600 Apfelbäume und versuchen, alles zu vermarkten, was wir selbst produzieren. Das ist dann unsere alkoholfreie Variante – mit Seele. Unser Apfel-Quitten-Saft-Secco ist übrigens der absolute Renner!
Für Hochzeiten, wo auch die Fahrer etwas Schönes trinken wollen oder für Kinder, die beim Anstoßen dabei sein möchten: Mit einem Traubensaft-Secco im Sektglas sieht das festlich aus und schmeckt auch besser als Wasser.
Bezugsquellen
Wo kann man Ihre Weine kaufen?
Ganz bequem in unserem Online-Shop. Der Versand geht deutschlandweit, wenn DPD flott ist, ist der Wein in einem Tag da, ansonsten sollte man ein bis drei Tage einplanen.
Natürlich kann man auch direkt bei uns in Mainz-Ebersheim vorbeikommen. Und wer Lust auf eine Weinwanderung hat: Ab vier Personen laufen wir los. Einfach bei mir melden!



Blütenmuskateller (lieblich)
Im Glas entfalten sich florale Noten, zarte Muskatnuancen und ein Hauch exotischer Frucht. Perfekt als Aperitif oder zu leichten Desserts.

Scheurebe (trocken)
Intensive Aromen von Schwarzer Johannisbeere, Grapefruit und exotischen Früchten. Fruchtigkeit im Vordergrund, ohne aufdringlich zu werden.

Drei Brüder – Rotwein Cuveé
Cuvée aus Spätburgunder und Frühburgunder, kreiert von den drei Söhnen des Weinguts. Samtige Tannine, elegante Frucht und ein harmonischer Körper mit Reifepotenzial.
Tradition mit Zukunft
Becker das Weingut vereint, was guten Familienbetrieb ausmacht: Eine über 130-jährige Geschichte, die mit Leidenschaft weitergeschrieben wird. Alexandra und Marco Becker haben aus dem klassischen Mischbetrieb ein modernes Weingut geformt: mit Pioniergeist bei Piwi-Rebsorten, Engagement für Nachhaltigkeit und einem Kinderwingert, der die nächste Generation für den Weinbau begeistert.
Dass gleich drei Söhne bereitstehen, das Erbe weiterzuführen, ist nicht nur beruhigend für die Zukunft, es hat auch schon einen eigenen Wein hervorgebracht. Die „Drei Brüder“-Cuvée ist mehr als ein Rotwein: Sie ist ein Versprechen, dass die Familientradition in besten Händen liegt.
Becker das Weingut
Dalbergstr. 7
55129 Mainz Ebersheim
Website: https://www.becker-das-weingut.de
Rebfläche: 20 Hektar
Besonderheit: Familienbetrieb in 8. Generation, Piwi-Pioniere seit über 20 Jahren, Mitbegründer des Netzwerks Nachhaltiger Weinbau Rheinhessen.
